Winterruhe auf 1700 Metern: Wie Bruno Loi und sein Hof im Avers die kalte Jahreszeit erleben
Von Cindy Ziegler
Von Bruno Loi ist nichts zu sehen, aber Hündin Mila begrüsst schwanzwedelnd im Cröt im Avers. Die Sonne lugt an jenem frühen Dienstagmorgen noch schüchtern über die Bergspitzen. Schaut man sich um, fallen die bunten Lärchen ins Auge. Atmet man aus, bilden sich kleine Kondenswolken vor dem Mund. Weit weg ist er nicht mehr: der Winter. Über die kalte Jahreszeit wollten wir eigentlich mit dem Landwirt sprechen, den wir aber auch zwischen den Häusern und im Hofladen nicht entdecken. Bis er dann mit schmutzigen Stiefeln und einem breiten Lächeln auf uns zukommt. «Ich muss euch zeigen, warum ihr mich nicht gefunden hat», meint er und geht voraus. Er führt in den Kuhstall und zeigt in die erste mit Stroh ausgelegte Box. Am Boden liegt ein kleines Kalb, das von seiner Mutter geputzt wird. Es ist gerade erst geboren. Einen Namen hat die Kuh – es ist ein Mädchen, wie Bruno Loi erklärt – noch nicht.
Die Wintervorbereitungen beginnen mit dem Alpabzug
Wenig später sitzt der Avner an seinem Küchentisch. Er hat sich umgezogen und einen Kaffee gemacht. Zeit für ein entspanntes Gespräch. Darüber, was nun auf seinem Hof passiert. Jetzt, wo die Kühe wieder heimgekommen sind. «Die Wintervorbereitungen beginnen eigentlich Mitte September, wenn das Vieh von der Alp kommt», erklärt Bruno Loi. Während oben die Zäune zusammengeräumt werden, wird unten die Herbstweide eingeteilt. Die Kühe von Biolandwirt Loi dürfen das ganze Jahr über nach draussen – auch im Winter. Nur, wenn der Boden extrem nass ist, bleiben sie im Stall. «Sonst geht alles kaputt», meint er. Die Geissen, die im Sommer als Landschaftspflegerinnen im Einsatz sind, haben im Winter nicht viel zu tun.
Auch ihr Besitzer hat in der kalten Jahreszeit eine weniger volle Agenda. «Bei uns, auf 1700 Meter über Meer, schläft die Natur im Winter.» Bruno Loi zeigt aus dem Fenster. Auf die Bäume, die ihre Blätter abwerfen, und die ganz leicht verschneiten Bergspitzen. «Im Winter gehen die ‹Mungga unteri› und auch die Schlangen. Die Maulwürfe schlafen. Das Wasser wird gespeichert. Das Wild wechselt sein Fell. Die Natur fährt sich selbst runter. Stille.» Ein Zustand, der auch auf seinem Hof eingenommen wird. Die Kühe seien domestiziert und mögen es gerne warm. Im Winter müssen sie zugefüttert werden, da sie sonst nicht genügend Futter finden würden. «Aber sie kalbern zum Teil draussen bei minus 20 Grad. Und der erste Schnee ist auch für sie eine grosse Freude. Wie Hunde oder Kinder springen sie im Neuschnee umher», sagt Bruno Loi und lacht.
Futter für 240 Tage Winter
«Ich bin kein ausgesprochener Wintermensch. Ich mag den Winter bis Weihnachten. Bei uns oben ist er halt einfach sehr lang», meint der Landwirt und trinkt seinen Kaffee aus. Und doch schätzt Bruno Loi auch diese Zeit. Denn sie ermöglicht Revision, Reparatur und Regeneration. Wir spazieren über den Hof. Der Avner zeigt das Heulager und die Siloballen. Futter für 240 Tage Winter. Im Avers beginnt der Frühling erst Mitte Mai und der Sommer Mitte Juni, wenn die Kühe wieder auf die Alp ziehen. In tiefer gelegenen Regionen sieht das natürlich anders aus.
In der Scheune nebenan hat sich Bruno Loi eine kleine Werkstatt eingerichtet. Daneben steht ein Heubläser. «Da muss ich einen Schalter ersetzen. Für solche Sachen habe ich Zeit im Winter», meint er. Unter einem anderen Dach stehen die Maschinen, die auf dem Land der Lois zur Heuernte verwendet werden, schon geputzt und gewartet – bereit für den Einsatz im nächsten Sommer.
Auf dem Weg zum Kuhstall kommen wir auf das Wetter zu sprechen. Bruno Loi klopft mit seinem Fuss, der wieder in dicken Stiefeln steckt, auf den Boden. Es klingt hart. «Der Boden ist schon gefroren. Jetzt muss es eigentlich nur noch Schnee geben», meint er. Denn der Schnee sei im Winter wichtig. Er schütze den Boden vor dem rauen Winterklima. Sodass dieser im Sommer wieder gut austreiben könne. Als Landwirt sei er das Wetter immer am Beobachten. Ist Regen angesagt? Ist es zu trocken? Zu nass? Zu warm? Zu kalt?
Die Bauernregeln der Mama
Auf Bauernregeln (ein paar davon sind in der Box zu finden) angesprochen, lacht Bruno Loi wieder. Ja, von denen gebe es viele, meint er. Und ergänzt, dass er nur einer glaube. Nämlich derjenigen, die seine 93-jährige Mutter immer erzählt. Wenn es im Herbst üppig Vogelbeeren am Strauch habe, dann wird es einen strengen Winter geben. «Weil die Vögel dann Nahrung brauchen», erklärt er und zuckt mit den Schultern.
Als Landwirt sei er sehr viel direkter vom Wetter abhängig wie als Konsument. «Es bestimmt, wie die Natur wächst. Und was wächst, ist unsere Futterbasis.» In den letzten Jahren hätten vor allem die Extreme zugenommen. Umso wichtiger sei es, im Winter für die wärmere Jahreszeit vorauszuplanen. Wir passieren das Mistlager, das erst wenig gefüllt ist. Die Kühe stehen derweil um den grossen Futtertrog im Freien. Nur zwei, ein schwarzes Kalb und eine braune Kuh, sind auf der Weide. Bruno Loi geht zur Kuh, tätschelt ihren Rücken und streichelt ihr das Fell zwischen den Augen. «Das ist Malaika. Sie wird von der Herde ausgestossen», meint er. Wieso, das wisse er nicht. «Aber sie ist eine super Kuh.» Nach dem anstrengenden Sommer, mit langen Tagen und viel körperlicher Arbeit, geniesst Bruno Loi die Zeit mit seinen Tieren. Die Ruhe. Die Möglichkeit zur Regeneration.
Winter-Bauernregeln
Die sogenannten Bauernregeln sind meist in Reimform gefasste, alte Volkssprüche, die das Wetter und die Folgen für die Landwirtschaft betonen. Manche von ihnen sind wissenschaftlich begründet und haben sich aus früheren Zeiten weiterentwickelt. Sicher ist, dass sie alle aus Beobachtung nacheinanderfolgenden Umständen entstanden sind und von Generation zu Generation weitergegeben wurden.Nachfolgend einige Fundstücke aus dem Internet, die den Winter behandeln:
- Auf harten Winters Zucht folgt gute Sommerfrucht.
- Ist bis Dreikönig kein Winter, so kommt keiner mehr dahinter.
- Viel Schnee, viel Heu, aber wenig Obst dabei.
- Viel und langer Schnee gibt viel Frucht und Klee.
- Wenn am Dach hangen gefrorene Spitzen, dann ist gut beim Ofen sitzen.
- Wenn es nicht wintert, so sommert es nicht.
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