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Jon Pult will in den Ständerat und glaubt an den «Geist des Wandels»

Dass Jon Pult im Herbst nach Bern gewählt wird, darf man als gesichert ansehen. Ob es die grosse oder doch die kleine Kammer wird, ist allerdings noch offen. Kandidieren tut der Churer für beide – wenn auch mit ganz unterschiedlichen Erfolgsaussichten.

Oliver
Fischer
Dienstag, 28. Mai 2019, 13:19 Uhr Ständeratswahl
Jon Pult steht offen zu seinen politischen Ambitionen.
OLIVIA ITEM

Jon Pult ist zwar erst 34, gehört im Kanton Graubünden aber seit 15 Jahren zu den aktivsten und umtriebigsten Politikern. Dass er diesen November für die SP als Nachfolger von Silva Semadeni in den Nationalrat einziehen wird, daran bestehen kaum Zweifel – bereits vor vier und acht Jahren fehlte dem in Chur aufgewachsenen Pult nur wenig zur Wahl nach Bern. Ob er es allerdings mit seiner gleichzeitigen Ständeratskandidatur gar ins Stöckli schafft, ist eher ungewiss. Denn die Konkurrenz ist stark, in Bern seit acht Jahren etabliert und gehört regelmässig zum Kreis derer, die auch als Bundesratskandidaten gehandelt werden: Martin Schmid von der FDP und Stefan Engler von der CVP.

Es wäre ein historisches Ereignis, sollte Pult den Sprung in den Ständerat schaffen. Er wäre der erste SPler aus Graubünden im Stöckli und es wäre das erste Mal überhaupt, dass die Bündner Ständeratssitze nicht in der Hand der Bürgerlichen wären. Dass er selbst an seine Chance glaubt, ist nicht nur zwingend für eine Kandidatur, sondern auch logisch, betrachtet man Pults bisherigen Werdegang und seinen Ruf, der längst weit über die Kantonsgrenzen hinausreicht. Seit Jahren gilt er als einer der kommenden SP-Hauptakteure: Gründungsmitglied der Juso Graubünden, politisch erfahren, rhetorisch gewandt und drei Landessprachen fliessend sprechend, wartet man in der SP Schweiz schon fast sehnsüchtig auf Pults Ankunft in Bern. Bereits 2014 adelte die NZZ ihn als «eines der grössten Talente in der Schweizer Politik».

«Offen zu Ambitionen stehen»

Diesen Vorschuss-Lorbeeren – wobei das mit dem Vorschuss bei seinem politischen Werdegang eigentlich nicht mehr stimmt – will er jetzt auf der nationalen Bühne gerecht werden. Und das am liebsten im Ständerat, wie er zum Auftakt seines Wahlkampfs am Dienstag in Chur sagte. «Politiker sollen offen zu ihren Zielen und Ambitionen stehen. Nach 15 Jahren in der kommunalen und kantonalen Politik fühle ich mich bereit für die nationale Ebene.»

Dass Graubünden nach 170 Jahren und 41 bürgerlichen Ständeräten bereit ist für den ersten linken Standesvertreter, davon ist Pult und ist die SP Graubünden überzeugt. «Ich bin überzeugt, dass ein Geist des Wandels in der Politik herrscht. Das hat man schon im letzten Jahr bei den Regierungs- und Grossratswahlen gesehen. Es gibt ganz viele Leute, die echte Veränderungen in der Politik wollen und vor allem eine Politik, die mehr auf das Gemeinwohl fokussiert, als auf zahlreiche wirtschaftliche Einzelinteressen», gibt sich Pult zuversichtlich. Er sei ausserdem überzeugt, dass Graubünden eine Auswahl brauche und nicht die amtierenden Vertreter einfach durchgewunken werden sollten.

Der bündnerischste Bündner

Und obwohl er politisch alles andere als ein Jungspund ist, sieht sich Pult sehr wohl als Vertreter einer jungen Politik, einer neuen, modernen Generation, «die über den Tellerrand hinausschaut und neben den bündnerischen auch europäische Wurzeln hat.» Und bündnerischer als Pult ist selten jemand. Romanisch- und Italienisch-sprechend ist er zunächst aufgewachsen, Deutsch eigentlich erst seine Drittsprache. Man glaubt es kaum, wenn man ihn sein Wahlkampfprogramm vorstellen hört. Die «rhetorische Urgewalt», die ihm die «NZZ» vor bald fünf Jahren attestierte, man hört und spürt sie.

Seine Wahlchancen gegen die etablierten Martin Schmid und Stefan Engler, man mag sie als eher gering einschätzen, auf die Rededuelle mit den beiden Kontrahenten darf man sich in Graubünden freuen. Und da wird es einige sehr grundsätzliche Gegenpositionen geben, die ausdiskutiert werden können. Er bezeichnet sich selbst zwar als politischen Generalisten, der sich ganz ehrlich für alle Themen begeistern und interessieren kann, vier Schwerpunkte für seine Kampagne und seine politische Arbeit in Bern setzt er dennoch – und die positionieren ihn sehr deutlich als linken Vertreter und heben ihn deutlich von den FDP- und CVP-Kandidaten (und SVP, sofern sich die Partei dann noch dafür entscheidet, ebenfalls ins Ständeratsrennen einzusteigen) ab.

Vier politische Schwerpunkte

Eine Politik gegen die Klima- und Umweltkatastrophe wolle er betreiben, denn die Schweiz und gerade auch Graubünden würden diesen besonders ausgeprägt zu spüren bekommen. «In der kommenden Legislatur müssen wir wirksame Mittel und Massnahmen finden, um den Klimawandel zu bekämpfen. Wenn wir nicht substanzielle Verbesserungen hinbekommen, wird das Leben für viele Menschen, gerade auch in Graubünden, sehr bald sehr viel schwieriger», ist Pult überzeugt.

Er fordert Fortschritte im Bereich der Gleichstellung und in der Familienpolitik und sieht darin etwa eine entscheidende Massnahme im Kampf gegen die Bevölkerungsabwanderung aus den Bündner Bergtälern. «Es geht um konkrete Massnahmen, um das Berggebiet attraktiver für Familien und junge Leute zu machen.»

Eine offene und soziale Schweiz, darauf sei der Kanton Graubünden als Grenz- und Tourismuskanton besonders angewiesen und profitiere umso mehr von offenen Grenzen und einer guten europäischen Zusammenarbeit. Ein EU-Turbo ist er deswegen nicht, sieht er doch den Kampf um die flankierenden Massnahmen zu den bilateralen Verträgen als essentiell. «Die flankierenden Massnahmen haben dafür gesorgt, dass unsere Schweizer Löhne nicht gesunken sind und unserer Sozialwerke wie die AHV sorgen für Gerechtigkeit und halten unsere Gesellschaft zusammen», sagt Pult und fügt an: «Öffnung und soziale Sicherheit zu verbinden, ist nicht immer einfach. Aber es ist unabdingbar.»

Mit seinem letzten Schwerpunkt – gegen den Filz und übermächtige Lobbys – setzt der Herausforderer Pult auch eine kleine Spitze gegen seine beiden amtierenden Kontrahenten. Er betont nämlich, dass er ausser seinem Job keinerlei wirtschaftlichen Interessenbindungen habe und sagt auch, im Falle seiner Wahl würde er keine Mandate annehmen. «Filz ist eine Realität, auch im Ständerat», sagt er, «die Politik hat nicht nur einen guten Ruf. Will sie das Vertrauen zurückgewinnen, muss sie unabhängig vom Klüngel der wirtschaftlichen Sonderinteressen sein.» Er nennt natürlich keine Namen, aber man kommt nicht umhin, an Stefan Engler (CVP, 9 Mandate) und Martin Schmid (FDP, 18 Mandate) zu denken.

Wahlchance für den Ständerat hin oder her, Jon Pult dürfte mit seiner Ständerats-Kandidatur und seiner Kampagne mindestens für einen spannenden Wahlsommer und -herbst in Graubünden sorgen. Und vielleicht wird sein Wunsch ja noch wahr und die SVP lanciert ebenfalls noch eine Ständerats-Kandidatur: «Ich hoffe es.»

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Ach was, der Mann Pult hat null Chancen für den Ständerat, und das ist auch gut so. Er nutzt die SR-Kandidatur nur, um den Frauen auf der SP-Nationalratsliste den Sitz für den Nationalrat wegzuschnappen. Soviel zum Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau.