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«Man soll sagen: ‘Wenigstens hat der Lebrument immer klar gesagt, was er denkt’»

Hanspeter Lebrument tritt nach 13 Jahren als Präsident der Verleger zurück. Im Interview spricht er über den Verbandsaustritt von Ringier, Christoph Blochers Mediengelüste und seinen Feind SRG.

Südostschweiz
Donnerstag, 18. August 2016, 17:50 Uhr Interview mit Hanspeter Lebrument
Hanspeter Lebrument gibt sein Amt als Verlegerpräsident ab. Bild Marco Hartmann

Manch einer seiner Gegenspieler mag ihn in den vergangenen fast anderthalb Jahrzehnten ins Pfefferland gewünscht haben: Hanspeter Lebrument, Chef der «Südostschweiz», war ein angriffiger und umstrittener Verlegerpräsident. Jetzt tritt er ab. Und reist zwar nicht ins Pfefferland, aber immerhin ans andere Ende der Welt.

 

mit Hanspeter Lebrument
sprach Dennis Bühler

Herr Lebrument, Sie galten als «ewiger Präsident». Warum treten Sie nun als Chef des Verbandes Schweizer Medien zurück?
Hanspeter Lebrument: Mit 75 Jahren hat man das Recht zurückzutreten, erst recht wenn man wie ich seit kurzem verheiratet ist – meine Ehefrau und ich machen bald eine schöne Reise nach Australien. Während 13 Jahren war ich sehr gerne Präsident, jetzt trete ich sehr gerne zurück. Den Zeitpunkt ein Jahr vor den Gesamterneuerungswahlen habe ich bewusst gewählt, damit keine Spekulationen über meine Nachfolge ins Kraut schiessen.

Sie verlassen den Kahn auf rauer See: Der Verlegerverband ist nach dem Austritt von Ringier im vergangenen Jahr geschwächt.
Das ist so. Ich bedauere es sehr, dass uns Ringier verlassen hat – und hoffe, dass der Verlag bald zurück an Bord kommt.

Ringier trat aus Ihrem Verband aus, um mit der SRG und der Swisscom die Werbeallianz Admeira zu schliessen. Sie konnten den Eklat nicht verhindern – Ihre grösste Niederlage als Verlegerpräsident?
Die Chefs der Zürcher Medienhäuser Tamedia und Ringier standen sich damals sehr feindlich gegenüber, bei einer emotionalen Sitzung kam es zur offenen Konfrontation. Es gelang mir zu wenig, zwischen den erhitzten Gemütern zu vermitteln. Das kann man durchaus als Niederlage bezeichnen.

Halten Sie Admeira noch immer für falsch?
Mehr als das: Ich halte diese Werbeallianz für absolut falsch.

Sie klingen noch immer wütend.
Wir privaten Verleger unterstützten im Juni 2015 die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes – ohne zu wissen, dass die SRG, Swisscom und Ringier schon während des Abstimmungskampfs hinter unserem Rücken Admeira ins Leben riefen. Wir fühlten uns hintergangen. Der Austritt Ringiers aus dem Verband ist der daraus entstandene Flurschaden.

Medienministerin Doris Leuthard erteilte der Werbeallianz von SRG, Swisscom und Ringier Ende Februar ihren Segen.
Das hat mich enttäuscht, nicht aber überrascht. Doris Leuthard hatte uns Verlegern häufig unterstellt, wir seien zu wenig innovativ und unser einziges Zukunftsrezept seien Zukäufe. Wohl deshalb stand sie Admeira unkritisch gegenüber. Doch auch wenn ich nicht immer gleicher Meinung war wie die Bundesrätin, möchte ich betonen: Doris Leuthard ist keine Feindin von mir, ich bin mit ihr persönlich gut ausgekommen. Es ist ihr Verdienst, dass das Online-Werbeverbot für die SRG nach wie vor gilt.

Dennoch: Die SRG lobbyiert in Bern viel erfolgreicher als die privaten Verleger.
Kein Wunder. Während die Interessen der privaten Verleger teilweise divergieren, kann die SRG mit einer Stimme sprechen. Ihr Generaldirektor tut tagein, tagaus nichts anderes, als zu lobbyieren.

Während Ihrer gesamten Präsidentschaft wetterten Sie gegen die SRG, deren Führung um Generaldirektor Roger de Weck Sie zuletzt als «systematisch hinterhältig» bezeichneten. Das ist völlig übertrieben.
Nein. Roger de Weck wollte den Bundesrat dazu bringen, der SRG hinter unserem Rücken Onlinewerbung zu erlauben – das war hinterhältig. Und weil schon sein Vorgänger Armin Walpen oft so agierte, kann man getrost von einem systematischen Vorgehen sprechen. In den letzten fünf Jahren verloren wir privaten Verleger eine Milliarde Franken im Werbe- und Nutzermarkt, während die SRG stetig wächst.

Was fordern Sie?
Dieser rücksichtslosen SRG-Expansion muss Einhalt geboten werden. Beispielsweise sollte ihr im Gesetz oder in der Konzession verboten werden, rund um die Uhr Werbung zu schalten. Die Schweiz sollte sich ein Vorbild an Deutschland nehmen, wo die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ab 20 Uhr werbefrei sind. Bleibt der Gesetzgeber untätig, können sich bald nur noch Personen Medien leisten, die über so viel Geld verfügen, dass ihr Geschäft gar nicht rentieren muss.

Sie sprechen die Gelüste Christoph Blochers an, eine eigene Sonntagszeitung zu gründen oder mit einem Tauschhandel mit der Tamedia Einfluss über verschiedene Zeitungen zu gewinnen.
Es geht nicht nur um ihn. Fakt ist: Wenn die SRG die privaten Verleger aus dem Markt drängt, ist dies sehr gefährlich.

Würden Sie Blocher empfehlen, Verleger zu werden?
Er ist ein ausgezeichneter Unternehmer, wie er mit seiner EMS Chemie jahrzehntelang unter Beweis stellte. Als Verleger im herkömmlichen Sinn kann ich ihn mir nicht vorstellen. Aber dass er versucht ist, mehr medialen Einfluss zu erlangen, kann ich nachvollziehen.

Verhandeln Sie ebenfalls mit Blocher, von dem Sie damals das «Bündner Tagblatt» übernahmen?
Nein. Ich werde Christoph Blocher das «Bündner Tagblatt» nicht zurückgeben. Das Konzept mit den sich konkurrenzierenden «BT» und der «Südostschweiz» innerhalb unseres Verlages ist für Graubünden und für die Leserschaft ein Gewinn. Es hat sich bewährt.

Wie wollen Sie als Verlegerpräsident in Erinnerung bleiben?
Möglichst einprägsam (lacht). Das heisst: Auch Menschen, die mit mir kaum je einverstanden waren, sollen sich sagen können: Wenigstens hat der Lebrument stets deutlich gesagt, was er denkt.

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Hanspeter Lebrument hat erst vor kurzem geheiratet – zusammen mit seiner Frau Liliana plant er eine Reise nach Australien. Bild Marco Hartmann

Deutliche Worte fanden Sie stets für die Gewerkschaften. Aus Journalistenperspektive werden Sie deshalb vor allem auch als Verlegerpräsident in Erinnerung bleiben, der während inzwischen bereits zwölf Jahren einen neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) verhindert hat.
Als der GAV 2004 auslief, erklärten sich die kleinen und mittleren Verleger bereit, ihn zu verlängern – aber nur, wenn alle finanziellen Regelungen ausgeklammert werden. Als Verhandlungsleiter stand ich für diese Position ein. Die Gewerkschaften aber sagten, das komme nicht infrage und verweigerten fortan die Zusammenarbeit.

Wenn man alle Lohnfragen ausklammert, steht auch nicht mehr viel im GAV.
Das mag sein. Aber die wirtschaftlichen Bedingungen sind nun mal sehr unterschiedlich, wenn man in Zürich oder wenn man in Thusis eine Zeitung verlegt. Ein einziger Arbeitsvertrag für alle Medienhäuser der Schweiz ist nicht zielführend.

Vor einem Jahr hat der Verband Schweizer Medien signalisiert, die Verhandlungen zu einem GAV für die Deutschschweiz und das Tessin wieder aufnehmen zu wollen. Ist seither irgendetwas passiert?
Ein Bundesgerichtsurteil hält fest, dass man verhandeln muss, wenn die Gewerkschaften dies verlangen. Wir verschliessen uns dem nicht. Zuerst allerdings muss unsere Mitgliederversammlung im September dem Präsidium ein Verhandlungsmandat ausstellen.

Und dann wird verhandelt?
Ja. Klar ist für uns allerdings schon jetzt: Einen GAV mit Minimallöhnen werden die Gewerkschaften nicht durchbringen.

Im Verband Schweizer Medien versammeln sich grosse und kleine Zeitungshäuser mit unterschiedlichen Interessen und Perspektiven. Ihre Nachfolge übernimmt nun ausgerechnet der bisherige Vizepräsident Pietro Supino, der Verleger der Tamedia. Die Machtkonzentration des Zürcher Verlages wird immer grösser. Alle Macht dem Hai?
Pietro Supino setzt sich seit Jahren sehr intensiv auch für die Kleinen in unserer Branche ein – etwa für die indirekte Presseförderung, von der kleine Verlage stark profitieren. Zudem ist Supino als einziger Verleger sowohl in der Deutschschweiz als auch in der Romandie und im Tessin tätig. Kurzum: Er ist prädestiniert für meine Nachfolge.

Wird er nicht zu stark?
Gerade in der schwierigen Situation, in der sich unser Verband befindet, braucht es solche Leuchttürme, die auch politisches Gewicht haben. Der deutsche Verlegerverband hat Mathias Döpfner an die Spitze gewählt, den Vorstandsvorsitzenden von «Axel Springer». Wir haben jetzt Pietro Supino.

Haben die privaten Verleger mit dem Erstarken der SRG und dem Austritt Ringiers überhaupt eine Zukunft?
Davon bin ich fest überzeugt. Doch wir müssen Antworten finden auf die wichtigste Frage unserer Branche: Wie sollen wir reagieren, wenn die Werbe- und Nutzungsmärkte weiterhin so schwächeln wie in den letzten Jahren?

Haben Sie schlaflose Nächte?
Nein. Seit der Erdölkrise 1973 habe ich unzählige Krisen erlebt, das hilft. Ich habe Gelassenheit gelernt. Sonst hätte ich meine drei Kinder nicht ermuntert, ins Geschäft einzusteigen. Und ich hätte letztes Jahr nicht ein neues Medienhaus gebaut.

Zu guter Letzt: Sie sind 75-jährig und hätten, wie Sie eingangs selbst sagten, längst das Recht, kürzer zu treten. Geben Sie bald auch das Verwaltungsratspräsidium der Somedia ab?
Nein. Wenn ich gesund bleibe, möchte ich meine Verwaltungsratspräsidien der zwölf zur Somedia gehörenden Gesellschaften behalten. Doch für die Zeit nach mir ist das Unternehmen gut aufgestellt: Ich habe mit Andrea Masüger einen ausgezeichneten CEO, und meine Kinder nehmen in Führungspositionen ihre Verantwortung wahr.


Gegenüber «Radio Südostschweiz» sagte Hanspeter Lebrument, mit seinem Rücktritt als Verlegerpräsident gehe eine Ära zu Ende. Seine verlegerische Arbeit aber sei noch nicht fertig:

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