Holocaust-Überlebener fesselte
«Meine Mutter spielte eine Ohnmacht vor, und so entkam ich dem sicheren Tod» – der Holocaust-Überlebende Joop Caneel erzählte vor zwei Klassen der 3. Oberstufe in Davos Platz aus seinem Leben.
«Meine Mutter spielte eine Ohnmacht vor, und so entkam ich dem sicheren Tod» – der Holocaust-Überlebende Joop Caneel erzählte vor zwei Klassen der 3. Oberstufe in Davos Platz aus seinem Leben.
Dreimal wurden seine Mutter und er von den Deutschen gepackt und in die holländische Schouwburg zur Deportation eingeschlossen. Dieses Gebäude ist jetzt ein Denkmal und war die Sammelstelle in Amsterdam für Juden, die für den Transport nach dem Durchgangslager Westerburg und den Vernichtungslagern vorgesehen waren. Zweimal konnte seine Mutter mit ihm in der Nacht, nachdem man die deutschen Wachsoldaten bestochen oder betrunken gemacht hatte, fliehen. «Das dritte Mal standen meine Mutter und ich schon im Bahnhof neben dem Zug zur Deportation, als ein Kollege meines Vaters, der beim Rotkreuzdienst arbeitete, meine Mutter fragte, ob sie in Ohnmacht fallen könnte. Also fiel meine Mutter mit mir auf dem Arm in Ohnmacht, und wir wurden auf einer Schubkarre vom Bahnhof weggebracht.» Später, im Juni 1943 beschlossen seine Eltern, sich und ihren Sohn Joop vor den Nazis zu verstecken. Sie übergaben ihren Sohn, ohne zu wissen, ob sie ihn jemals wiedersehen würden, an eine jüdische Untergrundbewegung. Nach einigen Etappen landete Joop Caneel bei einer einfachen reformierten Bauernfamilie, die ihn liebevoll aufnahm. Er lebte dort unter dem Decknamen Jopie Cornelissen. Die Familie seiner Pflegeeltern durfte aber nicht wissen, dass er Jude war, denn das hätte auch seine Pflegeeltern in Lebensgefahr gebracht.
Seine Eltern versteckten sich während 23 Monaten bei einem Metzger in einem Dachzimmer von dreimal vier Metern und verliessen dieses Versteck in dieser Zeit nur etwa fünfmal. Joop Caneel und seine Eltern überlebten die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Als seine Eltern Joop nach dem Krieg wiedergefunden hatten, war es schwer für ihn, seine Pflegefamilie zu verlassen, da er seine Pflegeeltern so lieb gewonnen hatte. Der Metzger und die Pflegeeltern wurden für ihren Mut später von der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt. Eine tiefe Freundschaft verband sie weiterhin mit der Familie Caneel.
Joop Caneel führte aus, dass er nur 30 Sekunden von dem sicheren Tod entfernt war. Hätten er und seine Mutter in den Zug einsteigen müssen, wäre er wie alle Kinder unter vier Jahren bei lebendigem Leib in einem Krematorium verbrannt worden. Rund 90 Prozent der 110 000 holländischen Juden wurden von den Nazis umgebracht, darunter auch zahlreiche Familienmitglieder von Joop Caneel. In seinem Vortrag schlug er den Bogen bis zur aktuellen Weltlage, die ihn nachdenklich stimme. Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe Davos hörten dem rüstigen und geistig hellwachen Zeitzeugen, der 1939 in Amsterdam geboren wurde und 1970 in die Schweiz zog, gebannt zu und stellten zahlreiche Fragen, zum Beispiel: «Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie unserer Generation mitteilen möchten?» Joop Caneel antworte: «Die wichtigste Sache für mich ist, dass man den anderen Menschen respektieren sollte.»
Dieser beeindruckende Anlass wurde durch Anita Winter, Präsidentin der Gamaraal-Stiftung (Gamaraal Foundation – «Tomorrow May Be Too Late») ermöglicht. Die Gamaraal-Stiftung hat das Ziel, Schülerinnen und Schülern eine persönliche Begegnung mit den letzten Holocaustüberlebenden zu ermöglichen, deren Geschichten wissenschaftlich zu dokumentieren und so für die Nachwelt zu erhalten. Die Gamaraal Foundation ist zusammen mit dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich mit dem Dr. Kurt Bigler Preis 2018 für hervorragende Projekte im Bereich der Holocaust Education ausgezeichnet worden. Für weitere Informationen kann man sich direkt an die Gamaraal-Stiftung wenden.
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