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Ein Davoser aus Leidenschaft

Strahlend blauer Himmel über dem frischen Schnee: Am 21. Dezember zeigt Davos sich von seiner Postkartenseite.

Davoser
Zeitung
02.01.25 - 07:00 Uhr
Menschen & Schicksale
Hans Brinck mit Gattin Claudia.
Hans Brinck mit Gattin Claudia.
zVg
Fast scheint es, als hätte der Ort sich eigens so ausstaffiert, um den Jubilar Hans Brinck zu ehren: Der nämlich feiert an diesem Tag an der Talstrasse 3c, gleich beim Bahnhof Platz, seinen hundertsten Geburtstag. Seine Frau Claudia Brinck-Wüthrich hat ein gelungenes Überraschungsfest für ihn vorbereitet.

Gross ist die Freude des Jubilars, als im Lauf des späteren Vormittags immer mehr Leute in der stilvoll eingerichteten Wohnung mit Blick auf den Bolgen eintreffen. Die Tafel biegt sich unter den salzigen und süssen Bündner Spezialitäten; auf dem Balkon steht Bernhard Bösch, ein Nachbar und Freund, in Davoser Tracht und erfreut mit seinem virtuosen Alphornspiel die Gäste. Auch Passanten bleiben stehen und geniessen die Darbietung. Als besondere Überraschung finden sich fünf Brüder aus Hans Brincks weitläufiger deutscher Familie ein: Sie haben die weite Reise unternommen, um dem Jubilar ihr «Happy Birthday» zu singen.

Hans Brinck, wuchs als ältester mit seinen zwei Brüdern in Lingen an der Ems in Niedersachsen als Halbwaise auf. Als er 9 Jahre alt war, starb sein Vater, und seine Mutter musste mit der mageren Rente von 85 D- Mark die Familie und die Schwiegermutter durchbringen. «Wir waren arm», sagt Hans Brinck, «gerne hätte ich studiert, aber das lag finanziell nicht drin.»

Heute ist Hans Brinck, der lange in Osnabrück gelebt hat, nicht nur im Herzen ein Davoser, sondern auch auf dem Papier: 2015 hat er das hiesige Bürgerrecht erworben. Erstmals hierher gekommen ist er wie viele andere als Patient: Im Sanatorium Valbella hoffte er 1979 auf Remedur eines Lungenleidens, das ihn fast ein Leben lang begleitet hat. 1942 war er als Siebzehnjähriger in Oldenburg zum Wehrdienst einberufen worden, erlitt aber nach kurzer Zeit einen Blutsturz und wurde als Kriegsversehrter ausgemustert. Damals hatte er schon eine dreijährige Lehre im Telegrafenbau absolviert und die Gesellenprüfung abgelegt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1986 Jahren arbeitete er 40 Jahre lang im Fernmeldeamt (der heutigen Telekom) von Osnabrück als Werkmeister.

Die Kur 1979 im Sanatorium Valbella hatte ihm gutgetan, weitere Davos-Aufenthalte waren deshalb gefolgt. Vor allem aber hatte der hochgewachsene, attraktive Mann schon bei seinem ersten Besuch hier eine entzückende Laborantin kennengelernt, die im Alexanderhaus einen Allergietest mit ihm durchführte. Dieser ergab, dass die beiden keineswegs allergisch aufeinander waren. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick, und so stand es für Hans Brinck fest, dass er nach der Pensionierung seinen Lebensmittelpunkt so bald wie möglich nach Davos verlegen würde. Er wusste, dass Davos der einzige Ort war, an dem er gesund leben konnte. Doch nicht nur die Höhenluft tat ihm gut; auch das Glück in der neuen Beziehung liess ihn aufleben. 2011 heirateten Claudia Wüthrich und er – notabene am 21. Dezember.

Hans Brinck setzte sich in Davos nicht einfach als Privatier zur Ruhe, sondern brachte sich auf vielfältige Weise im lokalen Leben ein: Im Projekt «Generationen im Klassenzimmer» vermittelte er sein reiches Wissen an jüngere Generationen. Er schrieb das Kinderbuch «Samichlaus in Monstein» und begeisterte das Publikum im Erzählcafé im Hotel Grischa mit seinen so präzisen wie lebhaften Berichten. Engagiert wirkte er im Davoser Schreibkreis. Vor allem aber lancierte er im Jahr 2007 ein ehrgeiziges Langzeitprojekt: die monatlich erscheinende Zeitung BWZ «Brinck-Wüthrich Zeitung». Sie umfasst jeweils vier reichbebilderte Seiten mit Nachrichten, Geschichten, Reflexionen und Gedichten. Hans Brinck ist Chefredaktor, Autor, Layouter und Korrektor dieses so substanziellen wie vergnüglichen, garantiert werbefreien Blattes, das er pünktlich zu jedem Monats-ersten an interessierte Kreise verschickt. Gerade ist die 214. Ausgabe erschienen. Wenn man die Rundbriefe studiert, würde man denken, ihr Urheber habe ein Leben lang nichts anderes getan, als publizistisch tätig zu sein. Mit Esprit schreibt er seine Beiträge, mit Sinn für Proportionen gestaltet er die Seiten, und wie er dabei die elektronische Technik meistert, ist eindrücklich. Auch jüngere Menschen würde man für diese Fähigkeiten bestaunen; dass ein Hundertjähriger sie beherrscht, ist schlicht verblüffend. Wenn man Hans Brinck nach dem Geheimnis seiner Kreativität fragt, bekommt man ein verschmitztes Lächeln zur Antwort, und man spürt: Dieser Mann ist ein Weiser, ein durch seine Klugheit, Neugier und Zugewandtheit wie durch seinen feinen Humor liebenswürdiger Mensch. Einer, für den Dankbarkeit und Bescheidenheit keine leeren Worte sind. Ja: Wenn man so einer ist wie Hans Brinck – und wenn man eine so liebevolle und treusorgende Partnerin zur Seite hat wie er – dann möchte man gern hundert Jahre alt werden!

Manfred Papst und Helene Elmer

Zum Geburtstag noch ein Alphornständchen.
Zum Geburtstag noch ein Alphornständchen.
zVg
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