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Good morning, dear people in Davos

Die DZ-Leser Lotti und Werni Bitterli berichten an dieser Stelle regelmässig von ihrer Reise von der kanadischen Ostküste aus quer und längs über den amerikanischen Kontinent.

Davoser
Zeitung
05.06.24 - 09:00 Uhr
Menschen & Schicksale

Die auf rund 15 Monate veranschlagte Tour soll sie schliesslich bis nach Feuerland führen. Doch noch erkunden sie Neufundland.

«Nach schadlos überstandenem Flug nach Halifax versuchen wir während zwei Tagen die viiiel zuviele, teils total überflüssige Ware sinnvoll im «Womo» zu verstauen. Zum Gaudi aller Leute deponiert Werni unser gesamtes Inventar auf dem riesigen Parkplatz vor dem riesigen Einkaufszentrum rings ums Auto. Nach dem Montieren der kanadischen Gasflaschen meldet sich noch ein technisches Problem mit dem neuzeitlichen Telefon, sprich iPhone. Das fordert die mittlerweile in die Jahre gekommenen Hirnzellen zusätzlich, und da der immer hilfsbereite Sohn für solche Notfälle so circa 6000 Kilometer entfernt ist, dauert diese Hirngymnastik etwas.

So oder so, wir können starten, meistens der atlantischen Küste von Nova Scotia entlang. Schöne, gepflegte Anwesen wechseln mit unglaublich verlotterten, voll zugemüllten Häusern ab. Sich auflösende Wohnwagen, unzählige moos- und grasüberwucherte Schrottautos zieren die Vorgärten. Wir sind entsetzt!

Aber es gibt auch Schönes: Dunkelblaue Seen, zwischendurch ein Blick aufs Meer, über weite Strecken einfach nur Natur. Jede kleinste Gemeinde hat ihre schneeweisse Kirche, die meistens irgendwo weit ausserhalb durch den Wald leuchtet.

Zwischen Riesenmonstern von Lastwagen gequetscht, schippern wir mit unserem «Yöööö»Autöli» (Kommentar einer Passantin) hinüber nach Port aux Basques, Neufundland. Eisige Kälte und öde Hügel, gespickt mit kleinen Häusern, empfangen uns nach sechs Stunden Überfahrt. Alle «Campgrounds» sind noch geschlossen. In Kanada ist das kein Problem, fast in jeder Stadt gibt es einen Walmart oder Ähnliches, wo «Womos» zur Übernachtung geduldet sind. Campingfeeling und Lagerfeuer müssen noch etwas warten.

Wo sind die Eisberge?

Quer über die Insel zu fahren, ist eine Herausforderung für die Sehnerven, Hunderte von Kilometern Strassen sind pfeifengerade durch die Wälder gezogen. Die Kurven kann man fast an einer Hand abzählen, ebenso die nicht getroffenen Schlaglöcher. Wir halten nördlich in Richtung unseres Ziels, Twillingaite. Dort wollen wir die Eisbergparade abnehmen. Beim Leuchtturm haben wir Logenplätze «gebucht», nur, wo sind die Eisberge? Dummerweise bläst der Wind in die falsche Richtung, und so driften die einfach in eine andere Bucht. Da hilft auch nicht, dass der Leuchtturmwächter (gibt es tatsächlich) versichert, dass vor einem Jahr um diese Zeit Hunderte vorbeizogen. Wenn schon keine Eisberge zu sehen sind, so freuen wir uns über die zwei Finnwale, die fontänenspritzend vor unserer Nase vorbeiziehen. Für Eisberge vertrösten wir uns auf Alaska oder Patagonien. Doch, im Zeitalter der Elektronik, finden wir auf der Eisberg-App den Standort der weissen Riesen. Schon sind wir unterwegs über die Hügel zu einer kleinen Bucht, und da sind sie. Grosses Staunen und lauter Wows! Die Übernachtungen bei den Leuchttürmen sind jedes Mal sehr speziell, vor allem wenn uns nachts das Nebelhorn in den Schlaf tutet und der Wind das Auto ziemlich heftig hin- und herschaukelt.

Anschliessend geht es immer schön der rauen Küste entlang, durch einsame kleine Fischerdörfchen, deren kahle, weisse Häuschen in Reih und Glied dem garstigen Wetter trotzen. Das Fischerboot und lange Reihen von Lobsterfangkörben sind direkt vornedran parkiert. Wir fragen uns, was unternehmen diese Leute nur in der Freizeit? Eindrücklich ist die Strassenführung, ohne Kurven steil geradeaus den Hügel hoch, um dann über die Kuppe fast im freien Fall wieder runterzusausen. Es gibt Tage, da fahren wir im stockdicken Nebel durch Tundragebiet. Das ist mystische Stimmung pur dank den vielen verknorzten und verwitterten Bäumchen, die gespenstisch durch den Nebelvorhang winken. Schlimm ist teilweise die Strasse. Sie präsentiert sich wie ein Emmentalerkäse mit «Potholes» (Schlaglöcher), so tief, ein 15 Liter-Pfadikessel hätte darin Platz. Unser lieb gewonnenes Auto muss leiden, und wir mit ihm.

Etwas Geschichte

Leider sind die touristischen Einrichtungen noch «Closed for the season» (geschlossen). Neufundland hat eine abenteuerliche und wilde Entstehungs­­geschichte. Ein Venezianer, Giovanni Cabot, erkundete 1497 im Auftrag von König Henry von England die Ostseite des noch unerforschten Landes, um die ersten Europäer hinüberzuführen. Auf der Westseite der Insel waren lange vorher bärtige und wilde Kerle, die Wikinger, in ihren robusten Nussschalen gelandet. Sie brachten sogar ihre Frauen mit und besiedelten immer mehr die raue Seite der Insel. Diese Siedlungen wurden nachgebaut und in ein lebendiges Museum verwandelt, das aber leider auch noch geschlossen hat. Aber einige Überraschungen hat Neufundland doch noch für uns bereit. Wir treffen auf insgesamt vierzehn Elche, die uns mit ihrer endlos langen Nase, den sanften braunen Augen, mit den Ohren wackelnd und Gras fressend, beobachten.

Drehen im Nebel

Nach drei Wochen mit viel Wind, viel Wald, vielen Kilometern, vielen Seen, vielen netten Begegnungen mit der Bevölkerung, verabschieden wir uns von Neufundland, allerdings mit einem etwas mulmigen Gefühl: Kurz vor dem Festland, wo wir North Sidney ansteuern, tauchen wir mit der Fähre in eine dichte Nebelwand. Das Nebelhorn dröhnt durch die Nebelsuppe, und plötzlich spüren wir, das Schiff wird langsamer. Es hält an und dreht sich im Kreis, was soll das? Des Rätsels Lösung, ein «Cruise» (Kreuzfahrtschiff) hat Vortritt! Glücklich, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, dreht sich unser Kompass nun in Richtung Westen.

Damit wir, vor allem dann in Südamerika, nicht alleine unterwegs sind, suchten wir vorgängig gleichgesinnte Reisepartner. Wir fanden André und Rita aus Buchrain, etwas jünger als wir, die sich uns mit viel Begeisterung anschlossen.

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