Schicksalsgemeinschaft
Von Pesche Lebrument
Wir schauen uns kurz in die Augen. Ein bestätigendes Nicken. Wir kennen uns nicht. Und doch bilden wir Männer eine Schicksalsgemeinschaft. Unsere Frauen sind in diesem Geschäft hier im Einkaufszentrum. Wir Männer stehen davor. Keine Sitzgelegenheit. Die Füsse schmerzen. Aber das gebe ich ja nicht zu. Bin schliesslich ein Mann.
Ich weiss nicht mal, wie man diese Art von Geschäft eigentlich nennt. Nicht Schmuckgeschäft. Eher so billiger Krimskrams, der glänzt, den man sich an den Finger und in die Haare stecken kann. Modeschmuck, so was in der Art.
Ich blicke nochmals zu den Männern auf, sehe in diese Gesichter. Apathische Blicke. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie sie ins Gestell greift. Dann dieser Blick, dieser bestimmte Wink mit dem Zeigefinger. Ich gehorche, gehe zu ihr. Mit ihren ganzen Einkäufen, die ich sowohl schleppen wie auch ständig bewachen darf.
«Welcher dieser beiden Haarreifen gefällt Dir besser?» Sie fragt tatsächlich nach meiner Meinung. Sie weiss doch, dass ich keinen Geschmack habe. Das jedenfalls gibt sie mir immer wieder zu verstehen. Sie kauft ja sogar meine Kleidung. Warum ist ihr meine Meinung wichtig? Ich wage meine Meinung: «Der Dunkle passt besser zu Deinen Haaren». Warum bin ich nicht überrascht, als sie sich an der Kasse dann doch für den Hellen entscheidet? Doch noch hat sie mich nicht zur Kasse gebeten.
Ich trete wieder hinaus, hinein in die Schicksalsgemeinschaft. Einer der wartenden Männer scrollt lustlos mit dem Finger auf seinem Handydisplay. Ein anderer beobachtet seine Freundin im Geschäft. Nur scheinbar, der Blick geht durch sie hindurch.
Ich für meinen Teil gebe mich meinen Gedanken wahllos hin: Warum gibt es eigentlich keine Partei, die sich für Männer-Sitzgelegenheiten vor Modeschmuckgeschäften einsetzt? Warum baut man uns keine Bar, in der wir zeitungslesend auf unsere Frauen warten können? Also ich würde diese Partei sofort wählen. Aber nein. Alle Parteien setzen sich für den Mittelstand und so ein. Dabei haben wir Männer hier ein echtes Problem.
«Hast Du Kleingeld?», reisst mich meine Freundin aus den Gedanken. «Nein, nur grosse Noten.».Verdammt! Sie hat mich ausgetrickst. Ich halte das Portemonnaie bereits in Händen. Aber ich durfte am Entscheidungsprozess ja mitwirken. Ich denke zufrieden: Was gibt es Schöneres, als meiner Liebsten einen hellen Haarreif zu schenken.
Tasche links, Tasche rechts. Ich verlasse meine Gemeinschaft, verabschiede mich stumm von meinen Männern, die tapfer mit mir hier ausharrten. Stolz laufe ich hinter ihr her und blicke nicht mehr zurück.
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.