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Der grosse Tag

Da ist er, mein grosser Tag. Erstens: Was ziehe ich an? Meine Lieblingsfarbe Rot entspräche der Stimmung, doch ich nehme Grau und Schwarz, denn auf der WEF-Seite steht «Dress Code: Business Attire,» was wir früher Karrierekampfanzug nannten. Ich bin damit völlig richtig, wie ich später bei einem zufälligen Gespräch mit der Bundespräsidentin feststelle.

Davoser
Zeitung
30.01.25 - 07:00 Uhr
Menschen & Schicksale
Katharina Schoop (r) zusammen mit Birgit Skarstein.
Katharina Schoop (r) zusammen mit Birgit Skarstein.
zVg
In der Crystal Lounge im Eis­stadion, das jetzt mit «House of Switzerland» angeschrieben ist, treffe ich um 7.45 Uhr die anderen einheimischen Eingeladenen. Die Eishalle ist völlig verwandelt. Alles ist in WEF-blaues Licht getaucht, die Eisfläche abgedeckt und mit Sitzecken (neudeutsch Lounges) eingerichtet. Ich vergesse dann, hinunter zu gehen, um zu fühlen, ob man an die Füsse friert wie am Hockeymatch. Begrüsst und betreut, gehen wir ins Medienzentrum im oberen Stock des Kurpark Village, wo wir leere Besprechungszimmer und Journalisten an Kaffeemaschinen sehen, wie es wahrscheinlich um diese Tageszeit überall vorkommt. Ich gönne mir dann bei der Station «Extended Reality Experience», einen Ausflug in die Welt des zeitgenössischen «Buddhismus des Reinen Landes» (Jodo-shu), wo mir mittels einer Art Skibrille ein Film darüber vorgeführt wird, wie unserem Planeten besser Sorge getragen werden müsste und könnte. Das Besondere daran ist, dass ich mit Fingerschnippen die Handlung des Filmes beeinflussen kann. Sessionen über Mentale Gesundheit, über die Frage, auf welchem Kontinent und in welchem Land in Zukunft Arbeit und Arbeitsstellen anfallen werden, und über die wirtschaftliche Zukunft Indiens füllen meinen Vormittag aus. Auffallend ist, dass kaum jemand während einer laufenden Veranstaltung den Raum verlässt oder betritt. Man ist sehr ruhig und aufmerksam. Viele schreiben in das praktische Notizbuch, das man mit dem WEF-Rucksack bei der Registrierung erhalten hat.

Der Mittag

Ein Höhepunkt ist das Mittagessen «Insights over Lunch: Sports for People and Planet». Natürlich ist das Essen hervorragend, doch wenn ich einen Vortrag – unterbrochen von Besteck- und Gläsergeklapper – erwartet hatte, werde ich angenehmst enttäuscht. Ich habe kaum Zeit, mit meiner Sitznachbarin – einer Argentinierin, die entsetzt vom Vortrag ihres Präsidenten kam – Freundlichkeiten auszutauschen, beginnt schon der Reigen der Kurzvorträge, der nach genau einer Stunde endet und wir verabschiedet werden. Besonders beeindruckt hat mich eine fröhliche junge Frau, die den zweiten Kurzvortrag hielt: Birgit Skarstein. Die norwegische Fahnenträgerin der Paralympischen Spiele 2018 mit mehreren Olympischen und zwölf Weltmeisterschaftsmedaillen in Rudern und Langlauf setzt sich mit ansteckender Begeisterung für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Sport, im Berufsleben und im sozialen Bereich ein. Sie lebt es auch gleich vor, indem sie zum Beispiel 2020 an der TV-Tanzshow «Shall we Dance» (als erste Teilnehmerin im Rollstuhl) teilnahm oder in der Realityserie «Ingen Grenser» (ohne Grenzen) des norwegischen Fernsehens mit anderen Personen mit verschiedenen körperlichen Behinderungen eine 400 Kilometer lange Tour unternahm, die auf dem 2286 Meter hohen Snøhetta endete. Birgit lief einen grossen Teil der Stecke auf den Händen. Sie sagt: «Ich habe gelernt, nicht darüber nachzudenken, was ich nicht kann, sondern mich lieber auf das zu konzentrieren, was ich kann». Auf Anfang 2025 trat sie von ihrer Sportlerkarriere zurück.

Der Nachmittag

Der Nachmittag geht dann gleich weiter, bis um 17 Uhr im grossen Saal eine Video-Botschaft des Präsidenten der USA übertragen wird. Er spricht 25 Minuten lang ohne Punkt und Komma, letzteres nicht nur bei der vorbereiteten Rede, sondern auch bei den Antworten auf die Fragen von vier freundlichen Panelteilnehmern. Auf dem Weg nach draussen bemerkt der Herr neben mir: «Wenn er nur die Hälfte vom dem verwirklichen kann, können wir glücklich sein».

Ich mache mich auf den Heimweg. Es ist, wie wenn ich von einem anderen Planeten wieder in meiner eigenen, schönen Welt gelandet wäre.

In der Welt des japanischen Jōdo-shū.
In der Welt des japanischen Jōdo-shū.
bg
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