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Emotionaler Einblick: Im Hospiz Graubünden werden Schatten zu Licht

Im Hospiz Graubünden in Maienfeld werden Schwerkranke, Sterbende, Angehörige und Trauernde begleitet – wo die Hoffnungsteht über allem steht.

Bündner Woche
30.11.25 - 17:00 Uhr
Menschen & Schicksale
Eine Ecke zum Abschiednehmen: Wenn die Alabasterlampe leuchtet, ist ein kranker Mensch im Hospiz gestorben.
Eine Ecke zum Abschiednehmen: Wenn die Alabasterlampe leuchtet, ist ein kranker Mensch im Hospiz gestorben.
Bild: Susanne Turra

Von Susanne Turra

Heute brennt die Alabasterlampe nicht. Die weisse runde Lampe steht auf einem braunen Holzsockel in einer schön hergerichteten Ecke im Gang. Es ist die Abschiedsecke. Schlicht und warm. Wenn jemand stirbt, wird die Lampe angezündet. Aus Respekt. Zum Trauern, Erinnern, Gedenken. Zum Abschiednehmen.

«Die Erinnerung ist ein Sprung über den Schatten der Zeit.» 

– Werner Mitsch, deutscher Autor

Es ist Dienstagmorgen im November in Maienfeld. Das Hospiz der Stiftung am Rhein liegt in der aufgehenden Morgensonne. Ein Sinnbild. Im Hospiz werden Schwerkranke, Sterbende, Angehörige und Trauernde begleitet. Ganz wichtig dabei: «Hierher kommen die Menschen zum Leben und nicht einfach nur zum Sterben», betont Michelle Frommelt gleich zu Beginn. Sie ist Pflegefachfrau HF und Fachverantwortliche im Hospiz. Und sie führt gleich durch ihren Arbeitsort. Dem Wohnort von momentan vier Menschen. Es ist ein Rundgang. Von Glastür zu Glastür. An den Wänden hängen Fotografien. Von der Arbeitskollegin gemacht. Bilder, die in die Ferne zeigen, zum Verweilen ermuntern, Hoffnung geben. Berge, Meer, eine alte Bank, ein weisser Schwan, ein weiter Weg. Bilder, die etwas bedeuten. Dazwischen immer wieder dieses Spiel aus Licht und Schatten. Eine grosse Symbolik. Auch hier. «Das Hospiz soll ein Daheim sein für die Bewohnerinnen und Bewohner», sagt Michelle Frommelt. «Es ist zum Wohnen. Zum Hiersein. Zum Sich-Bewegen.» Und es funktioniert gut unter den Bewohnenden. Es ist ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander. Vorbei an Stationszimmer, Balkon, Küche und Wintergarten geht es in die Stube. Dort gibt es ein Ausziehsofa. Für die Angehörigen.

Michelle Frommelt: «Seelsorge ist Teil unserer Pflege.»
Michelle Frommelt: «Seelsorge ist Teil unserer Pflege.»
Bild: Susanne Turra

«Ohne die Tränen hätte die Seele keinen Regenbogen.» 

– Unbekannt

Es ist hell im Hospiz. Die Sonne scheint durch die grossen Fenster und weist uns den Weg durch den Gang bis zur Abschiedsecke. Neben der Alabasterlampe liegt ein aufgeschlagenes Erinnerungsbuch. Hier können die Angehörigen etwas für ihre Verstorbenen gestalten. Reinschreiben, reinkleben, reinmalen. Michelle Frommelt blättert im Buch. Die Einträge sind sehr persönlich. Demütig und still. Aber auch fröhlich und hoffnungsvoll. «Wenn Angehörige nichts ins Buch schreiben möchten, dann übernehmen wir das», erzählt Michelle Frommelt. «Hier haben alle einen Platz.» Getrauert wird indessen ganz unterschiedlich. Wenn jemand verstorben ist, gehen manchmal alle Bewohnenden gemeinsam zur brennenden Lampe. Sie reden, beten oder sind auch einfach nur still. Manche gehen verstohlen dahin. Sie nehmen ganz für sich allein Abschied. An der jährlichen Gedenkfeier dürfen die Angehörigen einen Stein mitbringen. Zur Erinnerung an die Verstorbenen werden sie vor dem Hospiz im Garten in eine grosse Rostschale gelegt. Später ziehen die Erinnerungssteine weiter. Vielleicht zurück in den Rhein. Es gibt wieder Platz für Neues. Es ist ein Kommen und Gehen. Ein Lachen und Weinen.

«Du bist nicht mehr da, wo du warst, aber du bist überall, wo wir sind.» 

– Victor Hugo, französischer Schriftsteller

Zum Gedenken: Bunte Steine erinnern an die Verstorbenen.
Zum Gedenken: Bunte Steine erinnern an die Verstorbenen.
Bild: Susanne Turra

«Unser Job ist anders», erklärt Michelle Frommelt später im Büro. «Seelsorge ist Teil unserer Pflege.» Im Hospiz rücken Körperpflege und Blutdruckmessen in den Hintergrund. Gespräche und Zuwendung in den Vordergrund. Das ist der Auftrag der Palliative Care. Achtsam begleiten. Der Seele Sorge tragen. Den Moment nehmen. «Ich komme später. Dieser Satz funktioniert hier nicht», so Michelle Frommelt. «Später geht es vielleicht nicht mehr. Wir dürfen den Zeitpunkt nicht verpassen.» Und so wird auch die Pflege individuell und nach den Bedürfnissen der Bewohnenden gestaltet. Flexibel und entspannt. Mit allen Möglichkeiten. Und ohne Pflichten. «Bei uns darf man alles, muss aber nichts», so Michelle Frommelt. Übrigens bleiben die Bewohnerinnen und Bewohner ganz unterschiedlich lange im Hospiz. «Zwischen einem Tag und einem Jahr hatten wir schon alles», bestätigt die Fachfrau. Und auch Austritte aus dem Hospiz gab es schon. «Wir mussten lernen, damit umzugehen», sagt Michelle Frommelt. «Wir müssen die Leute auch gehen lassen. Wir sind kein Gefängnis.»

«Leben und Tod sind eins, so wie der Fluss und das Meer eins sind.» 

– Khalil Gibran, libanesisch-amerikanischer Dichter

Und dann sind da noch die letzten Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner. Nach Möglichkeit werden alle erfüllt. Den Enkel nochmals sehen. Ein Haus besichtigen. Eine kleine Reise machen. Einen speziellen Ort besuchen. Die Lieblingsmusik hören. Die Wünsche sind vielfältig. «Das ist für mich Seelsorge», fasst Michelle Frommelt zusammen. «Das ist das, was einem Menschen zwischen Himmel und Erde noch wichtig ist.» Um im Hospiz die Führung übernehmen zu können, hat Michelle Frommelt viele Weiterbildungen absolviert. «Pflege ist ein Beruf», sagt sie. «Palliative Betreuung ist eine Berufung.» Man muss das tragen können. Aushalten. «Und wir sollen mitfühlen, aber nicht mitleiden», betont sie. «Auch wenn das nicht immer ganz leicht ist.» Übrigens ist Alter keine Diagnose. Die Menschen hier haben eine Krankheit. Dennoch. Sterbehilfe ist im Hospiz keine Option. Das ist eine andere Philosophie. Ein anderer Weg.

Es geht gegen Mittag. Bald ist Essenszeit. «Essen ist in unserer Kultur elementar», erzählt Michelle Frommelt. «Die Angehörigen sagen oft zu den Bewohnenden, du musst die Suppe fertig essen.» Aber die Betroffenen mögen gar nicht mehr. Sie sind eben schon einen Schritt weiter als ihre Angehörigen. Und sie sind sehr weise. «Manchmal beraten und trösten sie uns», verrät Michelle Frommelt. «Das ist sehr berührend.»

«Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben.» 

– Cicely Saunders, englische Ärztin und Begründerin der Hospizbewegung

Und die Hoffnung? «Wenn die Menschen uns danach fragen, sagen wir offen, wie es um sie steht. Und wenn sie noch Hoffnung haben, bestärken wir sie darin», schliesst Michelle Frommelt. «Wir sind ehrlich. Aber wir zwingen die Wahrheit niemandem auf.» Die Hoffnung steht über allem.

Leben im Hospiz
Die Stiftung am Rhein wurde am 1. Januar 2019 gegründet. Sie ist aus der Fusion der beiden Stiftungen Alters- und Pflegeheim Neugut und Alterszentrum Bündner Herrschaft hervorgegangen. Die zuvor zur Stiftung Alters- und Pflegeheim Neugut gehörende Kindertagesstätte Neugut wurde ebenfalls in die neu gegründete Stiftung am Rhein überführt. Mit dem auf dem gleichen Areal tätigen Betrieb Neugut besteht weiterhin eine enge Zusammenarbeit. Ebenfalls seit dem 1. Januar 2019 betreibt die Stiftung am Standort Senesca in Maienfeld das neu gegründete Hospiz Graubünden. Das Hospiz verfügt aktuell über vier Betten, die in zwei gemütlich eingerichteten 3,5-Zimmer-Wohnungen im 3. Obergeschoss untergebracht sind. Die Bewohnerinnen und Bewohner können ihr Schlafzimmer auf Wunsch mit persönlichen Möbeln einrichten und dürfen in Absprache ihre Haustiere mitnehmen. Lebensraum und Platz für Besucherinnen und Besucher bieten der gemeinsame Wohnraum mit Küche, der Balkon, das Café Bündtli im Erdgeschoss und die grosszügige Gartenanlage. Es können maximal fünf Personen aufgenommen werden. Hier geht es zu weiteren Informationen.

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"Seelsorge" würde für mich bedeuten: Respekt vor Sterbenden, deren Selbstbestimmung: Auf die schwache, verglimmende Stimme des Darniederliegenden zu hören (denn er "steckt in seiner Haut"). Seine Wünsche erfüllen (Beispiel: Sterbehilfe). Nicht ihn übertönen, majorisieren aus der kräftigen (weil körperlich gesund) Position des Publikums, das zudem nicht selten auch noch im Plural "im Raum steht".
Beispiel: Sterbehilfegegner behaupten oft, es könnte sein, dass auf Sterbende "Druck" ausgeübt wird, Sterbehilfe zu beantragen. Ich sehe das gegenteilige Probleme: Dass im Alltag Sterbende "überstimmt" (also faktisch genötigt) werden können, auf Sterbehilfe zu verzichten (durch den Altersheimarzt und weitere Angestellte), obwohl sie sich genau das am meisten wünschen (aber nicht mehr die Kraft zum Durchsetzen haben bzw. keine Angehörigen und sonstigen Support, welcher das für sie bearbeitet).
Zitat: Text in Todesanzeigen: "Nach jahrelangem, schwerem, Leiden", ERLÖST. Dann denke ich: Mein Gott, das muss doch nicht sein. Oder?
SRF Wissen 2025:
https://www.youtube.com/watch?v=n2Mv8TJGA00&t=1271s
Neale Donald Walsch:
Zitate aus "Neue Offenbarungen":
►Unsere Welt steckt in größeren Schwierigkeiten als jemals zuvor und es geht nicht mehr um Jahrhunderte oder Jahrzehnte, sondern um Jahre, bevor alles in sich zusammenbricht, wenn wir uns weiterhin für die alten Wege entscheiden. Leider sehen die meisten Menschen mit an, dass ihre Lebensweise alles zerstört, anstatt sie zu ändern. (...)
Sterbehilfe: Warum sollte Gott wollen, dass wir unnötig lange leiden? Dagegen wird ein langsamer Tod toleriert oder das wir uns durch freiwilliges Einnehmen von Giften in der Umwelt, durch die Nahrung oder durch Tabak usw. langsam selbst töten. Egal ob Sterbehilfe, langsamer oder schneller Selbstmord: Gott straft nicht! – Niemals! Es sind bestenfalls verzerrte, nicht dem Leben oder der Einheit dienliche Entscheidungen die wir treffen, aber Begriffe wie Sünde oder unmoralisch sind nur menschliche, subjektive Begriffe. Es gibt kein absolutes richtig oder falsch. Ein Gott der uns einerseits einen freien Willen gibt und andererseits etwas von uns erwartet, ist ein Widerspruch in sich selbst.◄
https://www.suedostschweiz.ch/aus-dem-leben/2019-11-11/luag-emal-aetti-… Wolfgang Reuss 11.11.2019 - 23:38 Uhr
SO schreibt:
Vizepräsident der Gemeinde Fideris, Andreas Walli: «Falls Kinder im Aushub dennoch ein Knochenstück finden, sehe ich die Eltern in der Pflicht mit den Kindern über die Geburt und den Tod zu sprechen. Es ist ja grundsätzlich nichts Schlimmes, was man dort findet».
Ich schreibe:
Wow, Herr Gemeindevizepräsident, ich finde es aber trotzdem eine Frage des Alters und der Umstände, wie man konfrontiert wird (mit Geburt, Tod, und dem das dazu führte), schliesslich gibt es ja auch noch den Jugendschutz. Ausserdem gibt es sogar nicht wenige Erwachsene, die sich mit dem Thema Tod nicht beschäftigen wollen oder wenn dann in einer, wie ich finde, unreifen delegierenden Art, so wie man vor allem früher es an die Obrigkeit Kirche delegierte bzw. einem von dieser befohlen wurde, die den Tod als ein Herrschaftsinstrument benutzt(e), wie ich finde. In heutiger Zeit sehe ich dies beispielsweise in der Palliative Care, die ihre Werbetouren sogar bis ins Altersheim Jenaz – das Sie sicherlich bestens kennen, Herr Gemeindevizepräsident – pflanzt (28. Mai 2019, um 20:00 Uhr).
Wenn also Sie, Herr Andreas Walli, so besonders fortschrittlich sein wollen, wie es gemäss Zeitungsartikel scheint, dann bitte ich Sie, das erst recht punkto Selbstbestimmung der Menschen im Sterben zu belegen und beispielsweise in "Ihrem" Altersheim Sterbehilfe zur freien Wahl zu stellen. Denn dass man Menschen – sofern sie in Ihrer gewohnten Umgebung sterben möchten, was die Regel sein dürfte – einzig Palliative Care anbietet, könnte nicht nur die Ruhe der Verstorbenen, sondern auch jene der Angehörigen stören: Den verletzlichsten Augenblick im Leben eines Menschen, das Sterben (Art und Weise), einem Menschen aufzuoktroyieren, zusätzlich ihm den eh schwersten Abschnitt noch schwerer zu machen, finde ich das Schlimmste. Sogar zum Tode Verurteilten gibt man mehr Empathie (Barmherzigkeit, Gnade), Beispiel Henkersmahlzeit bzw. letzter Wunsch.
Was offenbar vielen nicht bewusst ist, dass der Tod mit langdauernden, schweren Symptomen verbunden sein kann (das Ideal, man möchte am liebsten so sterben, indem man normal einschläft und einfach nicht mehr erwacht, dürfte leider eher selten eintreffen), sprich: wozu noch einige Tage oder Wochen herausschinden, die die Hölle sind, man wohl eh nicht mehr sich selbst ist?
Jeder Mensch soll über die Art und Weise seines Todes selbst bestimmen dürfen, das heisst: will ich Palliative Care (das für mich unnötiges Leiden durch Symptome, durch Ortswechsel und durch das Sichselbstverfallensehen, was insbesondere für das weibliche Geschlecht tragisch sein dürfte, darstellt) oder will ich Sterbehilfe (das dem sanften Ideal am nächsten kommt). Jeder soll wählen dürfen, jeder soll seine Meinung sagen dürfen. Und wenn gewisse Ärzte mir sagen "Sie dürfen Ihre Geburt nicht wählen, deshalb dürfen Sie logischerweise auch Ihren Tod nicht wählen" oder "Wegen Angehöriger dürfen Sie die Art Ihres Todes nicht wählen", dann sage ich: Wer ist hier das Opfer, der einzige Schwache: der Sterbende oder die gesunden/starken Angehörigen oder die starke Kirche? Die Elefantenherde jedenfalls richtet sich nach dem Schwächsten, and so do I! "Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren."– Theodor W. Adorno. Fremdbestimmung, etwas erdulden müssen, das man nicht will, nicht erträgt, gibts in unserer Welt eh mehr als genug.
So viel zum Thema Offenheit, "man kann ja darüber reden, es ist nichts Schlimmes", gell, Herr Walli – und ich wende mich sogar nur an Erwachsene. Umso mehr mag man mir meine Meinungsäusserung erlauben.
Übrigens: Einige wichtige Aspekte habe ich hier noch nicht mal erwähnt, vermutlich weil man in unserer Meinungsfreiheit (oder, ähem… Somediafreiheit) leider doch nicht so frei ist, wie einem oft der Anschein erweckt wird?
Altersheim Jenaz, 7233 Jenaz

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