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Bundesrat Ignazio Cassis: «Es gibt keine Peripherie»

Gestern Samstag hat Bundesrat Ignazio Cassis das Münstertal besucht. Anlass war das 90 Jahre Jubiläum der Handweberei Tessanda Val Müstair. Cassis hat aber auch noch einen Rundgang im Gesundheitszentrum Val Müstair gemacht sowie das Unesco Welterbe Kloster St. Johann in Müstair besucht. Für unsere Fragen hat er sich ebenfalls Zeit genommen.

Fadrina
Hofmann
Sonntag, 08. Juli 2018, 10:30 Uhr Besuch im Münstertal
Bundesrat Ignazio Cassis während seinem Besuch im Kloster St. Johann.
PRESSEBILD

Der neue Bundesrat Ignazio Cassis, aus dem Tessin, hat am Wochenende den Kanton Graubünden besucht. Im Münstertal spricht er mit unserer Redaktorin über die Gründe für seinen Besuch.

Herr Cassis, warum haben Sie den weiten Weg in die Val Müstair auf sich genommen?
Ich habe bei meiner Bundesratswahl versprochen, dass ich eine besondere Sensibilität für italienisch- und rätoromanischsprachige Gebiete haben werde. Das sind Orte in der Schweiz, die selten einen Kontakt mit dem Bundesrat haben.Wenn ich schon als italienischsprachiger Bundesrat gewählt worden bin, will ich diesen Zusammenhalt auch verstärken. Und prinzipiell nehme ich fast alle Einladungen an, wenn es meine Agenda erlaubt.

Sie haben hier alle Herzen gewonnen, als Sie sagten: Es gibt keine Peripherie, es ist alles eine Frage der Perspektive. Für Graubünden ist dies ein grossartiges Statement.
Ja, für Graubünden und für das Tessin. Aber vergessen Sie auch nicht Basel Stadt. Obwohl es ein industrialisiertes Gebiet ist, leidet Basel Stadt darunter, als Randgebiet bezeichnet zu werden.Wir müssen die Sensibilität haben, dass die Schweiz nicht nur Mittelland ist, sondern die Schweiz sind auch die Randgebiete, die man nicht Randgebiete nennen darf. Denn je nach Perspektive sind sie überhaupt nicht am Rande. Die Identität darf nicht eine Randidentität sein. Diese Sensibilität ist bei mir natürlich genetisch drin, als Tessiner. Deshalb will ich mich dafür engagieren.

Eine Hauptaussage bei Ihrer Rede zum Jubiläum 90 Jahre Tessanda war, dass die Eigeninitiative wichtig ist für Gebiete, die nicht in Zentrumsnähe liegen. 
Nehmen wir unser Schicksal selber in die Hand. Das ist immer das beste Rezept. Man kann sich nicht zurücklehnen und auf Subventionen und staatliche Hilfe warten. Wir sind sehr stark dezentralisiert und sehr stark für das eigene Schicksal verantwortlich. Zuerst einmal sind das die Kantone und dann die Gemeinden. Die Schweiz ist voller Beispiele, die zeigen: Wenn die Eigeninitiative sehr stark ist, erfindet man sich selbst neu. Ich habe das Beispiel der neuen biologischen Käserei im Münstertal gemacht, die in einer Marktnische neue Produkte herstellen will. Die Val Müstair hat hier zwei Unesco-Welterbe-Label und viele intelligente und kreative Menschen: Machen Sie etwas Fantasievolles daraus! Heutzutage, in der digitalisierten Welt, können  Sie Ihre Produkte auf der ganzen Welt online verkaufen. Schauen Sie, was die Appenzeller mit ihrem Käse gemacht haben! Die Landwirtschaft in der Schweiz hat uns gezeigt, dass man mit weniger, dafür hochqualitative und ganz spezifische Produkte grosse Märkte erobern kann. 

Sie haben auch das Gesundheitszentrum Val Müstair besucht. Was ist der Grund dafür?
Der Regierungsrat Christian Rathgeb wollte mir zeigen, wie dieses Kleinstspital funktioniert. Aber für mich als Aussenminister ist vor allem interessant, welche Art der Zusammenarbeit mit dem italienischen Grenzgebiet, mit dem Südtirol, vorgesehen ist. Der Kanton und das Gesundheitszentrum haben Pläne, aber sie wissen nicht, welcher rechtliche Freiraum besteht und welche internationalen Beziehungen hier zum Tragen kommen.Da sind natürlich Bundespräsident Alain Berset als Gesundheitsminister und ich als Aussenminister prädestiniert, diese Fragen gemeinsam anzugehen. (fh)

Auch der Regierungsrat hat sich sichtlich über den Besuch des Bundesrates gefreut:

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