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Buenos tardes amigos

Davoser
Zeitung
16.02.25 - 07:00 Uhr
Schweiz und Welt
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Bunteste Farben spiegeln das südamerikanische Temperament.

Wir verabschieden uns im Hafen von ­Veracruz von unserem trauten vierrädrigen Zuhause. Es umschifft die gefährlichen Länder Honduras, Nicaragua, Guate­mala, El Salvador und wird hoffentlich wohlbehalten in ungefähr vier Wochen in Cartagena (Kolumbien) ankommen. Um diese Zeit zu überbrücken, planen wir ein paar Tage Panamacity zu besuchen und anschliessend weiter nach Cartagena zu fliegen. Aber für dieses Unternehmen gibt es wieder einmal viele administrative Hindernisse zu überwinden (es fehlt an einem Weiterreiseticket), die einige Schweisstropfen fliessen lassen. Aber schlussendlich klappt alles, und mit einer Känguruhopserlandung empfängt uns die drückend heisse Millionenstadt ­Panamacity. Unser Hotel steht direkt am Panamakanal mit einer tollen Aussicht auf die vorbeiziehenden Meeresriesen. Werni ist nun ziemlich beschäftigt, herauszufinden, wieviele Container jeweils wohl geladen sind: auf dem grössten Frachter über 20 000 Stück! Mit einer ­Tagesreise durch den Kanal lernen wir die Geschichte dieses Panamakanals kennen, der ab 1881 unter schrecklichen Bedingungen entstand. Die Arbeiter kämpften sich durch Sumpfgebiet, voll verseucht mit Moskitos, dabei verloren 28 000 Menschen bis zur Fertigstellung 1914 ihr Leben.

Bauarbeiten entlang einer Strasse.

Nach ein paar Tagen ziehen wir weiter (diesmal mit einem Fakeweiterreiseticket nach Rio de Janeiro!), mit einem kurzen Flug landen wir in der Kolonialstadt ­Cartagena in Kolumbien. Das Land, das ab dem 16. Jahrhundert von den Spaniern arg ausgebeutet wurde. Das einheimische Volk, die Indigenen, wurde bei dem ­Abbau in den Gold- und Silberminen praktisch ausgerottet und durch 12 Millionen afrikanische Sklaven ersetzt. 1811 erkämpfte Simon Bolivar die Unabhängigkeit von Spanien. Aber heute geht hier die Post ab, der Verkehrsfluss strömt ohne Unterbruch, jeder hupt jedem, ohren­betäubende Musik dröhnt vor jedem ­Laden, vor jedem Verkaufsstand, in jedem Restaurant, unglaublich. Ebensoviele Motorroller wie Autos sind unterwegs, die kleinste Lücke wird ausgenützt, jeder schlängelt sich kreuz und quer durchs Gewühl. Was da nicht alles transportiert wird, man traut seinen Augen kaum. Den Vogel abgeschossen hat eine 6-köpfige Familie: ein Kind vor der Lenkstange, ein Kind hinter der Lenkstange vor dem Fahrer, ein Kind zwischen Vater und Mutter und ein Baby auf dem Rücken der Mutter.

Weihnachten feiern wir zwei mit kleinen Weihnachtslaternchen, rotem Tischtuch und dem «Chüngelersatzfesttagsessen», einem Fleisch- und Käseteller im klima­tisierten Hotelzimmer. Die Aussicht ist nicht gerade berauschend, nur die Pelikane, die rings um die Wolkenkratzer schweben, sorgen für etwas Abwechslung. Nach langen, ungeduldig erduldeten Tagen kommt die erlösende Nachricht, das Schiff sei angekommen. Aber in was für einen bürokratischen Sumpf sind wir da nun wieder geraten, hektisches Hin und Her mit der Agentur wegen angeblich fehlenden Unterlagen. Unser Nervenkostüm wird dabei heftig angeknabbert. Kurz vor Feierabend der Zollbeamten, die bereits im Sylvestermodus sind und im Hafen kein Womo mehr abfertigen wollen, muss die Agentin nochmals kräftig intervenieren und siehe da, plötzlich geht es doch noch. Glück gehabt, haben wir doch im Hotel bereits ausgecheckt und stehen mit Hab und Gut vor dem Hafengelände 30 Kilometer ausserhalb von Cartagena. Jetzt nur noch Propangas und Wasser auffüllen und los geht's. Wir schaffen es gerade mal bis zum ersten Camping und verschlafen selig den ­Jahreswechsel.

Die Gefährte und die Schwerkraft werden bis aufs Äusserste ausgereizt.

Das Südamerikaabenteuer kann be­ginnen. Nicht weit und wir sind im Dschungel, wunderschöne, mächtige und kräftige Pflanzen und Palmenwedel erfreuen das Auge. Vorbei geht es an ­Rinderherden, Rinder mit einem Höcker im Nacken und langen Lampiohren, alle in Begleitung einer Schar Silberreiher. Plötzlich wird die Strasse löchrig, es geht steil über einen Pass mit viel Lastwagenverkehr und dann passiert es. Werni versucht möglichst behutsam durch ein ­tiefes Loch zu fahren, verliert dadurch den Schwung, wir bleiben stecken und verursachen ein Verkehrschaos, peinlich peinlich. Und da wir schon dabei sind, einen schwarzen Tag einzuziehen, steuern wir dem nächsten Missgeschick zu. Der angepeilte Camping ist nur durch eine enge, seeehr steile Anfahrt erreichbar, wir bleiben wegen rutschiger und nasser Fahrbahn spulend hängen, also rückwärts einen Kilometer den Berg runter. Die Route führt nun weiter südlich, kriechend hinter den unter einer schwarzen Abgaswolke fahrenden LKWs Berge hoch, um wieder tief ins Tal runter zu fahren. Vorbei an Hochebenen, flankiert von kamelbuckligen Hügelzügen, durch Bambuswälder, die im Vorbeifahren mit ihren Lianen unser Womo kitzeln.

Der ganze Schwerverkehr rollt durch schmale Bergdörfer, die Armut ist erschreckend. Häuser aus Wellblech, Plastik, zusammengebastelten Brettern, die Tür direkt auf die Strasse, davor spielende Kinder, junge und alte Menschen sitzend auf ihren Stühlen auf dem eigenen Abfallberg, um für Stunden einfach nur der vorbeiziehenden Blechlawine zuzuschauen. Und da fahren wir mit unserer Wohlstandskutsche vorbei, es meldet sich bei uns ein ganz schlechtes Gewissen. Die Landschaft ändert sich nun, wir nähern uns den Anden. Stetig aufwärts bis auf 3700 Meter, die Berge sind mit einem grünen Teppich überzogen und tatsächlich weiden hier noch Rinder auf saftigem Gras. Die Campingplätze sind meistens eine kleine, farbenprächtige Oase. Es ist weiterhin so heiss, dass sich die sonst eher wasserscheue Hausfrau zu einem ­erfrischenden Bad im Pool überreden lässt. Weiter geht es durch Kaffee-, Zuckerrohr- und Bananenfelder, aber wegen zu heiss verzichten wir auf eine Besichtigung dieser riesigen Plantagen. Die Dschungellandschaft verschwindet langsam je weiter hoch wir steigen, die sanften Hügelzüge sind immer noch grün. Nicht mehr weit und wir werden in Ecuador einreisen, ein Land, das zu den ge­fährlichsten der Welt gehört, sagte man uns. Wir erwarten das Schlimmste und beschliessen, so schnell wie möglich durchzufahren. Aber welch Überraschung! Saubere Strassen, saubere Häuser und nette Leute empfangen uns, sogar bei den Militärkontrollen gibt es einen freund­lichen Schwatz. Natürlich darf ein wich­tiger Stopp nicht fehlen: wir balancieren auf dem Breitengrad Null, auf dem ­Äquator, Werni steht auf der nördlichen Halbseite und Lotti auf der südlichen Halbseite der Erde! Nun geht es steil bergauf, steil wieder runter in tiefe Täler, teils auf sechsspurigen Autobahnen, an Gemüse- und Früchteplantagen unter Plastikdächern vorbei und mitten im Land liegt Quito, eine zweieinhalb Millionenstadt auf über 3000Metern, die sich über viele Hügel hin verteilt. Am nächsten Tag erleben wir auf 3700 Metern die nächste Ueberraschung, die eigentlich ziemlich resistente Mitfahrerin wird heftig Höhenkrank, das heisst wir müssen unsere ­Reisepläne sofort ändern und die Inlandroute aufgeben, Gesundheit geht vor. Wir überqueren noch die restlichen Pässe zum Meer runter, die allerdings happig sind, gefährliches Bergsturzgebiet mit tiefen Löchern in der Strasse, abgerutschten Stellen, nur im Schritttempo passierbar, fordern einmal mehr den Chauffeur, was auch für die grossen Lastwagen gilt, die keuchend über die Hindernisse schaukeln.

Nach zwei Stunden Zollformalitäten dürfen wir in Peru einreisen. Was für ein Unterschied zu Ecuador, Müllentsorgung findet ab sofort der Strasse entlang statt, die Bewohner an den Strassen hausen wieder in finsteren Blech-Plastik-und Bretterverschlägen und nur die Wäsche über dem Stacheldrahtzaun davor verrät, dass da jemand zuhause ist. Das ist für eher zartbesaitete Seelen ziemlich schwer verdaubare Kost. Die Dörfer sind wieder chaotisch, zwischen dem Durchgangsverkehr kurven TukTukfahrer halsbrecherisch kreuz und quer, wie in einem Ameisenhaufen. Wir finden glücklicherweise immer einen sicheren Camping, meistens auf einem Bauernhof, wo aber die Hunde, Güggel, Gänse und Pfaue ihre Aufsichtspflicht lautstark allzu ernst nehmen, ohne Rücksicht auf die «ich möchte doch gerne schlafen»-Touristen.

Wir tauchen an der Küste in eine neue Welt und fahren auf einer vierspurigen Autobahn tagelang durch Wüstengebiet. Es geht über bergige, wunderschön geformte Sanddünen, dann wieder durch fruchtbare grüne Oasen, wo sogar Reis angepflanzt wird. Die Siedlungen sind ­alle auf Sand gebaut und sind bei Dauerwind dementsprechend staubig. Die Baracken kleben bis weit hinauf an den Dünen und wir fragen uns, wie kommen die da hoch, wie ist die Ab- und Wasserversorgung, für uns unvorstellbar. Langsam holt uns die Müdigkeit ein, wir brauchen eine Pause und so gönnen wir uns eine Woche Ferien auf einer Mangoplantage südlich von Lima, die glücklicherweise nur von Gänsen bewacht wird.

Denkwürdiger Moment: Werni Nord und Lotti Süd.
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