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Von Furna in den Kongo und wieder zurück: Hans Flütsch kann mit seinem Handwerk überall punkten

Der Prättigauer Hans Flütsch ist einer von nur drei Schindelmachern im Kanton – was seine Hände bereits alles erschaffen haben und wieso er nicht ans Aufhören denkt.

Bündner Woche
27.04.26 - 10:00 Uhr
Menschen & Schicksale

Von Andri Dürst

Mit einem festen Händedruck begrüsst einen Hans Flütsch vor seinem «Heimetli» oberhalb von Furna im Prättigau. Dass der 71-Jährige so kräftig zudrückt, ist kein Wunder: Er ist zeit seines Lebens Handwerker. So setzt er sich gleich nach der Begrüssung wieder auf einen Stuhl und beginnt, ein Stück Holz zu bearbeiten. Er sei gerade daran, eine Lieferung Schindeln für einen Neubau im Kanton Luzern vorzubereiten. Das dünne Scheit, das er gerade bearbeitet, wird aber zu etwas anderem. Denn nicht jedes Stück Holz eignet sich für eine Schindel. Und so schnitzt er aus einem «Restposten» kurzerhand einen Pfannenwender, den er dem Schreibenden später mitgibt. Hans Flütsch weiss also genau, aus welchem Holz er was machen kann. Kein Wunder, schliesslich lernte er das Schindelmachen schon in jungen Jahren.

Ob er auch beruflich einen «holzigen Weg» eingeschlagen hat? «Ja, ich habe Schreiner gelernt, aber das hat gar nicht so viel mit Schindelmachen zu tun», relativiert der Prättigauer sogleich. Es scheint eine Welt für sich zu sein. Dies zeigt sich schon bei der Auswahl des Holzes. «Ich weiss mittlerweile, wo das ‹hübsche› Holz zu finden ist. Das hier zum Beispiel ist aus Klosters», erklärt er, während er mit seinem Beil das Holzstück bearbeitet. Wichtig sei, dass man Holz nehme, das an der «Litziseite», also an der Schattenseite, gewachsen sei. 

«Und auch der Zeitpunkt des Fällens spielt eine Rolle. Ideal wäre zwischen Weihnachten und Neujahr, aber dann arbeitet kaum jemand», meint er und grinst. Grundsätzlich aber komme die Zeit von Mitte November bis Ende Januar infrage, wobei aber entscheidend sei, bei abnehmendem Mond zu fällen.

Mit wenigen Handgriffen zum Wunschprodukt: Hans Flütsch weiss genau, wie er das Holz bearbeiten muss.
Mit wenigen Handgriffen zum Wunschprodukt: Hans Flütsch weiss genau, wie er das Holz bearbeiten muss.
Bild: Andri Dürst

Hans Flütsch weiss so allerlei über das Holz zu berichten. Was fasziniert ihn an diesem Material denn so? Er überlegt ein wenig und meint dann: «Ich habe schon so oft mit Holz gearbeitet. Aber jedes Mal kommt wieder etwas zum Vorschein, das ich nicht kannte.» Das Tolle am Holz sei auch, dass kein Abfall entstehe. «Aus Stücken, die sich nicht zum Schindelmachen eignen, mache ich etwas anderes. Und wenn gar nichts mehr geht, kann ich es als Brennstoff benutzen.»

Wie ein Spitzensportler

Holz ist für den in St. Antönien aufgewachsenen Handwerker aber nicht bloss Arbeitsmaterial. Es ist für ihn fast etwas wie ein Lebenselixier – etwas, das ihn fit hält. «Einmal hat mir ein Arzt gesagt, ich hätte einen Ruhepuls wie ein Spitzensportler. Er fragte mich, wieso das wohl so sei. Ich sagte ihm dann, dass ich Holzsport betreibe», sagt er mit gehörigem Schalk im Nacken. «Schindelmachen ist zwar eine strenge Arbeit, dafür muss ich aber am Abend nicht ins Fitnessstudio und kann gut schlafen», meint er, während er mit seinem Sackmesser etwas Harz aus einem Scheit herauskratzt. 

«Das ist übrigens meine Medizin», meint er und schleckt die Messerspitze ab. «Lärchenharz gehört zu den antibakteriellsten Mitteln, die es gibt.» Er überlebte so auch schon zwei Malariaerkrankungen. Wenn er darüber erzählt, zuckt er nicht mit der Wimper. «Dass ich gesund bin, ist ein Geschenk von Gott», meint er und widmet sich wieder seinem Stück Holz.

Mehr als nur Fassade: Für eine Kunstausstellung fertigte er eine spezielle Schindel-Wand.
Mehr als nur Fassade: Für eine Kunstausstellung fertigte er eine spezielle Schindel-Wand.
Bild: Andri Dürst

Es war übrigens nicht sein einziger Spitalaufenthalt. Im Herbst vor einem Jahr habe er in Grüsch einen Unfall mit dem Töffli gehabt. «Ich lag dann zehn Tage im Spital. Danach boten sie mir an, noch vierzehn Tage in die Reha zu gehen. Ich sagte sofort Nein, denn ich hatte im Spital kaum ein Stück Holz gesehen, wie sollte ich es dann zwei Wochen ohne Schindelmachen aushalten?» 

Sodann kehrte er nach Hause zurück, wo er relativ rasch wieder mit Handwerken begann. «Das hat sicher auch zur Besserung beigetragen. Das Blut schiesst dann schneller durch den Körper, was die Heilung fördert. Und im Kopf geht es mir auch besser, wenn ich wieder Holz in den Händen habe.» Wobei, ganz ohne Schnitzen sei er im Spital doch nicht gewesen. Er erzählt, wie ihm eine Tasche mit «Hudärä» (Kleidern) ins Krankenzimmer «gferrget» (gebracht) wurde, in der sich auch ein Sackmesser befand. So habe er dann im Spitalzimmer wieder einige Edelweisse schnitzen können.

Schon über 3000 Edelweisse

Diese kunstvollen Blumen aus Holz sind nebst dem Schindelmachen seine zweite grosse Leidenschaft. «Ich mach dir auch eine», meint er während des Gesprächs und kerbt in aller Ruhe einige Schnitte ins Holz. «Ich habe die Edelweisse dann den Ärzten geschenkt. Auch sonst bringe ich die Blümchen gerne mal als Geschenk mit. Einige Leute bestellen daraufhin eine grössere Ladung bei mir.» Während er so erzählt, wächst das hölzerne Alpenblümchen immer weiter. Dann schlägt er mit einem Hammer einen Zapfen am oberen Ende ab. 

Nun beginnt er noch mit dem Feinschliff. Und fertig ist das Edelweiss – kaum zehn Minuten brauchte er dafür. Kein Wunder, schliesslich habe er auch schon über 3000 Stück hergestellt. «Dabei habe ich mich nur einmal gröber geschnitten», meint er. Und das ist wohl ein Thema, das jeder Handwerker und jede Handwerkerin kennt: Kleinere oder grössere Unfälle, die beim Ausüben des Berufs auftreten können. Er selber habe zum Glück noch alle Finger, sagt er. «Den einen oder anderen habe ich zwar schon mal ein klein wenig gekürzt, aber danach passte man wieder etwas besser auf», schiebt er hinterher.

Nicht irgendein Holz: Hans Flütsch weiss genau, welche Bäume für das Schindelmachen infrage kommen. Hier eine rund 300-jährige Fichte.
Nicht irgendein Holz: Hans Flütsch weiss genau, welche Bäume für das Schindelmachen infrage kommen. Hier eine rund 300-jährige Fichte.
Bild: Andri Dürst

Dass er handwerklich geschickt ist, bewies er auch schon am anderen Ende der Welt. Mehrmals reisten er und seine mittlerweile verstorbene Frau in den Kongo, wo sie mehrere Monate lebten. «Dort war ich Büchsenmacher, Ofenbauer, Schweisser und Elektriker in einem», erzählt der Prättigauer. Was er aber auch dort am liebsten tat: Mit der Motorsäge werkeln und Bretter sägen. «Ich habe daraus Bänke und Tische gezimmert, damit wir während des Essens ‹recht hocken› konnten. Denn traditionell sitzen viele Menschen in Afrika während des Essens auf dem Boden.» 

Sein vorgezeigtes Konzept habe auch einige Einheimische begeistert, und so konnte er ihnen auch entsprechende Möbel herstellen. Daneben flickte er allerlei, was kaputt war. Für die Verständigung sorgte in der Regel seine Frau. Mit Händen und Füssen sowie den wichtigsten französischen Wörtern konnte aber auch er sich ausdrücken und zuweilen für Lacher bei der einheimischen Bevölkerung sorgen.

Geduld ist gefragt

Nachdem seine Frau an Krebs erkrankte, konnten sie keine Reisen in die Zentralafrikanische Republik mehr machen. Stattdessen baute er in Furna das Haus um – natürlich konnte er auch hier viele Tricks und Kniffs eines Handwerkers anwenden. So baute er im Badezimmer etwa ein versenktes Bassin ein, das er mit der Holzheizung wärmen kann. Doch zurück zu seiner eigentlichen Tätigkeit. Seit er im Jahr 2000 den eigenen Bauernbetrieb aufgab, widmet er sich voll und ganz dem Schindelmachen. Mittlerweile seien sie nur noch zu dritt im Kanton, meint er. Bei grösseren Aufträgen würde man auch jeweils gut miteinander zusammenarbeiten, ergänzt er.

Keine Massenabfertigung: Der Prättigauer legt die Schindeln zum Trocknen an die Sonne.
Keine Massenabfertigung: Der Prättigauer legt die Schindeln zum Trocknen an die Sonne.
Bild: Andri Dürst

Denn zu seiner Arbeit gehört nicht nur das Anfertigen der Schindeln auf seinem Betrieb, sondern in der Regel auch das Montieren vor Ort. Und oft müssen dort kompliziertere Teile wie etwa die Ecken eines Turmes individuell noch angefertigt werden. Anschauen kann man seine Werke etwa in Rhäzüns bei der Friedhofskirche Sogn Paul. Oder in Grüsch, wo er beim Pfrundhaus das Zwiebeltürmchen neu einschindelte. Solche Arbeiten an einem Turm seien zwar anspruchsvoll, aber: «Machen könnte das noch so mancher. 

Nur haben die meisten keine Geduld dazu.» Diese braucht es beim Handwerken immer mal wieder. Doch das kann einem aus Sicht von Hans Flütsch guttun. «Ich sagte auch schon jungen Menschen, sie sollten doch mal das Handy unter einen Stein legen und dafür ein Sackmesser in die Hand nehmen und mal was ausprobieren.» Eine Frage sei noch erlaubt: Ist es nicht eintönig, Tag für Tag Schindeln zu fertigen? «Nein. Es ist wie bei jedem Beruf: Wenn man mit Herzblut dabei ist, ist es nicht eintönig.»

An der frischen Luft: Hans Flütsch arbeitet oft draussen vor seinem Haus.
An der frischen Luft: Hans Flütsch arbeitet oft draussen vor seinem Haus.
Bild: Andri Dürst
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