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Neue Studie stellt Kanton und Sprachenorganisation kein gutes Zeugnis aus

Die Konzentration der Gelder im Bildungsbereich, mehr Demokratie bei der Lia Rumantscha und Sprachkurse für kantonale Angestellte: Das fordert eine aktuelle Studie zur Sprachenförderung.

Olivier
Berger
Freitag, 31. Mai 2019, 04:30 Uhr Sprachenförderung
Mittelkonzentration, wo es nützt: Der Bildungsbereich ist zentral für die Sprachenförderung.
ARCHIV

Der Titel klingt sperrig, der Inhalt ist brisant: Im Auftrag des Bundesamts für Kultur hat das Zentrum für Demokratie Aarau den Bericht «Massnahmen zur Erhaltung und Förderung der rätoromanischen und italienischen Sprache und Kultur im Kanton Graubünden» erarbeitet.

Der Bund wollte von den Forscherinnen und Forschern aus Aarau wissen, wie sich die heutigen Massnahmen zur Sprachenförderung im Kanton ausgewirkt haben. Und: Die Studie soll mit als Entscheidungsgrundlage dienen, wenn die Gelder für die Förderperiode der Jahre 2021 bis 2024 vergeben werden. Befragt wurden für das Papier 54 Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft in Graubünden sowie elf Fachleute.

Die Verfasserinnen und Verfasser verweisen darauf, dass sich die Situation des Romanischen und des Italienischen in Graubünden grundlegend unterscheiden. «In Bezug auf die rätoromanische Sprache besteht bereits mittelfristig die Gefahr einer existenziellen Bedrohung», schreiben sie. Auf die italienische Sprache treffe das nicht zu. «Die grösste Herausforderung für das Italienische besteht vielmehr im Verhältnis der einzelnen Sprecherinnen und Sprecher zu den kantonalen Behörden und staatsnahen Betrieben.»

Der Kanton «zu zögerlich»

Die Resultate der Studie fallen ernüchternd aus – nicht nur, was die romanische Schriftsprache Rumantsch Grischun angeht. So kommt das Papier zum Schluss: «Insbesondere der Kanton Graubünden, dem die Hauptverantwortung für die Erhaltung der rätoromanischen und italienischen Sprache in Graubünden zukommt, nimmt die ihm aufgetragene Verantwortung nur zögerlich wahr.»

Bei dieser Einschätzung stützten sich die Verfasserinnen und Verfasser der Studie auf die Antworten der befragten Personen. Diese sind demnach der Meinung, dass die Situation der Sprachminderheiten im Kanton «auf dem Papier sehr gut» ist. Im Alltag sehe es aber anders aus. «Im Bereich der Mehrsprachigkeit wird der Kanton Graubünden von vielen als wenig aktiv wahrgenommen.»

Kritik gibt es vor allem an den Sprachkenntnissen der kantonalen Verwaltung. Von Vertreterinnen und Vertretern Italienischbündens werde «die mangelnde Mehrsprachigkeit der kantonalen Verwaltungsstellen scharf kritisiert», heisst es dazu in der Studie. «Besonders im Gesundheitsbereich – konkret in den Spitälern – sei der Mangel an italienischsprachigem Personal erheblich.» Zudem würden bei der Stellenvergabe durch den Kanton «Deutschsprachige klar bevorzugt».

Kritik an den Organisationen

Kritik erntet in der Studie nicht nur der Kanton, auch die romanische Sprach- und Kulturorganisation Lia Rumantscha (LR) muss sich unangenehmen Fragen stellen. So hätten gleich mehrere Befragte die Strukturen der LR als «wenig demokratisch» bezeichnet, heisst es in der Studie. «In den letzten Jahrzehnten habe die Organisation nicht mehr auf die Bevölkerung gehört.» Zudem wird eine «fehlende Transparenz in der Subventionierung» bemängelt.

Besser kommt die Italienischbündner Sprach- und Kulturorganisation Pro Grigioni Italiano (PGI) weg. Diese wird «insgesamt positiv» beurteilt, wie die Verfasserinnen und Verfasser schreiben. «Manche empfanden die Kulturförderung jedoch als zu elitär.» Die PGI solle sich «vor allem gegen die von ihnen empfundene Diskriminierung der Italienischsprachigen in der Kantonsverwaltung und in den anderen kantonalen Institutionen einsetzen».

Geld für Bildung statt Kultur

Aus den Kritikpunkten am heutigen Zustand ergeben sich für die Verfasserinnen und Verfasser der Studie vier sogenannte Hauptempfehlungen. Zentral ist dabei vor allem eine Neuausrichtung der Mittel für das Romanische, wie sie schreiben: «Angesichts der prekären Sprachsituation des Rätoromanischen empfiehlt sich der konzentrierte Einsatz finanzieller Mittel im Bildungssektor.» Dies gelte sowohl für die Gelder des Kantons wie für jene der Lia Rumantscha. «Auf der anderen Seite wäre zu überlegen, ob auf verschiedene von der LR bislang unterstützte Nischenangebote aus dem Kulturbereich verzichtet werden kann.»

Weiter schlägt das Papier einen Ausbau des Angebots für das Romanische ausserhalb des Kantons vor, darunter Kurse, «die sich an Schulkinder aus rätoromanischen Familien richten».

In der kantonalen Verwaltung sollen künftig in jedem Amt «alle drei Amtssprachen derart vertreten sein, dass die Mitarbeitenden die mündliche und schriftliche Kommunikation in allen drei Amtssprachen selber sicherstellen können». Nicht grundsätzlich infrage gestellt wird das heutige System, wonach der Kanton die Sprachenförderung aufgrund einer Leistungsvereinbarung mit dem Bund sicherstellt.

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