Rettung im letzten Moment für die Katzenburg
Die Katzenburg in Haldenstein wird derzeit gesichert und konserviert. Was alles nötig ist, damit die Ikone auch viele weitere Jahre über dem Churer Rheintal thronen kann, erfuhr die «Büwo» vor Ort.
Die Katzenburg in Haldenstein wird derzeit gesichert und konserviert. Was alles nötig ist, damit die Ikone auch viele weitere Jahre über dem Churer Rheintal thronen kann, erfuhr die «Büwo» vor Ort.
von Andri Dürst
Zwei Kulleraugen in der Mitte, darüber zwei spitzige Ohren, darunter ein geöffneter Mund und gegen links ein Körper: Vom Tal unten sieht die Ruine Lichtenstein aus wie eine Katze. Kein Wunder, wird das Bauwerk oberhalb von Haldenstein im Volksmund als «Katzenburg» bezeichnet. Doch beinahe hätte das verwitterte Gemäuer sein ikonisches Aussehen verloren – mehrere Steine drohten abzustürzen. Damit diese Gefahr gebannt und die Ruine für die Zukunft erhalten werden kann, laufen derzeit umfangreiche Sicherungs- und Konservierungsmassnahmen. Seit der Fusion mit Haldenstein ist es die zweite historische Burg, an der die Stadt Chur arbeitet: Nach der Burg Haldenstein im Jahr 2021 ist es nun die Burg Lichtenstein, die bis Ende 2024 konserviert und gesichert wird.
Dieses Projekt wird unter der Leitung der Abteilung Hochbau der Stadt Chur in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Kantonalen Denkmalpflege und dem Archäologischen Dienst Graubünden sowie einer Expertin im Bereich der Burgenkonservierung und Architektur ausgeführt.
Einstürzen verhindern
Dass an der Ruine gebaut wird, erkennt man sofort, wenn man das Ende des Forststrässchens, das zur Burg führt, erreicht hat. Baucontainer und Generatoren stehen da. Über einen kleinen Fussweg geht es einige Meter hoch zum ehemaligen Burggraben. Dort sind gerade zwei Maurer daran, mit frischem Mörtel die Löcher in der Mauer zu stopfen. Mit den Bauarbeiten komme man gut voran, erklärt Architektin Gabriela Güntert. «Zwar konnten wir im Frühling nicht ganz so früh starten wie geplant, da der Mörtel eine Mindesttemperatur von 10 Grad Celsius haben muss. Nun aber spielt uns das schöne Wetter in die Hände, und wenn alles nach Plan verläuft, können wir die Arbeiten noch dieses Jahr abschliessen.» Zum Glück, denn viel länger hätte man mit den Sicherungsarbeiten nicht zuwarten dürfen. «An allen Ecken und Enden drohten lose Steine herunterzufallen», so die Architektin. Im schlimmsten Fall wären nicht nur die «Katzenohren» eingestürzt, sondern es hätte auch Personenschäden geben können.
Wir gehen auf der Baustelle weiter – die Platzverhältnisse sind recht eng. Kein Wunder, auf der Talseite des Burghofs geht es senkrecht den Abhang hinunter. Damit trotzdem am «Katzengesicht» gearbeitet werden kann, wurde eine Gerüstplattform aufgestellt. Hier treffen wir auch auf Mitarbeitende des Archäologischen Diensts Graubünden. «Bevor die Bauarbeiten starten konnten, machten wir noch diverse Untersuchungen. So wollten wir herausfinden, wie lange die Burg genutzt wurde, wann sie erstellt wurde und wie die Einteilung der Räume war», umschreibt Brida Pally die Aufgabe. Das Baujahr konnte man dank einer sogenannten dendrochronologischen Untersuchung eines Holzstücks genau bestimmen: 1202 ist die Burg erbaut worden. Und was ebenfalls klar wurde: Die Burg wurde in nur einer Phase erbaut, sprich, es gab nie grössere Erweiterungen. Und: Die Burg wurde in kurzer Zeit erbaut. «Das spricht dafür, dass das ganze benötigte Material schon da war – denn die Beschaffung war damals eine logistische Herausforderung», weiss Christoph Baur, Leiter Bau- und Bodenforschung. Erbaut worden ist die Burg vermutlich für rein repräsentative Zwecke, denn zur Verteidigung nützte sie angesichts ihres Standortes hoch über dem Churer Rheintal nichts.
So lassen wir unsere Gedanken schweifen und fragen uns, wie das Leben in der Burg wohl gewesen sein muss. Mittlerweile stehen wir da, wo sich früher das Innere der Burg befunden hat. Gabriela Güntert zeigt auf die talseitige Mauer und erklärt, wo sich was befunden haben dürfte. Deutlich zu sehen ist der Eingang, der ursprünglich über einen Holzsteg, der quasi über dem Abhang «schwebte», erreichbar war. Der heutige Platz im Burginnern befindet sich etwa auf Höhe des ersten Obergeschosses – darunter haben sich im Laufe der Jahrhunderte heruntergestürzte Steine und Erde angesammelt. Denn viele Teile der Burg wurden nach und nach von Pflanzen überwuchert. Damit dies für die talseitige Mauer nicht zu einem Problem wird, wurde im Zuge der Sanierung ein rund ein Meter breiter Graben entlang der Innenfassade ausgehoben. Dieser entlastet nicht nur den Druck aufs Gemäuer, sondern gibt den Archäologinnen und Archäologen Einblick in bisher verborgene Teile.
Neue Einblicke für den Archäologischen Dienst
Verborgen war bislang auch die Zisterne, die sich im Burghof befand. Da die Bewohnenden der Burg keinen Anschluss ans Quellwasser hatten, wurde Regenwasser gesammelt und in die Zisterne geleitet. Heute erinnert nur noch ein grosses Loch an dieses ehemalige «Reservoir».
Dahinter ist eine weitere Mauer zu sehen – auch sie wird gerade gesichert. «Bei der Sicherung ist es wichtig, dass wir die Steine so wenig wie möglich bewegen. Denn als sich der ursprüngliche Mörtel aufgelöst hatte, verkeilten sich die Steine neu ineinander», gibt die Architektin zu bedenken. Würde man nun also einen falschen Stein entfernen, könnte die Stabilität des Bauwerks gefährdet werden. Man werde aber nicht etwas Neues meterhoch aufbauen, lediglich Löcher würden gestopft, und auch die Mauerkrone werde etwas neu aufgemauert, um einen Schutz zu bilden, führt Gabriela Güntert aus.
Emotionale Bedeutung
Doch wieso wird für dieses alte Gemäuer so viel Aufwand betrieben? Die Projektleiterin Hochbau der Stadt Chur, Romana Capaul, erklärt, dass die Burg für viele Leute eine emotionale Bedeutung habe. Auch das finanzielle Engagement der Denkmalpflege zeige, dass die Ruine einen historischen Wert hat, den man bewahren wolle. Gabriela Güntert ergänzt, dass sie im Vorfeld auch mal das Szenario der «Preisgabe» durchgerechnet habe. «Dann aber hätten wir ein Schutznetz wegen der herunterfallenden Steine erstellen müssen, was nicht wirklich viel günstiger kam.» Entsprechend war man sich schnell einig, dass die wohl berühmteste Katze des Kantons gesichert werden muss. Ein Unterhaltsplan für die gesicherten und konservierten Burgen sorgt dafür, dass dank der Stadt Chur die Katzenburg sowie die Burg Haldenstein noch für viele weitere Generationen erhalten und erlebbar bleiben. So dürften die Bauwerke auch in Zukunft noch viele Menschen begeistern – selbst solche, die sonst Katzenmuffel sind.
Details zur Ruine
Am 16. November 2023 gab die Stadt Chur in einer Medienmitteilung bekannt: «Die Burg Lichtenstein bei Haldenstein […] wird auf Beschluss des Churer Stadtrats gesichert und konserviert. Die Gesamtkosten für die Konservierungs- und Sicherungsarbeiten belaufen sich auf 820 000 Franken. Die Denkmalpflege des Kantons Graubünden unterstützt das Projekt mit einem Maximalbetrag von 252 000 Franken.» Wie in einer anderen Mitteilung des Kantons zu lesen ist, umfasst die Burgruine die Reste eines Palas (Saalbau) und Bering (Ringmauer), im Hof eine Zisterne. Mit Verweis auf Kunsthistoriker Erwin Poeschel wird erklärt, dass die Burg bis zu vier Geschosse gehabt hat. Der Zugang führte ursprünglich über einen Steg, der von der Ostwand frei über den Felsabsturz vorragte. Die Burgherren, die Herren von Lichtenstein, sind für das 12. Jahrhundert bezeugt. Nach deren Aussterben Ende des 13. Jahrhunderts ging sie an die Herren von Haldenstein über. 1474 ist sie noch als Burgstall erfasst, um 1570 aber offenbar bereits zerfallen. Darstellungen aus den Jahren 1780, 1837 und 1916 lassen vermuten, dass der Zerfall der ursprünglich eindrücklichen Anlage schubweise erfolgt sein muss.
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