Drei auf einen Streich: Wie Familie Cortesi aus Chur über Nacht zu fünft wurde
Vor drei Jahrzehnten kamen in Graubünden drei Kinder auf die Welt – und zwar auf einen Schlag. Als die Drillinge einzogen, stand der Haushalt kopf. Die Drillingsmama aus Chur blickt zurück.
Vor drei Jahrzehnten kamen in Graubünden drei Kinder auf die Welt – und zwar auf einen Schlag. Als die Drillinge einzogen, stand der Haushalt kopf. Die Drillingsmama aus Chur blickt zurück.
Von Susanne Turra
«In der ersten Woche habe ich sieben Stunden geschlafen. Und das nicht am Stück. Insgesamt», erzählt Heike Cortesi und trinkt einen Schluck Kaffee. «Es war eine reine Massenabfertigung.» 1996 gab es in der Schweiz 1277 Mehrlingsgeburten. Davon 1258 Zwillingsgeburten und 19 Drillingsgeburten. Auch in Chur sind vor 30 Jahren Drillinge auf die Welt gekommen. Und aus dem Ehepaar Heike und Mario Cortesi wurde auf einen Streich eine fünfköpfige Familie. Die Drillinge feiern dieses Jahr ihren runden Geburtstag. Und die Drillingsmama blickt zurück.
«Hotel Mama»
«Hotel Mama» steht auf dem Schild neben der Eingangstür. Es ist Dienstagvormittag in Chur. «Laut Ultraschall hiess es, es sind sicher zwei», erzählt Heike Cortesi weiter. Sie selber hat einen Zwillingsbruder. Tatsächlich waren es dann aber drei. Was für eine Freude im Hause Cortesi. Heike Cortesi hat eine gute Schwangerschaft. Sie kann die Kinder bis zur 36. Woche austragen. Und dann ist es so weit. Innerhalb von vier Minuten kommen Silvano, Lara und Tanja auf die Welt. In dieser Reihenfolge. Per Kaiserschnitt. Und mit der Ruhe ist es im Hause Cortesi erst mal vorbei. «Als wir nach Hause kamen, waren alle drei erkältet», erinnert sich Heike Cortesi. Sofort werden im Haus überall Zwiebelsäckli aufgehängt. Und dann geht es ans Milchkochen. Jedes Kind bekommt mindestens sechsmal am Tag einen Schoppen. Mit dem Windelwechseln braucht das jedes Mal eine Stunde Zeit. Das gibt dann schon mal sechs Stunden. Mal drei. Eine einfache Rechnung. Und letztendlich definitiv ein 24-Stunden-Betrieb. «Das haben wir so natürlich nicht erwartet», sagt Heike Cortesi und lacht. «Zum Glück haben wir das vorher nicht gewusst.»
Ein Drillingswagen muss her
Wie auch immer. Bei Cortesis wird jeden Tag, jede Stunde, jede Minute genommen. Die Kinder sind aufgeweckt. Und die Eltern müde. Die Familie bekommt Hilfe aus dem Elternhaus. Und nachts teilweise von der Spitex. Tagsüber bekommen Gäste als Erstes gleich ein Kind in den Arm. Mit dem Schoppen dazu. Die Mütterberaterin schaut jede Woche herein. Sie badet und wiegt die Kinder. Windeln kommen haufenweise mit dem Lastwagen angeliefert. Und ein Drillingswagen muss her. Diesen kann die Familie an einer Börse vom Drillingsverein günstig abkaufen. Einen alten, gebrauchten, mit grossen Rädern. Zwei Kinder liegen darin nebeneinander. Und eines hinten allein. So, dass sie einander anschauen können. «Ich war oft mit dem Bus unterwegs», erinnert sich Heike Cortesi. «Der Chauffeur musste jedes Mal rauskommen und mir helfen, den Wagen reinzutragen.» Neue Freundschaften werden geknüpft. Auch Drillingsfreundschaften. «Wir waren viele Jahre im Schweizerischen Mehrlingsverein», erzählt Heike Cortesi. Dort haben sich betroffene Eltern zweimal im Jahr getroffen. Und ausgetauscht. «Das war sehr wertvoll», so die Drillingsmama. «Irgendwie waren wir ja alle in der gleichen Situation.»
Drei Babys und zwei Hände
So oder so. Der Papa geht zur Arbeit. Und die Mama bleibt zu Hause. Mit drei Babys. Und zwei Händen. «Es war ein Fulltime-Job. Und gleichzeitig der schönste Job der Welt», sagt Heike Cortesi. Aber: «Ich habe das einzelne Kind nicht wirklich geniessen können.» Als die Kinder fünf Monate alt sind, zügelt die Familie ins eigene Haus. Mit vielen Zimmern und einem grossen Garten. Die Kinder schlafen trotzdem alle im gleichen Zimmer. In verschiedenen Betten. «Wir wollten sie nicht so früh trennen», erzählt Heike Cortesi. «So klein lässt man sie zusammen. Sie hören sich. Und sie spüren sich.» Hilfe bekommt die Familie fortan von Praktikantinnen, die in Ausbildung als Familienhelferin sind. Sie wohnen jeweils für ein halbes Jahr lang unter der Woche bei Cortesis. So können die Kinder einen guten Bezug zu ihnen aufbauen. Die Drillinge werden grösser. Und im Drillingswagen gibt es mittlerweile viel Geschrei. Ab da ist fertig mit dem Kinderwagen. Jetzt wird zu Fuss gegangen. Alle gleichzeitig? «Mit etwa 13 Monaten konnten innerhalb kurzer Zeit alle laufen», bestätigt Heike Cortesi. «Silvano war der erste. Und die Mädchen haben es einfach von ihm abgeschaut.» Die Drillinge sind nun also mobil. Und Heike Cortesi trifft man mit ihren Kindern häufiger im Wald als in der Stadt. «Es war einfacher», sagt sie und lacht. Mit fünf gehen alle drei in den gleichen Kindergarten. Das funktioniert gut. Aber wie sieht es mit der Primarschule aus? Die Eltern hätten ihre Kinder gerne in verschiedene Klassen gesteckt. Das ist aber damals nicht möglich. Also besuchen die drei dieselbe erste Klasse. Silvano kann die zweite überspringen und ist fortan eine Klasse weiter als die Mädchen. «Das war eine anspruchsvolle Zeit», erinnert sich Heike Cortesi. «Es war ein ständiger Konkurrenzkampf. Ein ständiges Vergleichen. Sie hatten die gleichen Lehrpersonen. Dieselben Prüfungen.»
Eigene Persönlichkeiten
In der Oberstufe wird es besser. Die Schulwege der Drillinge trennen sich teilweise. Die Zimmer zu Hause werden definitiv aufgeteilt. Und auch in der Freizeit machen alle ein bisschen etwas anderes. Tanzen. Klettern. Musik. Was auch immer. Die Kinder sollen jetzt möglichst viele Dinge getrennt machen. Darauf legen die Eltern grossen Wert. Einzig in die Pfadi gehen alle gemeinsam. «Sie haben alle ihren ganz eigenen Charakter», freut sich Heike Cortesi. «Sie sind auch sehr verschieden. Und haben ihre eigene Persönlichkeit entwickelt.»
Und dann sind die Drillinge plötzlich erwachsen. Das Haus leert sich. Nach und nach. Nicht ganz auf einen Schlag. Zwei Kinder verlassen für ihr Studium die Stadt. Ein Kind bleibt für die Ausbildung in Chur. Doch bei Cortesis ist das Haus eigentlich nie wirklich leer. Jahrelang hütet Heike Cortesi Tageskinder. Auch Nichten und Neffen.
Plötzlich erwachsen
«Es war immer mein Traum, Hausfrau und Mutter zu sein», schwärmt Heike Cortesi. «Und es war ein Privileg, dass ich das auch tun konnte. Unsere Familie ist das Schönste für mich.» Klar. Mit Drillingen passiert irgendwie alles zur gleichen Zeit. Das ist streng. Es hat aber auch Vorteile. «Mit zweieinhalb Jahren sind alle drei auf den Ski gestanden», erinnert sich die Drillingsmama. «In solchen Dingen war die Familie nie getrennt. Wir waren zu fünft und konnten das alles zusammen machen. Die Kinder waren ja alle gleich weit.» Und auch die regelmässigen Filmabende mit Pizzaessen sind viel einfacher. «Vom Alter her durften da alle schon den gleichen Film schauen.» Wie praktisch.
Und heute? «Die Drillinge sind 30 und haben ihr eigenes Leben», sagt Heike Cortesi. «Ich wäre bereit, Grossmama zu werden.»
Nicht ganz klassisch
Sie blickt auf ihre leere Kaffeetasse. Gibt es da vielleicht schon etwas im Kaffeesatz zu lesen? Heike Cortesi lacht und winkt ab. Wenn sie zurückblickt, kommt manchmal schon ein bisschen Wehmut auf. «Wir haben als Familie das klassische Rollenbild gelebt», schliesst die Drillingsmama. Obwohl. Auch der Drillingspapa ist nicht darum herumgekommen, den Kindern ab und zu die Windeln zu wechseln. Sie zu füttern. Oder schlaflose Nächte zu haben. Bei Drillingen kann man es nicht ganz klassisch halten. Da werden alle Hände gebraucht.
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