Warum die Hedschasbahn bis nach Filzbach «fährt»
Sie sammeln nur Briefmarken mit Eisenbahnmotiven. Viele sind es nicht, die dieses Hobby teilen. Ein von Kurt Müller aus Näfels organisiertes Treffen in Filzbach zieht darum Fans aus halb Europa an.
Sie sammeln nur Briefmarken mit Eisenbahnmotiven. Viele sind es nicht, die dieses Hobby teilen. Ein von Kurt Müller aus Näfels organisiertes Treffen in Filzbach zieht darum Fans aus halb Europa an.
Es gibt 600 Menschen auf der Welt, die fast nur Briefmarken mit Eisenbahnmotiven sammeln. Jeder zehnte von ihnen kommt diese Woche nach Filzbach. Die Leute aus halb Europa kommen nicht nur, um Briefmarken zu tauschen. «Das Glarnerland und die Schweiz sind für Bahnfans ein sehr interessanter Ort», sagt Kurt Müller aus Näfels. Es freue ihn deshalb, den Gästen die Schön- und Besonderheiten seiner Heimat zeigen zu dürfen.
Müller ist Obmann des Schweizer Ablegers der Eisenbahn-Briefmarken-Freunde und steckt in den letzten Vorbereitungen für den 51. Kongress der internationalen Motivgruppe Eisenbahnwesen in Filzbach, der morgen Donnerstag, 8. Juni, beginnt.
Früher ein Hobby für den Winter
«Mein Onkel war Eisenbahner und hat mich seinerzeit in der Dampflok im Führerstand mitfahren lassen. Seitdem bin ich schon sehr eisenbahnbegeistert», sagt Müller. Und das Briefmarkensammeln sei auch schon lange ein Hobby. «Für den Winter», wie er sagt. Mittlerweile ist er nicht nur der Chef der Eisenbahn-Briefmarkensammler, sondern auch Präsident der Stiftung zur Förderung der Philatelie in der Schweiz, so etwas wie der oberste Schweizer Briefmarkensammler.
Nicht alle der 60 Kongressgäste haben aber einen Eisenbahner-Onkel und sind Präsidenten einer Philatelisten-Stiftung. Viele Eisenbahn-Briefmarken-Fans gebe es in der ehemaligen DDR. Nach der Wende zählten sie zu den eifrigsten Kongressbesuchern, aber sie organisierten bald auch Kongresse in Ostdeutschland. Der Grund, warum man sich auf das Sammeln von solchen Briefmarken spezialisiert habe, sei aber bei jedem Mitglied unterschiedlich. «Aber der Bezug zur Eisenbahn auf einer anderen Ebene ist meist zentral», sagt Müller. Viele verbnden so ihr Hobby (Briefmarken-Sammeln) mit ihrer Leidenschaft für Eisenbahnen.
Und auf diese leidenschaftlichen Bahn-Experten müsse man achtgeben, so Müller: «Sobald man in die Nähe einer Eisenbahnlinie kommt, schwärmen sie aus. Und dann muss man sie wieder zusammensammeln, damit das Programm fortgesetzt werden kann», erklärt der Architekt mit einem Schmunzeln.
Nicht nur im stillen Kämmerlein
Müller spricht bedächtig, erklärt überlegt. «Briefmarken sind für mich eine Welt, in die ich mich zurückziehen kann», sagt er. Um eine Sammlung zu vervollständigen, kann man aber nicht einfach nur im stillen Kämmerlein bleiben. Im Gegenteil: Für ihre Sammlungen brauchen Philatelisten oft besondere Einzelstücke, die man nur im Austausch mit anderen ergattern kann.
Müller erklärt das am Beispiel einer Sammlung, die er in seinem Wohnzimmer ausgelegt hat: Es sind zwölf fein säuberlich drapierte A4-Blätter. Und sie erzählen eine Geschichte: die der Bahnlinien von Istanbul in den Mittleren Osten. Speziell geht es um die Hedschasbahn, die von Damaskus nach Medina führte.
Auf den Blättern erklärt Müller die Bedeutung und Geschichte der Bahn. Dazu kommen Briefmarken mit Eisenbahnen darauf (für einen Euro aus dem Internet), eine Postkarte mit dem Bild des Bahnhofs von Damaskus oder ein Brief nach Kairo (für 3000 Euro). «Bei solchen Sammlungen geht es nicht darum, möglichst viel Geld auszugeben», sagt Müller. Es gehe darum, mit den richtigen Exemplaren eine schöne Geschichte zu erstellen.
Sammler aus ganz Europa
«Als Motiv-Sammler braucht es deshalb sehr viel Hintergrundrecherche.» Bis zu fünf Jahre arbeite man an so einem Projekt. «Und dann braucht man halt nicht irgendeine Marke, sondern die passende.» Das kann unter Umständen eben auch eine sein, die man für einen Euro im Internet bekommt. «Hier unterscheiden wir uns von anderen Philatelisten», sagt Müller. Eben weil das Zusammenspiel der einzelnen Exemplare, die Gestaltung der wichtigste Punkt der Arbeit sei und nicht die Vollständigkeit, Rarität oder der Wert der Marken.
Der Kongress in Filzbach beinhaltet Exkursionen auf dem Walensee (von wo man die Bahnlinie gut sehen kann) und ins Bündnerland zu all den RhB-Sehenswürdigkeiten. Am Abend gibt es aber immer auch Zeit fürs Tauschen. «Es ist eine sehr spezifische Gruppe, die sich hier trifft. Darum ist die Chance auch gross, ein lange gesuchtes Stück zu finden», sagt Müller. Die Sammler aus Dänemark, Holland, Österreich, Deutschland und der Schweiz suchten in ihren Heimatländern zudem auch gezielt nach Marken, die sie dann dem Kollegen aus dem anderen Land an den Kongress mitbringen können.
Und apropos Geselligkeit: In Müllers Bed and Breakfast in seinem Haus haben Eisenbahnbriefmarken-Sammler zehn Prozent Rabatt. Müller lacht: «Das kann man mit gutem Gewissen machen.» Selbst wenn jeder Sammler auf der Welt einmal bei ihm übernachten würde, wären das nur 600 Übernachtungen.
Sebastian Dürst ist Redaktionsleiter der «Glarner Nachrichten». Er ist in Glarus geboren und aufgewachsen. Nach Lehr- und Wanderjahren mit Stationen in Fribourg, Adelboden und Basel arbeitet er seit 2015 wieder in der Heimat. Er hat Religionswissenschaft und Geschichte studiert. Mehr Infos
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