Jetzt sind oft Aufstiege an praller Sonne angesagt
von Esther Rüthemann
Als wir in den ersten Tagen nach dem Loslaufen eine Runde mit allen Pilgern und Pilgerinnen mit der Frage eröffneten, «was tut euch am meisten weh?», hatten fast alle was zu sagen. «Mir schmerzen die Schultern vom schweren Rucksack.» «Bei mir hat sich am kleinen Zeh eine Blase gebildet.» «Die Operation am Knie macht sich bemerkbar und die Hüfte spüre ich bei jedem Schritt.»
Natürlich gab es auch welche, die ohne ein Wehwehchen und ohne das kleinste Problem unterwegs waren. Jetzt, einen Monat später, können alle vom einen oder anderen erzählen.
Einander die Füsse gewaschen
Eine Pilgerin hatte so starke Schmerzen, dass ein Weitergehen für sie nicht möglich war. Sie aber will nach Rom gehen, das ist klar, heimgehen kommt nicht infrage. Sie mietete streckenweise ein Auto und machte für uns den Gepäcktransport. Das erleichterte allen das Pilgern. Wir durften ihr einen Teil des Gepäcks mitgeben und so mit einem leichteren Rucksack gehen.
Diese Möglichkeit löste auch für eine andere Pilgerin ein Problem. Sie nämlich musste mit einem immer grösser werdenden Schmerz im Bein leben und dachte über das Abbrechen nach. Nach einer tägigen Pause, einem Arztbesuch und mit wenig Gepäck kann sie trotzdem weiterlaufen. Bei Kopf-, Mens- und Zahnschmerzen hilft eine Pille, und die müden Füsse schmieren und massieren wir.
Meine Achtung vor jeder und jedem ist an jenem Abend in Monteriggoni gestiegen, als wir einander die Füsse wuschen und salbten. Diese zum Teil doch sehr geschundenen Füsse, die mit Blasen überdeckten Fersen und die Zehen, denen die Nägel abgefallen sind, sind kein Grund, nicht weiterzugehen.
Immer weiter Rom zu. Unsere Körper schaffen das, aber auch für die Seelen ist es eine Herausforderung. Wir leben im Alltag mehr oder weniger alleine, mit mehr oder weniger ausgeprägten Eigenheiten. Wir haben zu Hause Zeit, Muse und Raum für uns selber. Das ist beim Pilgern anders. Wir leben eng zusammen, teilen das Zimmer, sitzen miteinander am Tisch, gehen nebeneinander her, und zwar nicht an einem einzigen Tag, sondern bereits seit über 30 Tagen, und liegen jede Nacht mit denen, die schnarchen und sich unruhig bewegen, Seite an Seite.
Niemand kann sich einfach rausnehmen, wir sind aufeinander angewiesen. Das bringt Spannungen und manchmal ein gereiztes Wort. Bis jetzt haben wir den Rank immer gefunden – wir gehen auch darin miteinander weiter.
Die kleineren, aber täglichen Fragen sind: Wo machen wir eine Pinkelpause? Gibt es einen Kaffee im nächsten Ort? Können wir das Wasser noch trinken? Kleine Fragen wie gesagt, aber gerade das mit dem Wasserlassen muss schon geübt sein. Zum Beispiel an einer stark befahrenen Strasse oder auf einem Kretenweg, wo es weit und breit keinen Baum und kein Gebüsch gibt. Wir müssen gelassen werden und unsere Scham überwinden – und es gelingt uns immer besser. Die einen schauen weg und die anderen sind mit wenig zufrieden. Viel grösser könnte der Unmut beim Gehen im unwegsamen Gelände, durch Bachbette und an staubiger Strasse sein.
Im Sommer angekommen
Seit Kurzem sind wir im Sommer angekommen, jetzt wird es heiss und die Aufstiege an praller Sonne sind manchmal heftig. Genauso anstrengend ist es im Regen beim Laufen in den Regencapes. Dann schwitzen wir von innen und werden durch den Regen nass von aussen. Wir haben durch die Kapuzen eine eingeschränkte Sicht und es braucht mehr Konzentration. Aber trotz allem sind wir guten Mutes auf unserem Weg, lösen die Probleme, die sich uns stellen, und investieren uns für eine «Kirche mit* den Frauen».
Ganz im Sinne des Gedichtes von Hildegard Aepli: «Wunden heilen laufend, wir erholen uns laufend.»
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.