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Stille und Leben in Åmot

Stille und Leben in Åmot

Es gibt Menschen auf dieser Welt, die haben das Gespür, das Richtige zu tun. In Åmot, etwa 20 Kilometer von Okelbo entfernt, habe ich Jeroen Sleurs und Sam Lormans getroffen. Beide sind Belgier und haben sich eine Existenz basierend auf sanftem Tourismus und Respekt vor der Natur aufgebaut. Unter dem Titel «Stilleben» können Gäste Stille, entspannende Outdoor-Erlebnisse und im besten Fall den inneren Frieden finden.

Südostschweiz
vor 5 Jahren in
Ereignisse

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Der Wald ist eine der wichtigsten Ressourcen von Stilleben. Bild Andrea Ullius

«Weisst du, wir sind ein Hotel, aber trotzdem kein Hotel. Wir sind ein Restaurant aber trotzdem kein Restaurant. Du wirst schon sehen, was ich meine», begrüsst mich Jeroen überschwänglich. Tatsächlich, schon nach kurzer Zeit weiss ich, was er meint. Stilleben ist einfach mein Zuhause für die nächsten zwei Tage.

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Die Zimmer sind frisch renoviert und geschmackvoll eingerichtet. Bild Andrea Ullius

Jeroen arbeitete lange Zeit in Belgien im Airline-Business. Zusammen mit seinem Partner Sam hat er in dieser Zeit in Schweden ein Ferienhäuschen gekauft. Je länger sie hier in die Ferien kamen, desto mehr verspürten die beiden das Bedürfnis, in ihrem Leben etwas zu ändern und in Schweden zu leben. Aus einem Traum wurde Wirklichkeit, und 2011 starteten Jeroen und Sam mit ihrer Firma. Sie kauften ein Haus zur Vermietung und eröffneten ein Bed & Breakfast in Åmot. Stilleben war geboren. Durch seine Arbeit im Fluggeschäft, Jeroen war im Verkauf tätig, lernte er auch Bruno Bisig, CEO von Kontiki Reisen, kennen. Kontiki als Spezialist für Reisen in den Norden war begeistert von der Idee des sanften Tourismus und der Region um Åmot. Die ist der Grund, weshalb auch viele Schweizer in Åmot ihre Ferien verbringen.

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Åmot liegt idyllisch zwischen Wasser und Wald. Bild Andrea Ullius

Mangelndes Engagement kann man Jeroen und Sam bei Leibe nicht vorwerfen. Sie sprühen von Ideen und Tatendrang. Im November haben Sie das alte Schulhaus von Åmot gekauft und in ein kleines aber schmuckes Hotel umgebaut. Genau hier war ich zwei Tage. Im Moment hat das Haus drei heimelige Zimmer, im Verlaufe des Sommer werden drei weitere umgebaut und für Gäste zur Verfügung stehen. Wenn man hier zu Gast ist, dann ist es wahrlich, wie ein Zuhause. Die Zimmer sind genau so eingerichtet, wie ich es auch bei mir machen würde. Viele Möbelstücke stammen von Flohmärkten und Versteigerungen. Allein der Speisesaal ist derart schön, dass ich die meiste Zeit hier verbracht habe mit Schreiben, Lesen und Kaffeetrinken.

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Hier der grösste Teil dieses Textes entstanden. Toller Arbeitsplatz. Bild Andrea Ullius

Die Anfänge von Stilleben waren nicht immer einfach. Die beiden Belgier hatten sich an die Mentalität der Schweden zu gewöhnen. Åmot ist ein sehr kleiner Ort. Und wie in vielen kleinen Orten, das ist auch bei uns in Graubünden so, hält man zusammen und ist gegenüber Fremden eher zurückhaltend. Mit Charme und der richtigen Taktik haben es Jeroen und Sam jedoch geschafft sich zu integrieren und für ihr Ding zu werben.

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Das neue Hotel im alten Schulhaus. Die Fassade und Umgebung wird natürlich noch renoviert. Bild Andrea Ullius

Im Zentrum von Stilleben steht die Natur und der schonenden Umgang damit. Ihre Philosophie basiert auf den drei Pfeilern: «Mensch», «Erde» und «Teilen des Erfolgs». Stilleben will den Gästen die Natur näher bringen. «Viele Leute kennen keine Stille mehr. Sie sind im Alltag von so vielen Geräuschen umgeben, dass sie die Ruhe in der Natur nicht kennen und teilweise vor der Ruhe sogar Angst bekommen», sagt Jeroen nachdenklich. «Wir haben Menschen hier, die wollen nach einem Burnout wieder zu sich selber finden. Dazu ist unsere Natur der beste Doktor.»

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Jeroen Sleurs geht mit seinen Gästen auch durch unwegsames Gelände. Bild Andrea Ullius

Genau um diese Natur sorgen sich Jeroen und Ben. Sie versuchen ihr Handeln nach dem Prinzip der Permakultur zu gestalten. Wer noch nie etwas von Permakultur gehört hat, kann sich das folgendermassen vorstellen: Das Grundprinzip ist ein ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften mit allen Ressourcen. Dabei werden dauerhaft funktionierende, nachhaltige und naturnahe Kreisläufe geschaffen. Ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelt, ist sie inzwischen ein Denkprinzip, das auch Bereiche wie Energieversorgung, Landschaftsplanung und die Gestaltung sozialer Infrastrukturen umfasst.

Anhand des Waldes hat mir Jereon die Permakultur erklärt. Die herkömmliche Forstwirtschaft holzt einen Teil des Waldes komplett ab und forstet ihn dann mit den immer gleichen Bäumen auf. Die Pflege des Waldes steht nicht im Vordergrund. Bei der Permakultur schaut man darauf dass, der Wald z.B. genug Licht hat, dass verschiedene Bäume wachsen und man fällt nicht ganze Flächen, sondern entfernt bei Bedarf gezielt einzelne Exemplare. Jeroen und Ben haben vor kurzem eine paar Hektare Wald gekauft, der nun nach diesem Prinzip bewirtschaftet wird. Schon nach kurzer Zeit kann man eine viel grössere Biodiversität feststellen. Auf seinen Wanderungen mit Hotelgästen durch die Natur erklärt ihr ihnen das im Detail.

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Jeroen vor seiner Stuga mitten im Wald. Hier hört man nur die Natur. Bild Andrea Ullius

Uns so erstaunt es auch nicht, dass das Aktivitäten-Programm von Stilleben sich zur Hauptsache draussen vor der Türe abspielt. Ein Highlight ist zweifellos die Möglichkeit, Elche, aber auch Bären, Wölfe und Vielfrasse zu beobachten. Dazu wandert man so gegen 16 Uhr zuerst durch den dichten Wald, und kommt nach etwa zwei Stunden zu einer kleinen beschaulichen Stuga (Hütte). Hier richtet man sich für die Nacht ein, macht Feuer und trinkt einen ersten Kaffee. Anschliessend macht man sich auf einen kurzen Marsch an einen idealen Ort, um die Tiere zu beobachten. Je nach Jahreszeit und Witterung kann man schon am Abend erste Tiere sehen, die an einem kleinen Tümpel trinken und nach Nahrung suchen. Danach begibt man sich zurück in die Hütte, macht ein Nickerchen, um dann so gegen vier Uhr in der Früh nochmals zum Beobachtungsposten zu wandern. Jetzt wird jeder seien Elch sehen.

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An vielen Stellen findet man frischa «Elchgägel». Bild Andrea Ullius

Weitere Möglichkeiten, sich in der Region von Åmot zu beschäftigen, gibt es viele. Sei es eine Bärensafari, eine Bootstour, Reiten, Knäckebrot backen oder Fischen, die Jungs vom Stilleben organsieren alles, führen die Touren selber oder arbeiten mit einheimischen Experten zusammen. Je nach Jahreszeit ist das Aktivitätenprogramm unterschiedlich und der Natur angepasst.

Auch die Spa-Freunde unter euch können im Stilleben auf ihre Kosten kommen. Auf dem See könnt ihr die schwimmende Sauna oder die Open Air Whirlpools benutzen. Die architektonisch spannende Sauna wurde von zwei Italienern (Small Architecture Workshop) gebaut und bietet Sicht über den See. Man ist ungestört und kann zur Abkühlung einfach in den See hüpfen.

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Die neue Sauna in klassisch schwedischem Design. Bild Andrea Ullius

Nach einem ereignisreichen und anstrengenden Tag folgt das leckere Nachtessen im «Restaurant». Gekocht wird ebenfalls von Sam und Jeroen und es schmeckt vorzüglich. Die Zutaten sind selbstverständlich bio, das Gemüse ist aus dem eigenen Garten und die restlichen Produkte stammen wenn immer möglich auch aus der Region. Sogar eigene Hühner hat man im Stilleben und somit auch jeden Morgen frische Eier aus «Bodenhaltung». Hin und wieder büxen einige der Hühner aus und verstecken sich. Dann gibt es ein paar Eier weniger, aber das ist kein Drama.

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Vieles auf dem Frühstücksbuffet kommt von regionalen Produzenten. Bild Andrea Ullius

Wie schon eingangs erwähnt, waren die Einheimischen anfänglich nicht gerade zugänglich für die beiden Neuankömlinge. Dies hat sich in den letzten paar Jahren aber frappant geändert. Inzwischen sind die Leute in Åmot schon fast eine verschworene Gemeinschaft. Der Ort, der eigentlich zum «Sterben» verurteilt war, lebt förmlich auf. Viele Einwohner sind in die Aktivitäten von Stilleben involviert, ein genosschenschaftlich organisiserter Dorfladen inklusive Tankstelle wurde eröffnet und schon über ein Dutzend Einheimische stellen Ihre Wohnhäuser während ihrer Ferien zur Vermietung an Touristen via Stilleben zur Verfügung. Eine Hand füttert die andere und der Erfolg wird geteilt.

Und so erstaunt es auch nicht, dass Jeroen und Sam laufend an weiteren Projekten arbeiten. Zuerst muss jetzt das Hotel fertig renoviert und ausgebaut werden und dann möchten die beiden auf dem höchsten Punkt von Åmot eine modern designte Hütte bauen, in der man einen oder mehrere Tage in absoluter Abgeschiedenheit leben kann.

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Im Wald findet man an vielen Orten Höhlen und weitere Kuriositäten. Bild Andrea Ullius

Ein ähnliches Projekt wurde bereits unter dem Titel «Kabin» realisiert. Zwei Tage auf einer einsamen Insel in einem kleinen Häuschen für die traute Zweisamkeit. Alles vorbereitet und organisiert von Jeroen und Sam.

Ich bin gespannt, wie die Reise von Stilleben weiter geht. Es kann durchaus sein, dass ich die Belgier in diesem Winter nochmals besuche und mir dann anschaue, was sie in der weissen Jahreszeit für Aktivktäten aus dem Hut zaubern.

 

 

Kleine Fussnote

In den nächsten Wochen berichte ich für Euch aus Schweden, meiner zweiten Heimat. Dabei stehen natürlich meine Erlebnisse im Vordergrund. Ich möchte Euch aber auch Einiges über das Leben und die Gepflogenheiten in Schweden vermitteln. Ich freue mich, wenn ich Euch unterhalten und informieren kann. Wenn Ihr Fragen zu Schweden habt, dann versuche ich diese im Rahmen dieses Blogs zu beantworten. Schreibt also munter drauflos.

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