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«Die auf die Sperre Maloja aufgelaufenen Gegner zerschlagen ...»

Die Militärhistorische Stiftung Graubünden plant ein viertes Museum. Thematisiert wird dabei nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg nun auch der Kalte Krieg. Und dies geschieht in einem authentischen Umfeld. Ein Augenschein vor Ort.

Südostschweiz
Samstag, 18. März 2017, 18:26 Uhr Festung
Am Ende des Gangs wartet ein Maschinengewehr.

Von Dario Morandi (Text) und Yanik Bürkli (Bilder)

Der Eingang ist von der Kantonsstrasse aus zwischen Alvaneu und Brienz nicht gleich auszumachen. Er liegt, gut versteckt vor neugierigen Blicken, in einer kleinen Schlucht im Albulatal. Selbst wenn man unmittelbar vor der geheimnisvollen Pforte steht – man sieht sie kaum. Kein Wunder: Sie erscheint als Teil der Felswand. Das mit felsähnlichem Spritzbeton zugekleisterte und deshalb gut getarnte Portal bildet den Zugang zu einer einst hochsensiblen militärischen Anlage, die von den Generälen bis vor Kurzem noch als «streng geheim» klassifiziert wurde. Es ist die 2004 stillgelegte Befehlszentrale der Grenzbrigade 12 beziehungsweise der Gebirgsdivision 12.

Dann schwingt das imaginäre Felstor auf und gibt zunächst den Blick frei auf eine dicke Panzertüre und einen etwa 100 Meter langen Gang. An dessen Ende lauert eine mit Beton befestigte, kaum zu überwindende Maschinengewehrstellung. Es riecht muffig, und «heimelig» ist es bei acht Grad Stollentemperatur auch nicht gerade. Kein freundlicher Empfang unter Tage. Das muss auch so sein. Denn etwa 200 Meter hinter der Sperre befindet sich das einstige Nervenzentrum der beiden grossen Bündner Truppenverbände. Deren Angehörige wurden vor Jahren unter anderem im Zusammenhang mit der Reform Armee XXI in die Gebirgsinfanteriebrigade 12 integriert. Und diese wird Ende Jahr ebenfalls aufgelöst. Doch das ist eine andere Geschichte.

In letzter Minute gerettet

Dass seit 1945 und später während des Kalten Krieges in einem unscheinbaren Felsmassiv des Albulatals alle Fäden der militärischen Führung in Graubünden zusammenliefen, wussten bloss ein paar hochrangige Geheimnisträger. Einer von ihnen ist der letzte Kommandant der Grenzbrigade 12, alt Brigadier Fritz Meisser. Der ehemalige Banker aus Arosa hat in der Anlage viele Wochen Dienst geleistet. Zusammen mit seinen Kameraden der Militärhistorischen Stiftung Graubünden hat Meisser – wie weitere Festungswerke in Graubünden (siehe Kasten) – nun auch den Kommandoposten Alvaneu gewissermassen in letzter Minute vor dem Rückbau durch die Armee bewahrt.

Die Stiftung hat den Felsbunker im vergangenen Jahr von der Armee erworben, um in der Kaverne ein Museum zum Thema «Kalter Krieg» einzurichten. Nachdem sowohl dieser geheim gehaltene Bunker als auch die geheimen Einsatzbefehle der Grenzbrigade 12 inzwischen deklassiert worden seien, könne den Museumsbesucherinnen und Museumsbesuchern «Einblick in die damaligen Verteidigungsvorbereitungen im Kanton Graubünden gegeben werden», erklärt Meisser. Mit der Aufhebung der Geheimhaltung werde damit «schweizweit ein einmaliges Vorzeigeobjekt geschaffen», glaubt er.

Einsicht in Einsatzbefehle

Ab 2018, wenn das Museum seine Tore öffnet, werden mittels elektronischer Inszenierungen und dreidimensionaler Modelle die damaligen Bedrohungs- und Feindlagen dargestellt. Ausserdem können die Besucher auf geführten Rundgängen Einsicht in Einsatzbefehle nehmen. Im Museum wird weiter zu sehen sein, wo genau sich in Graubünden während des Kalten Kriegs Sprengobjekte (Brücken, Strassen usw.), Verminungsgelände, Geländehindernisbauten und verbunkerte Waffenstellungen befanden.

Den Durchmarsch verhindern

Doch was war die Aufgabe des geheimen Kommandopostens Alvaneu? Von der Felskaverne aus, in der etwa 80 Offiziere und Soldaten Platz fanden, hätten die Kommandanten der Grenzbrigade und später der Gebirgsdivision ihre Truppen entlang der Bündner Transitachsen geführt und angewiesen, den Durchmarsch eines Gegners zu verhindern oder dann zumindest zu verlangsamen. Mit Betonung auf «verlangsamen»: Den Rest hätten dann Panzerverbände in den Weiten des Unterlandes erledigt. So sah es die damalige Schweizer Militärdoktrin vor.

Startbereit in den Kavernen

Doch zurück in die Tiefen des Kommandobunkers: Der wirkt, als hätte ihn die Truppe erst vor ein paar Tagen verlassen. Die beiden Saurer-Dieselmotoren, die bei Ausfall des öffentlichen Stromnetzes die Energieversorgung übernommen hätten, stehen startbereit in ihren Kavernen. Der letzte Ölwechsel ist auf einer Etikette mit 2009 datiert. Geradezu liebevoll gepflegt wirken auch die anderen technischen Anlagen, die beim Bau des Bunkers zwischen 1945 und 1967 offenbar für die Ewigkeit konzipiert worden sind. Auch die Küche, die Speisesäle und die Unterkünfte sind voll ausgerüstet. Die Armee hat beinahe alles zurückgelassen, sogar die Funkgeräte und Telefone stehen in der Übermittlungszentrale. Und an der Wand vor dem Speisesaal orientiert eine Anzeigetafel über den Bereitschaftsgrad, von «normal» über «Kampfzustand» bis hin zu «Atomalarm» ist da zu lesen.

Absichten des Kommandanten

Das Beste ist im Rapportraum zu sehen: Dort hängen die einst geheimen Einsatzbefehle. Damit es zu keinen Missverständnissen durch krakelige Schriften kommen konnte, wurden die «Absichten des Kommandanten» sorgfältig in der Schönschrift eines Musterschülers auf Packpapier hingeschrieben. «Im Bergell und Puschlav den Gegner mit Jagd- und Verzögerungskampf frühzeitig abnützen», steht da. Oder: «Mit der Artillerie Luftlandetruppen primär im Raum Sils-Maria-Maloja bekämpfen und sekundär auf die Sperre Maloja aufgelaufene Gegner zerschlagen.»

Draussen scheint derweil die Frühlingssonne über dem Albulatal. Die Zeugen des Kalten Kriegs bleiben im Berg verwahrt. Das ist gut so. Aber anschauen sollte man sie sich. Um in Erinnerung zu rufen, was es heisst, in Frieden leben zu dürfen.

Bündner Militärgeschichte hautnah erleben
Die Militärhistorische Stiftung Graubünden betreibt bisher drei verschiedene Museen: das Militärmuseum St. Luzisteig, das Festungsmuseum Crestawald und das Museum 194/18 in Sta. Maria im Münstertal. Auf der St. Luzisteig wird die Militärgeschichte der vergangenen Jahrhunderte rund um die einst strategisch wichtige St. Luzisteig thematisiert.
Das Festungsmuseum Crestawald zwischen Sufers und der Roflaschlucht dokumentiert die Abwehrbereitschaft der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. «In Zeiten echter Bedrohung und Gefahr», wie es heisst.  Der militärhistorische Wanderpfad im Gebiet Stelvio/Umbrail mit dem Museum in Sta. Maria steht als Zeitzeuge des Ersten Weltkriegs. Der Lehrpfad führt zu den Spuren der hochalpinen Verteidigungsanlagen im Grenzabschnitt zwischen der Schweiz und Italien. (so)

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