Die Facetten von Trauer: Eine Bündner Expertin erklärt, ob man trauern darf
Trauert man um einen Menschen, der langsam und unaufhaltsam verloren geht, nennt man dies «weisse Trauer». Trauern um einen Menschen, der noch lebt? Darf man das überhaupt?
Trauert man um einen Menschen, der langsam und unaufhaltsam verloren geht, nennt man dies «weisse Trauer». Trauern um einen Menschen, der noch lebt? Darf man das überhaupt?
Von Susanne Turra
«Trauer ist die Lösung, nicht das Problem.» Das Zitat der deutschen Trauerexpertin Chris Paul bringt das ganze gleich auf den Punkt. Der Mensch darf trauern. Mehr noch. Er muss es tun. «Trauer ist eine Hilfe, sich der neuen Situation anzupassen.» Das sagt auch Anita Laperre von Alzheimer Graubünden. Es ist ein sommerlich warmer Morgen im August in Chur. «Trauer hat nicht nur mit dem Tod zu tun», betont die Fachfrau. «Sie ist nicht nur schwarz.» Dennoch. Trauern um einen Menschen, der noch lebt? Darf man das überhaupt?
Wer traurig ist, trauert
«Unbedingt», so Anita Laperre. «Trauer ist die natürliche Reaktion auf Verlust, Veränderung und Abschied.» Dazu gehört auch schrittweiser Abschied. Beispielsweise von einem geliebten Menschen mit Demenz. Anita Laperre weiss, wovon sie spricht. Seit vielen Jahren ist sie in der Geschäftsleitung von Alzheimer Graubünden tätig. Und da hat sie es mit vielen Angehörigen und Betroffenen zu tun. «Diese Menschen haben die Berechtigung, um traurig zu sein», betont sie. «Sie müssen Abschied nehmen von Rollen, Träumen und Zielen, ihrer ganzen Lebensvorstellung.»
Dabei sind die Angehörigen nicht immer nur belastet oder überlastet. Manchmal sind sie ganz einfach traurig. Und wer traurig ist, trauert. Um einen Menschen, der langsam und unaufhaltsam verloren geht. Das nennt man weisse Trauer. «Dabei ist es eigentlich gar nicht der Mensch, der verloren geht», gibt Anita Laperre zu bedenken. «Es sind die Wertvorstellungen.» Ansehen, Erfolg und Reichtum. Das deckt sich nicht mehr mit den Wertvorstellungen von Menschen mit Demenz.
«Ein Mensch mit Demenz ist ein Mensch ohne Leistungsdruck», so Anita Laperre. «Er kann sich nicht verstellen. Er ist, wie er ist. Echt und authentisch.» Er wird wieder zum Menschen. Die kleinen Dinge des Lebens bedeuten für Menschen mit Demenz sehr viel Lebensqualität.
Ein Schritt zurück
Das ist ein Schritt zurück. Aber auch eine Chance. Wer diese Wertvorstellungen wieder dieser Basis anpasst, kann schöne und harmonische Stunden mit den Betroffenen erleben. Dabei steht immer der Mensch im Mittelpunkt. Er bleibt, was er ist. Nur sein Verhalten ändert sich. Und das ist das, was wir betrauern. Wir definieren uns über Geist und über Leistung. Die Bedürfnisse eines Menschen mit Demenz kehren zu den Basisbedürfnissen zurück. Sie freuen sich über liebevolle Zuwendung. Und darüber, wenn sie Musik hören und ein Stück Kuchen essen dürfen. Dieses Schicksal gilt es anzunehmen. Und das kann eine längere Trauerphase bedeuten.
Schleichend und abbauend
Dabei sind es längst nicht nur die Angehörigen, die trauern. Es sind auch die Betroffenen selbst. Zumindest im Frühstadium. Sie bekommen eine Diagnose. Sie verlieren ihre Selbstständigkeit. Ihre Souveränität. Wenn sie in die Zukunft schauen, müssen sie von vielem Abschied nehmen. Sie sind müde. Alles fällt schwerer. Im Alltag brauchen sie Strategien. Mehr und mehr. «Um ein Frühstück vorzubereiten, braucht es 43 Handlungen, die man machen muss», betont Anita Laperre. Brot schneiden, Kaffee machen, Kühlschrank öffnen. Und vieles mehr.
Wenn ein Schritt fehlt, ist die Kette unterbrochen. Dann helfen Mitmenschen, die Brücken zu bauen, indem sie beispielsweise den Kühlschrank öffnen, damit der Mensch mit Demenz seine Handlung weiterführen kann. Die Krankheit ist schleichend und abbauend. Sie führt zu einem unbestimmten Verlust. Zu einem Schmerz, der betrauert werden darf und muss. Nach und nach muss der Umgang miteinander wieder neu gelernt werden. Dennoch. Viele Dinge sind noch da. Einfach irgendwie verschüttet. «Auch Menschen mit Demenz haben bessere und schlechtere Tage», so Anita Laperre. «Manchmal sind sie ganz klar. Und manchmal ein bisschen im Nebel.»
Dieser Mensch tut mir gut
Und dann kommt der Tag, an dem die Betroffenen die Angehörigen nicht mehr erkennen. Trauer und Schmerz erreichen ihren Höhepunkt. Zumindest für die Angehörigen. Für die Betroffenen nicht. Sie spüren immer noch die Nähe der Angehörigen. Sie spüren, dieser Mensch tut mir gut. Das genügt ihnen. Und das sollte auch den Angehörigen genügen. Irgendwann. Oftmals sind die Menschen in ihrer Trauer dann nicht mehr nur traurig. Sie sind wütend und verzweifelt. Sie hadern, fühlen sich hilflos. «Trauer ist ein Prozess», so Anita Laperre. «Man darf sich aber nicht darin vergraben. Irgendwann ist der Prozess abgeschlossen.»
Und wenn der an Demenz erkrankte Mensch dann wirklich verstirbt, ist es oft eine Erlösung. Doch dieser Tod wird plötzlich für alle sichtbar. Und die Angehörigen bekommen ein schlechtes Gewissen, weil sie beim Tod der Betroffenen oftmals nicht mehr wirklich in Trauer sind. Diese Phase haben sie ja schon viel früher durchlebt. Und eben diese weisse Trauer ist ein Tabuthema. «Die Gesellschaft sollte endlich anerkennen, dass Angehörige von Menschen mit Demenz eine Trauerphase vor dem Tod der Betroffenen durchleben», so Anita Laperre. Übrigens tritt die weisse Trauer längst nicht nur im Zusammenhang mit an Demenz erkrankten Menschen auf.
Veränderung und Anpassung
Sie zeigt sich in allen Lebenssituationen, die sich verändern. Das kann eine Pensionierung sein. Eine Ehescheidung. Eine Lebenswende. Trauer bedeutet Veränderung. Anpassung. «Trauer ist ein guter Prozess», wiederholt Anita Laperre. «Man muss sie nur zulassen.»
Weitere Informationen zur Alzheimer Graubünden gibt es hier.
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