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Mäzenin macht Susch zum Kunstmekka

Am Fusse des Flüelapasses entsteht Grosses. Die polnische Milliardärin Grazyna Kulczyk errichtet mit ihrer «Fundaziun Muzeum Susch/Art Stations Foundation» ein Kunstmuseum mit Ausstrahlung weit über Tal und Kanton hinaus.

Südostschweiz
Donnerstag, 05. Januar 2017, 07:30 Uhr Neues Museum

von Marina U. Fuchs

Erst im Winter 2018 wird das «Muzeum Susch» seine Türen für die Besucher öffnen. Doch schon länger ist die Baustelle oberhalb des Dörfleins im Unterengadin Gesprächsstoff. Es gab Gerüchte und Mutmassungen, aber was nun genau am Entstehen ist, wusste keiner so recht. Nun hat das Rätselraten ein Ende.

Die polnische Kunstsammlerin und Unternehmerin Grazyna Kulczyk besitzt seit einiger Zeit ein Haus am Talende, in Tschlin. Nach eigenem Bekunden verbringt sie dort mehr Zeit als nur ein paar Ferienwochen. Nun lässt die Milliardärin im idyllischen Susch ein Museum für zeitgenössische Kunst bauen. Dafür hat sie ein junges Team um sich geschart.

Kürzlich wurde die «Muzeum Susch/Art Stations Foundation» gegründet. Der Stiftungsrat besteht neben der Gründerin aus dem Kurator, Kunstkritiker und Kunsthistoriker Andrzej Przywara und der renommierten Schweizer Kunsthistorikerin Jacqueline Burckhardt, die unter vielem anderem Mitherausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift «Parkett» ist.

Geplant ist ein lebendiges Zentrum für künstlerische Kreativität und Kunstvermittlung. Das «Muzeum Susch» will neben Kulczyks umfangreicher, internationaler Kunstsammlung – mit dem Schwerpunkt polnische und mitteleuropäische Nachkriegskunst – auch temporäre Ausstellungen und neue künstlerische Produktionen zeigen. Die Stiftung will Künstlerresidenzen schaffen und Events organisieren, die zwischen Ost und West vermitteln, sowie Künstler und Kunstproduzenten aus unterschiedlichen Bereichen zusammenbringen.

Der Zufall brachte sie ins Engadin

Grazyna Kulczyk studierte Recht und war mit einem der reichsten Polen, Jan Kulczyk, verheiratet. Sie selbst hat sich vor allem durch Beteiligungen an internationalen Konzernen ein grosses Vermögen erarbeitet. Die schillernde Unternehmerin verknüpft in neu geschaffenen, riesigen Einkaufszentren Kunst mit Kommerz, finanziert Kultur- und Infrastrukturprojekte und ist mäzenatisch tätig.

«Der Zufall spielt bei all meinen Aktivitäten eine Rolle», erklärt Kulczyk im Gespräch mit der «Südostschweiz» auf der Baustelle in Susch. «Bei einem Besuch bei Freunden im Engadin entdeckte ich die Schönheit des Tals, kam zufällig auf Tschlin und habe dort ein altes Engadiner Haus gekauft.»

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Die polnische Milliardärin Grazyna Kulczyk will ihren Wohnsitz nach Susch verlegen. Pressebild

Nachdem Kulczyk beim Vorbeifahren das Objekt in Susch entdeckt hatte, eine lange Zeit leer stehende historische Brauerei aus dem 19. Jahrhundert, beauftragte sie nach dem Kauf zwei Architekten. Umgebaut wird das Kunstzentrum von Chasper Schmidlin, der aus der «Schellen-Ursli-Familie» stammt und im Tal aufgewachsen ist, und Lukas Voellmy. Spezialisiert haben sich die beiden Architekten auf die Instandsetzung und Neuinterpretation von Engadiner Häusern und die Konzeption von Kunstgalerien.

Für das «Muzeum Susch» orientieren sie sich an den vorhandenen historischen Strukturen der Brauerei, nehmen jedoch diskrete Interventionen vor und erweitern den Bau durch zwei unterirdische grosse Ausstellungsräume im Fels.

Das von aussen kaum sichtbare labyrinthische Miteinander fasziniert in seiner Vielfalt von räumlichen Konzepten, der Kombination von altem und neuem Holz, einer Felshöhle, Beton, steilen Treppen, weissen Räumen. Aus rohen Felswänden sickert Wasser, das früher für die Bierbrauerei verwendet wurde.

Dem Aussenbereich des Museums soll dieselbe Bedeutung zukommen wie dem Innenraum. Er wird vom renommierten Landschaftsarchitekten Günther Vogt gestaltet.

Museum mit Künstlerresidenzen

«Eine grosse Herausforderung war es, einen spannenden Dialog zwischen Bestand und Neuem zu schaffen. Zudem braucht es gute Bewegungsabläufe und Sichtkontakte», betont Schmidlin. «Anspruchsvoll ist auch das Zusammenbringen von Vision, Realisierbarkeit und Vorgaben der Denkmalpflege.»

Über 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden ergänzt durch Räumlichkeiten für Konferenzen und Performances, eine Bibliothek, Arbeitsplätze, ein Atelier und Bistro. Gearbeitet wird mit ortsansässigen Handwerkern. Über die Kosten des Projekts wurde nicht gesprochen.

Zum ursprünglichen Gebäude wurden inzwischen noch weitere alte Engadiner Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft erworben, die in das Konzept integriert und teilweise als Künstlerresidenzen dienen werden. Kulczyc plant zudem, ihren Wohnsitz nach Susch zu verlegen.

Ein kontinuierlicher Prozess

Kulczyks anspruchsvoller Sammlung liegt der Gedanke zugrunde, auf die Geschichte zurückzugreifen, um Dialoge zu fördern. Ihr Blick richtet sich auch auf feministisches Engagement und Übergangenes, Marginales. In Susch wird die ständige Sammlung durch ortsspezifische Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern erweitert.

Beides soll ineinander übergehen, interagieren und zu neuen Ideen, Dialogen und Fragestellungen führen. Den Anfang macht bereits jetzt eine eindrückliche Intervention: eine riesige, schwarze Eisenskulptur von Monika Sosnowska im ehemaligen, blendend weiss gestrichenen Eisturm der Brauerei.

Die Macher und ihre Pläne

Kuratoren des Museums sind die international tätigen Fredi Fischli und Niels Olsen. Eckpfeiler ihres Konzepts sind «Fragen statt Gewissheiten», die Begegnung und der Austausch zwischen den Generationen, zwischen Künstlern und Kulturinstitutionen und die Produktion von Wissen. Aufgearbeitet werden soll dieses in anspruchsvollen Publikationen über das Erschaffen von Kunst. Auch das Rätoromanische soll als produktives Erbe gepflegt werden. Angesprochen werden soll ein lokales und internationales Publikum.

Bis zur Eröffnung organisiert das Museum Events und Workshops, um die Öffentlichkeit in den Bauprozess einzubeziehen. Angestrebt wird auch ein intensiver Austausch mit anderen regionalen Kunstprojekten und Zentren. Ende Januar findet der erste Anlass, eine gemeinsame Veranstaltung mit den Engadin Art Talks, in Zuoz statt.

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