Dem Lehrlingsmangel trotzen: Graubünden setzt auf neue Wege
Problem erkannt, Lösungen geplant: Beim Bündner Gewerbeverband hat man klare Vorstellungen, wo es punkto Berufslehren hingehen soll.
Problem erkannt, Lösungen geplant: Beim Bündner Gewerbeverband hat man klare Vorstellungen, wo es punkto Berufslehren hingehen soll.
von Andri Dürst
Lehrlingsmangel – dieser Begriff ist seit einigen Jahren in aller Munde. Doch woher kommt dieser Mangel? Und was lässt sich dagegen tun? Antworten auf diese Fragen hat Maurus Blumenthal. Er ist Direktor des Bündner Gewerbeverbands (BGV), der unlängst eine Berufsbildungsstrategie ausgearbeitet hat.
Herr Blumenthal, welcher Gedanke blitzt als Erstes in Ihrem Kopf auf, wenn Sie das Wort «Lehrlingsmangel» hören?
Mein erster Gedanke ist, dass es grundsätzlich ein demografisches Problem ist. In den letzten zwölf Jahren ist die Anzahl der Volksschulabgängerinnen und -abgänger stark zurückgegangen. «Stark» heisst: Vor 15 Jahren zählten wir 2500, 2021 waren es noch 1500. Diesen Rückgang spürt man überall – auch an den Gymnasien. Wichtig ist aber: Der Prozentsatz jener, die eine Lehre machen, liegt bei etwa 80 Prozent und ist somit konstant geblieben.
Wie schaut denn die Zukunft aus?
Wenn man die Geburtsstatistik auf die kommenden 16-Jährigen projiziert, zeigt sich, dass die Entwicklung in den nächsten 15 Jahren auf heutigem Niveau relativ stabil bleibt. Die Zuwanderung in Graubünden dürfte im Vergleich zu anderen Kantonen auch künftig tiefer ausfallen. So werden Zürich und St. Gallen in den nächsten Jahren wohl eher einen Lehrstellenmangel haben. In Graubünden rechnen wir aufgrund der geringeren Zuwanderung weiterhin damit, dass einige hundert Lehrstellen pro Jahr nicht besetzt werden können. Für uns ist daher klar: Wir müssen uns als Berufsbildungskanton positionieren.
Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Dass jemand aus dem Kanton Zürich oder St. Gallen für die Lehre – ähnlich wie ein Internatsschüler oder eine Internatsschülerin – hierherkommt?
Ja, genau. Schon heute kommen einige Lernende, beispielsweise für eine Lehre im Tourismus, zu uns. Oder in den Südtälern stammen zahlreiche Lernende aus Italien. Das zeigt, dass das grenzüberschreitende Ausbilden bereits funktioniert. Wir wollen aber auch neue Modelle entwickeln, mit denen wir Lernende aus anderen Kantonen anziehen können. Wichtig ist, dass wir unsere gute Qualität in der Berufsbildung weiterhin halten.
Wie sieht denn die Situation im Kanton Graubünden aktuell aus? Welche Branchen sind besonders vom Lehrlingsmangel betroffen? Gibt es auch Bereiche, die genug Nachwuchs haben?
Grundsätzlich lässt sich sagen: Die Verbände, die im Nachwuchsbereich gute Arbeit leisten, haben in der Regel auch genügend Lernende. Trotz des Rückgangs der Schulabgänge haben sich die Zahlen bei den Automechanikerinnen, Elektrikern und Schreinerinnen relativ gut gehalten. Andere wiederum haben mehr Mühe – etwa Köche, Metzgerinnen und Bäcker. Und dann gibt es natürlich auch gewisse Zeiterscheinungen. Lange war das KV die beliebteste Lehre, Lehren im Bereich Gesundheit und Tourismus haben aber aufgeholt. So erfreuen sich relativ neue Lehrberufe wie die FaGe-Lehre (Fachfrau respektive Fachmann Gesundheit) oder Hotel-Kommunikationsfachfrau und -fachmann grosser Beliebtheit. Es sind aber auch gewerbliche Berufe wieder im Aufschwung. Vielleicht hängt das auch mit der ungewissen Zukunft der kaufmännischen Berufe zusammen – Stichwort Wandel durch künstliche Intelligenz. Wer hingegen ein Handwerk lernt, wird auch in 30 Jahren noch einen Job haben.
Weniger Lernende bedeutet auch weniger Fachkräfte – wo steuern wir diesbezüglich in Zukunft hin?
Wir haben nicht nur weniger Lernende, die nachkommen, sondern auch viele Fachkräfte, die in Pension gehen. Das Hauptproblem ist die Demografie in Graubünden. Der Unterschied zu anderen Kantonen ist dabei gross. In Zürich etwa ist dieser Fachkräftemangel wegen der Migration weniger ausgeprägt. Für Graubünden sagen die Bevölkerungsprognosen eine stagnierende Entwicklung voraus. Und darum ist es umso wichtiger, dass wir drei von vier Schulabgängerinnen und -abgängern auch künftig in eine Lehre bringen. Unser Ziel ist es aber auch, wie erwähnt auswärtige Familien sowie Lernende anzuziehen. Das erreichen wir mit guter Bildung und guter Infrastruktur – aber auch mit sinnvoller Raumplanung und genügend Wohnraum.
Welche Herausforderungen gibt es ausserdem im Bereich der Berufslehren?
Früher wurden Lernende oft «nebenbei» ausgebildet – heute muss man sich viel mehr Zeit für sie nehmen. Zudem gibt es mittlerweile mehr administrativen Aufwand, etwa durch Lernberichte. Aufseiten der Lernenden merken wir, dass gewisse Fähigkeiten weniger vorhanden sind. Früher gingen viele während der Schulzeit in den Ferien arbeiten und sammelten so erste Arbeitserfahrungen. Oder ein anderes Beispiel: Früher konnten praktisch alle einen Nagel gerade einschlagen – heute lernen Maurer-Lernende das im ersten ÜK-Kurs. Auch das Durchbeissen oder der Umgang mit Herausforderungen fällt vielen schwerer – weil sie dies nicht vorher gelernt haben. Man muss aber auch anerkennen, dass viele Ausbildungen komplexer geworden sind. Doch noch immer gilt: Die Wertschöpfung von Lernenden ist über die gesamte Lehrzeit grösser als der Aufwand, den man in sie investiert. Es lohnt sich also auch finanziell für einen Betrieb, Lernende auszubilden.
Kürzlich sorgte ein offener Brief, der acht Wochen Ferien in der Lehre fordert, schweizweit für Aufsehen. Was sagen Sie zu dieser Forderung?
Als BGV lehnen wir diese Forderung ab. Auch der Grossteil der Lehrbetriebe im Kanton ist dagegen, wie eine Umfrage gezeigt hat. Wir sind dezidiert der Meinung, dass das Gesetz in Bezug auf die Ferien eine Minimallösung vorsehen soll. Wenn ein Betrieb mehr Ferien anbieten kann und will, soll er das freiwillig tun können. Was man auch nicht vergessen darf: Viele Lehrbetriebe erlauben ihren Lernenden, während der Arbeitszeit zu lernen. Und der Vergleich, dass Schülerinnen und Schüler an einer Mittelschule viel mehr Ferien haben, hinkt – viele von ihnen gehen dann jeweils arbeiten.
Wie gut funktioniert eigentlich die Zusammenarbeit der Lehrbetriebe mit den Schulen und dem Kanton?
Wir haben letztes Jahr eine Umfrage bei den Lehrbetrieben durchgeführt. Insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Amt für Berufsbildung wird als sehr positiv bewertet – gefolgt von den überbetrieblichen Kurszentren, Berufsfachschulen, Eltern und Branchenverbänden, mit Zustimmungswerten zur guten Zusammenarbeit von 85 bis 90 Prozent. Viel Verbesserungspotenzial gibt es einzig bei den Oberstufen im Rahmen der Berufswahl – nur rund die Hälfte bewertet diese Zusammenarbeit als gut (55 Prozent). Aber daran können wir gemeinsam arbeiten. Was aus meiner Sicht ebenfalls sehr gut läuft, ist die Organisation der Abschlussprüfungen, wo jährlich über 1000 Expertinnen und Experten beteiligt sind. Sie nehmen dafür teilweise sogar Ferien – da ist viel Herzblut dabei. Allgemein kann beobachtet werden, dass in der Berufsbildung mit viel Leidenschaft und Herzblut gearbeitet wird.
Wenn ein junger Mensch vor der Wahl steht «Gymnasium oder Lehre», was raten Sie ihm konkret?
Das muss natürlich jede Person für sich entscheiden. Man muss sich fragen: «Was will ich in den nächsten vier Jahren machen?» Wenn man lieber ausschliesslich die Schulbank drückt, geht man ans Gymnasium. Wenn man lieber arbeitet und etwas Praktisches tun will, macht man besser eine Lehre. Die Eignung spielt natürlich auch eine Rolle – wer zwei linke Hände hat, ist in einem handwerklichen Beruf eher fehl am Platz. Wichtig ist, dass alle Beteiligten – Schülerinnen, Schüler, Eltern und Lehrpersonen – die Berufswahl sorgfältig angehen.
Zu erwähnen ist auch: Mit der Lehre ist man immer auf der sicheren Seite. Mit 25 haben fast alle Lehrabgängerinnen und -abgänger eine abgeschlossene Ausbildung. Bei den Studierenden haben in diesem Alter erst rund 50 Prozent einen Bildungsabschluss, der sie für den Arbeitsmarkt befähigt, in der Tasche. Und auch das Argument, dass man mit einem Studienabschluss mehr verdient als mit einer Lehre, stimmt so nicht. Es kommt sehr auf den Abschluss an. Jemand, der beispielsweise Maurer gelernt und sich anschliessend zum Bauführer weitergebildet hat, darf sich über einen guten Lohn freuen. Unabhängig vom Lohn ist die Lehre aber auf jeden Fall eine gute Lebensschule.
Weitere Infos zur Berufsbildungsstrategie findet ihr hier.
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