Die neue Elternberatung sorgt für Diskussionen
von Fadrina Hofmann
Während 42 Jahren war der Verein Mütter- und Väterberatung Engiadina/Val Müstair/Bregaglia/Valposchiavo/Samnaun in Südbünden für das Wohl von Eltern und Kindern bis zu ihrem fünften Lebensjahr zuständig. Mit der Annahme des Finanzausgleichs im Kanton Graubünden ist diese Aufgabe am 1. Januar 2016 an den Kanton übergegangen.
Heute ist die KJEB, die Fachstelle für familienergänzende und familienunterstützende Angebote im Kanton Graubünden, die neue zuständige Organisation. Der Südbündner Verein wird am 31. August definitiv aufgelöst.
«Aus meiner Sicht – und ich bin seit 25 Jahren Kinderarzt im Engadin und in den Südtälern – war ich den Beraterinnen sehr dankbar für ihre wertvolle Arbeit, die Kommunikation war gut, es gab sehr regelmässige Treffen in Samedan, bei welchen wir uns austauschen konnten», äussert sich Rolf Bienentreu in einem Schreiben an die KJEB.
Seiner Meinung nach hat sich die Situation in den vergangenen Monaten aber stark geändert. Er spricht von einem «profitfixierten Umfeld der jetzigen Trägerschaft, sehr zum Nachteil der Bevölkerung». Beratungsstellen seien geschlossen worden, die Versorgung sei schlechter geworden, Familienkontakte würden verloren gehen.
Auch sollen die Beraterinnen an den wichtigen Entscheidungen nicht mehr beteiligt werden. Bei Kritik werde erfahrungsgemäss mit einer Abmahnung reagiert.
Ziel ist eine Handhabung für alle
Silvia Graf ist Präsidentin der KJEB. Sie wehrt sich gegen die Vorwürfe von Bienentreu. «Die Versorgung ist nicht schlechter geworden, sondern anders», betont sie auf Anfrage. So wurden neu Haupt- und Nebenzentren eingerichtet. Im Engadin befindet sich das Hauptzentrum in Samedan, die Nebenzentren sind in Scuol, Val Müstair, Valposchiavo und Bregaglia. In Samnaun gibt es nur Hausbesuche.
Diese Struktur ist gemäss Graf Teil des neuen Konzepts, das auch vom Kanton abgesegnet wurde. Vorher gab es in Graubünden neun verschiedene Organisationen für die Väter- und Mütterberatung, heute sitzt die Leitung in Chur. Ziel sei, die gleiche Handhabung im ganzen Kanton zu erreichen.
So hat beispielsweise jede Familie mit einem Neugeborenen das Anrecht auf zwei Hausbesuche von einer Beraterin. Später müssen sie die Zentren aufsuchen. Ausnahmen bilden Familien, die in «speziellen Verhältnissen» leben, zum Beispiel solche mit Zwillingen.
«Die Eltern haben sich verändert»
Im Engadin gibt es zwei Beraterinnen. Der Nachteil für sie ist, dass sie nicht mehr die Entscheidungsgewalt haben. Gemäss Graf lässt sich die heutige Situation der Väter- und Mütterberatung nicht mit derjenigen von vor 40 oder auch vor 20 Jahren vergleichen.
«Die Eltern haben sich verändert», erklärt sie. Das Internet sei für junge Eltern zu einer wichtigen Informationsquelle geworden, die Menschen seien heute mobiler. «Viele junge Frauen wollen auch gar keine Hausbesuche mehr», erläutert Graf.
Weiter müsse die demografische Entwicklung bei der ganzen Diskussion berücksichtigt werden. Aktuell werden die Zahlen der in Anspruch genommenen Leistungen ausgewertet. Im Juli sollte das Resultat für das erste Halbjahr vorliegen. (so)
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