Diese Bündnerin kämpft sich an die Spitze im Jiu-Jitsu
Jeannette Guadagnini-Abderhalden ist die erste Frau in der Schweiz mit einem schwarzen Gürtel in Jiu-Jitsu, nun bietet sie in der Budoschule Haru in Chur einen Selbstverteidigungskurs für Frauen an.
Jeannette Guadagnini-Abderhalden ist die erste Frau in der Schweiz mit einem schwarzen Gürtel in Jiu-Jitsu, nun bietet sie in der Budoschule Haru in Chur einen Selbstverteidigungskurs für Frauen an.
Von Cindy Ziegler
Würgen – von vorne und hinten. Halten und ziehen. Brustumklammerung und Schwitzkasten. Faustschlag, Stockschlag, Haargriff, Fusstritte, Messerangriff. Was Jeannette Guadagnini-Abderhalden erzählt, klingt nach einem Fall schwerster, wenn nicht gar tödlicher Körperverletzung. Die zierliche Frau lehnt sich leicht an eine Fensterbank in der Budoschule Haru in Chur und blättert durch ein Heft. Es beinhaltet ihr Programm mit den oben aufgelisteten Angriffen, welches sie in der siebenstündigen Prüfung für den schwarzen Gurt in Jiu-Jitsu absolvieren musste. Die Kampfkunst sei eine harte Schule, meint sie. Dennoch umspielt ein leichtes Lächeln ihre feinen Gesichtszüge. Sie zeigt Videos auf dem Tablet und spricht davon, die Kraft des Gegenübers auszunutzen. Vom Hebelprinzip und von der Kunst des Nachgebens, die im Jiu-Jitsu zentral ist.
«Ich wollte nie eine Sonderbehandlung»
Jiu-Jitsu ist eine waffenlose Selbstverteidigung, die ursprünglich aus Japan stammt. Sie wurde im altjapanischen Schwertadel der Samurai entwickelt und ist in ihrer heutigen Form rund 400 Jahre alt. Wie Jeannette Guadagnini-Abderhalden erklärt, beinhaltet Jiu-Jitsu auch Elemente aus anderen Kampfsportarten, so zum Beispiel Würfe aus dem Judo oder Schläge aus dem Karate. Wer ihr so zuhört, hat das Gefühl, sie mache das schon ihr Leben lang. Tatsächlich aber findet sie erst mit 40 Jahren zum Kampfsport. Heute ist sie die erste Frau, die den schwarzen Gürtel in Jiu-Jitsu im Schweizer Verband besitzt. Davon erzählt sie zu Recht nicht ohne Stolz. Eine Frau in einem Männersport. «Ich musste mir den Respekt erst verdienen. Aber ich wollte auch nie eine Sonderbehandlung.»
Liebe auf den ersten Schlag
Zu ihrer grossen Leidenschaft geführt hat ursprünglich ein Selbstverteidigungskurs bei Charlie Lenz, dem Gründer der Budoschule Haru in Chur. «Das, was ich da erlebte, hat mich einfach total reingezogen. Es war Liebe auf den ersten Schlag», erzählt sie mit funkelnden Augen. Und berichtet von einem steinigen Weg, der nicht nur sportliche Höchstleistung verlangt, sondern auch mentale Stärke benötigt.
Jeannette Guadagnini-Abderhalden bindet ihren Gurt nochmals und zieht den weissen Trainingsanzug, den «Gi», zurecht. In nur etwa zehn Jahren arbeitete sie sich vom weissen bis zum schwarzen Gürtel hoch. «Eigentlich hatte ich mir das nie als Ziel gesetzt. Ich wollte einfach immer Spass an dem behalten, was ich tue», sagt sie. Ihr gefalle am Jiu-Jitsu, dass sie nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Kopf brauche. «Ich mag Herausforderungen und arbeite gerne an mir.» Dass die Frau, die als Coiffeurin arbeitet, häufig von Frauen Bestätigung erfahre, sei mit ein Punkt, warum sie ihr Wissen nun weitergeben möchte. Im Rahmen von Selbstverteidigungskursen für Frauen.
Frauen bestärken, ihre Kraft zu entdecken
Doch da ist noch mehr, was sie für ihre Herzensangelegenheit antreibt. Als Kampfkünstlerin wisse sie, was als Frau funktioniere, wenn man einem – oft männlichen – Gegenüber körperlich unterlegen sei. Das müsse man mit Technik wettmachen. Es beunruhigt sie, dass in den letzten Jahren die Gewaltbereitschaft im Allgemeinen zugenommen hat. Sie spricht damit körperliche Gewalt im Allgemeinen und häusliche Gewalt sowie Femizide im Speziellen an. «Je besser man geübt ist, desto eher kann man sich bei einem echten Angriff verteidigen. Wir Frauen lernen das als Kinder nicht. Mädchen schlagen sich nicht und gelten auch nicht als Rauferinnen.» Jetzt redet Jeannette Guadagnini-Abderhalden schnell und nimmt sich nur kurz Zeit, um zwischen den Sätzen Luft zu holen. Man merkt, dass ihr das Thema am Herzen liegt. «Ich glaube, dass jede Frau schon einmal einen kleineren oder grösseren Übergriff erlebt hat. Und es ist ein hässliches Gefühl, wenn man Angst haben muss. Deshalb ist es mir ein Anliegen, Frauen zu bestärken, die Kraft zu entdecken, die sie in sich haben.»
Verpflichtende Werte
Im Kurs soll es – ganz nach der Lehre des Jiu-Jitsu – nicht nur darum gehen, sich körperlich zu wehren. Sondern darum, wie man es gar nicht erst so weit kommen lässt, dass man Opfer wird. Wieder betont Jeannette Guadagnini-Abderhalden die mentale Stärke. Es gehe darum, die Dominanz von Frauen zu stärken und ihnen die Unsicherheit zu nehmen. Sie erzählt von einem prägenden Kindheitserlebnis. Vom Beginn ihrer selbstbewussten Reise, die mit dem schwarzen Gürtel ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.
Liest man im Internet über Jiu-Jitsu, dann ist da von einer persönlichkeitsformenden, körperlich-geistigen Kunst die Rede. Sie folgt ethischen Grundsätzen. Im Dojo, hinter Jeannette Guadagnini-Abderhalden, stehen die Werte in japanischen Schriftzeichen. Unter anderem geht es um Respekt, Selbstbeherrschung, Mut und Bescheidenheit. Die Kampfkünstlerin ergänzt mit ihren eigenen: Leidenschaft und Weiterentwicklung. Als sie den mit Matten ausgelegten Raum verlässt, verbeugt sie sich.
Der Selbstverteidigungskurs von Jeannette Guadagnini-Abderhalden ist im Februar geplant. Weitere Infos dazu, zur Budoschule Haru und zu Jiu-Jitsu im Allgemeinen unter www.budoharu.ch.
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