22 Jahre nach Srebrenica
Heute geht der letzte grosse Prozess zum Völkermord in Srebrenica zu Ende. Simon Lechmann hat mit Regula Metzger über die Hintergründe und die Geschehnisse von damals gesprochen. Die Journalistin und Buchautorin befasst sich seit Jahren mit dem Thema und war mehrfach im ehemaligen Krisengebiet.
Heute geht der letzte grosse Prozess zum Völkermord in Srebrenica zu Ende. Simon Lechmann hat mit Regula Metzger über die Hintergründe und die Geschehnisse von damals gesprochen. Die Journalistin und Buchautorin befasst sich seit Jahren mit dem Thema und war mehrfach im ehemaligen Krisengebiet.
Srebrenica war in einer Schutzzone und wurde von Blauhelmen aus Holland bewacht. Wie konnte es dazu kommen, dass das Massaker am 11. Juli 1995 trotzdem stattfinden konnte?
Regula Metzger: Die Blauhelme, das sogenannte Dutchbat, waren alles junge Leute und die hatten den klaren Befehl, jede Eskalation zu vermeiden und die Leute zu schützen. Zurzeit als Ratko Mladić mit seinen Truppen der bosnisch-serbischen Armee einmarschierte, sind Blauhelme als Geiseln genommen worden. Für die Blauhelme war klar, dass wenn sie nicht parieren, dann sterben die Geiseln. Das Dutchbat funkte immer wieder ans UNO-Hauptquartier mit der Bitte um Hilfe.
Man wusste also, dass etwas passiert oder konnte zumindest damit rechnen, dass etwas Schlimmes passiert. Hat hier die Weltgemeinschaft einfach zugeschaut?
Ich habe einen sehr guten Kollegen, der damals dort war. Dieser sagte, dass er ein Protokoll von hochrangigen amerikanischen Offizieren habe, das besagt, dass das Dayton-Abkommen nicht möglich gewesen wäre, wenn Srebrenica als Schutzzone und als muslimisches Gebiet erhalten worden wäre.
Was war denn das Dayton-Abkommen genau?
Das Dayton-Abkommen hatte den Frieden gebracht. Es war ein Abkommen zwischen kroatischen, serbischen und bosnischen Präsidenten, das in Amerika, in Dayton, ausgehandelt wurde. Dieses trat im Dezember 1995 in Kraft.
Dann könnte man es so sagen, dass man Srebrenica habe opfern müssen, um Frieden zu schliessen?
Ja, so zynisch kann man das sagen. Das stimmt. Man hatte Srebrenica geopfert, um Frieden schliessen zu können und das Dayton-Abkommen hatte den Frieden auch wirklich gebracht. Auf der anderen Seite hatte das Dayton-Abkommen aber einen Staat erschaffen, der unregierbar geworden ist. Es wurden bereits zahlreiche Anläufe für Dayton II und Dayton III und die Dayton-Reform unternommen. Diese sind allerdings immer gescheitert, weil das Dayton-Abkommen für sich ein Gebilde erschaffen hat, das unmöglich ist.
Die Leute aus Srebrenica sagen die Blauhelme haben es gewusst. Die Blauhelme selbst sagen, sie haben es nicht gewusst. Ich möchte glauben, dass die Blauhelme nicht wussten, dass alle umgebracht werden. Das möchte ich glauben. Auf der anderen Seite glaube ich schon, dass die Blauhelme eine Rolle gespielt haben. Wenn diese gesagt hätten «Hier machen wir nicht mit», dann wäre das sehr schwierig geworden, auch wenn die bosnisch-serbischen Truppen in der Übermacht gewesen sind. Ich glaube, dass wäre sehr schwierig gewesen, die Blauhelme alle zuerst umzubringen, um das Vorhaben durchzubringen. Ich weiss aber nicht, wenn ich selbst Blauhelm-Soldat gewesen wäre, ob ich das riskiert hätte.
Es hat verschiedene Tatorte gegeben, wo tausende Leute umgebracht und in Massengräbern verscharrt wurden. Auch dann noch sagte die UN, dass sie von nichts gewusst hätten. Spätestens dann, wenn 8 000 Männer und Jungen verschwinden und innerhalb von zwei bis drei Tagen umgebracht werden, hätte man das doch mitkriegen müssen?
Die Leute aus Srebrenica sagen, dass als sie in Srebrenica separiert wurden, mussten alle an einem Feuer vorbeigehen und ihre Dokumente hineinwerfen. Und die bosnischen Serben, die Soldaten, haben gesagt: «Die könnt ihr hineinwerfen, die braucht ihr nie mehr.» Schon alleine durch das, mussten die Blauhelme davon wissen. Für mich bleiben hier zwei Fragen offen. Erstens: Haben die Blauhelme das selbst realisiert, serbisch konnten sie nicht. Hatten sie jemanden, der ihnen das übersetzt hat? Und rein vom Gefühl her denke ich auch, dass sie etwas hätten machen müssen. Aber wenn ich in dieser Situation gewesen wäre, hätte ich auch nicht gewusst, ob ich etwas gemacht hätte.
Die UN und die Nato hatten also nicht eingegriffen, als fast 8 000 Männer und Jungen aus der Schutzzone von Srebrenica abtransportiert worden sind und danach gnadenlos erschossen wurden. Woher kommt dieser unglaubliche Hass auf einen Menschen, der zuvor mein Nachbar oder mein bester Freund gewesen ist?
Ich glaube, es muss eine unglaublich massive Hasspropaganda gegeben haben mit Schauergeschichten von der jeweils anderen Seite, die diese Leute auch wirklich geglaubt haben, als man gegenseitig ein unglaubliches Misstrauen und einen unglaublichen Hass bekommen hat. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht glaube, dass das eine spezifische Situation war, die nur dort hatte ausbrechen können. Ich glaube, in dieser Situation, einer politisch sehr instabilen Situation mit ganz schwierigen ökonomischen Problemen gepaart, hätte das überall passieren können. Wenn ich hier schaue, wie politische Diskussionen teilweise geführt werden und wie man von den anderen Lagern spricht, dann glaube ich, dass man sehr aufpassen muss, was man politisch macht und wie man sich politisch äussert, damit so etwas nicht passiert. In einem Land, in dem es einem so gut geht wie in der Schweiz, ist das schon möglich. Hier kann man sprechen wie man will. Aber wenn die ökonomische Situation schlecht wird, dann ist es vielleicht nicht mehr so einfach.
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