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Der Besuch der alten Dame

Südostschweiz
15.05.16 - 09:00 Uhr
Zeitung

Sie weiss nicht, dass ich komme. Ich habe mich nicht angekündigt. Sie ist das ganze Jahr über hier. Sie kann nicht weg. Nur zwei Autos auf dem Besucherparkplatz vor dem grossen Altersheim. Ein schönes Heim, kein seelenloser Betonbunker. Irgendwie altehrwürdig. Jugendstil oder so. Das letzte Mal, als ich meine Tante besuchte, lag Schnee.

Ein Geschenk habe ich vergessen. Blumen oder Schokolade hätte ich an der Tankstelle kaufen sollen, was man halt so schenkt. Woran hätte meine älteste noch lebende Verwandte eigentlich wirklich Freude?

Zwei Damen mit schneeweissen Haaren schieben sich mit ihren Rollatoren aus der Tür, welche eine dritte Dame aufhält. Die dritte Dame scheint etwas jünger, vielleicht so um die 70 Jahre.

Ich trete ein. Gänge wie in einem Hotel. Ich klopfe an Tantes Tür, die immer unverschlossen ist. Sie hört das Klopfen nie, trotz Hörgerät. Ich lasse die Türe langsam aufgleiten und schiebe ein lautes «Hallooo?» durch den sich öffnenden Spalt. Das Einraumzimmer ist leer. Wenige alte Möbel, auf der Kommode ihr Hochzeitsbild, der Mann schon lange verstorben, Krebs.

Weit kann sie nicht sein. Sie ist 96 Jahre alt. Ich laufe durch die Gänge, vorbei an den mehrheitlich weiblichen Bewohnerinnen dieses Heims. Die Damen haben einen ganz eigenen Kleidungsstil, nicht von dieser Zeit. Rund um mich herum wird alles langsamer. Stille durchbrochen nur vom Tick-Tack einer Pendel-Wanduhr.

Ich finde sie in der Cafeteria. Sie trägt eine Bluse mit Rüschen, in einem Gelbton, welcher ausschliesslich in den 70er-Jahren hergestellt wurde. Sie begrüsst mich dieses Mal mit meinem richtigen Namen, strahlt. Sie hat einen guten Tag heute, laiendiagnostiziere ich.

«Hä?» «Wa?» Sie versteht meine Fragen kaum, die ich direkt Richtung Ohr spreche. Ich rede darauf hin noch deutlicher, langsamer und lauter. «Hä?» «Wa?» Eine Pflegerin bemerkt mein Dilemma. Sie stellt sich direkt vor meine Tante und sagt: «Wenn sie d’Lippe gsehnd, verstönd sie fascht alles, gellet sie». Die Konversation nimmt schlagartig Fahrt auf. Wie meist sprechen wir über Tantes Vergangenheit.

Sie ist der Hort der Familiengeschichte, gespeichert in ihrem beeindruckenden Langzeitgedächtnis. Sie erzählt von sich als junge Frau, dass sie nie dachte, so alt zu werden. Sie habe nie speziell gesund gelebt.

Ich frage mich immer, ob alte Menschen bei der Beantwortung existentieller Fragen nicht doch einen Wissensvorsprung haben. Auf die Frage, ob sie rückwirkend in ihrem Leben etwas ändern würde, sagt sie lediglich: «Goht jo doch nöd». Ich frage sie, ob sie Angst vor dem Tode habe. «Na nai» entgegnet sie ebenso umgehend, wie überzeugend. Sie müsse nicht 100 werden. 

Ich verlasse das Altersheim, trete wieder hinüber in meine Zeit. Die 96-jährige, die nicht 100 werden will, sagte mir zum Abschied: «Ich bi zfriede.»

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