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Besuch beim Judokurs in Schiers: Japanisches Flair im «Chöttihammertal»

Während die Jungen dank Judo Energie loswerden, tankt der Trainer neue Kraft. Die «Büwo» war zu Besuch bei einem Kurs in Schiers und erlebte, wie Judo Jung und Alt begeistern kann.

Bündner Woche
28.08.24 - 10:00 Uhr
Leben & Freizeit

Von Andri Dürst

Es geht ziemlich wild zu und her im Judolokal beim Schulhaus Farb in Schiers an diesem Donnerstagabend. Kinder tollen auf den weichen Matten im Raum umher, kicken Bälle herum, jagen einander nach. Kein Wunder, schliesslich haben die Sprösslinge viel Energie in sich, die sie nun loswerden möchten. Gekommen sind sie aber nicht etwa, um einfach etwas «Halligalli» zu machen, sondern um eine japanische Kampfsportart zu erlernen: Judo. Entsprechend sind sie auch gekleidet: in weisse Gewändchen, die fast ein wenig wie kleine Bademäntel aussehen. Einige von ihnen tragen dazu einen gelben oder halb gelben Gurt, bei vielen aber ist er weiss. Die Farben zeigen an, welchen Grad die Judokas erreicht haben. Dies könnte sich bei einigen Teilnehmenden schon bald ändern, wie wir später am Abend erfahren.

Trainer Raphael Kammermann trommelt zu Beginn des Kurses alle Kinder zusammen – seine «Schäfchen», wie er sie liebevoll nennt. Er schafft es schnell, bei der wilden Bande Ruhe zu schaffen. Kein Wunder, schliesslich hat der gebürtige Basler auch schon viel Erfahrung: Seit 1981 ist er Trainer beim Judo- und Jiu-Jitsu-Club Davos (JJJC). Seit 1988 amtet er auch gleichzeitig als Präsident des Vereins, der bereits vor vielen Jahren den früheren Prättigauer Club übernommen hat und seither einen Ableger in Schiers hat. Wer geglaubt hat, dass es fremde Kulturen im «Chöttihammertal», wie das Prättigau scherzhaft auch genannt wird, schwer haben, wurde also eines Besseren belehrt.

Und der Erfolg gibt dem JJJC noch immer recht: «Letzte Woche hatten wir rund 30 Teilnehmende in Schiers», blickt Raphael Kammermann erfreut zurück. Judo als Hobby scheint bei den Jungen beliebt zu sein. «Im Sommer bieten wir jeweils auch noch Ferienpass-Kurse in der Region Landquart-Maienfeld-Igis an, was unser Einzugsgebiet weiter vergrössert.»

Beim Besuch der «Büwo» im Judoraum sind es nicht mehr ganz so viele Teilnehmende wie eine Woche zuvor, aber eine Präsenzkontrolle gibt es zu Beginn des Kurses trotzdem. Diese findet nach der offiziellen Begrüssung statt, bei der alle am Boden sitzen. Anschliessend kommt der Trainer auf die Gurtprüfungen zu sprechen. Wie bei Prüfungen in der Schule gelte es, sich auch auf die Gurtprüfungen vorzubereiten. Pflicht sind sie aber nicht. Und: Man müsse bei den Prüfungen auch nicht unbedingt kämpfen, erklärt der Trainer.

Klangvoll: Der Gong als klassiches asiatisches Symbol ist auch im Schierser Judoraum zu finden.
Klangvoll: Der Gong als klassiches asiatisches Symbol ist auch im Schierser Judoraum zu finden.
Andri Dürst

Doch genug gesprochen, nun geht es ans Aufwärmen. Mit verschiedenen kindgerechten Übungen sorgt Raphael Kammermann dafür, dass alle Kinder fit fürs Training sind. Er selber macht dabei problemlos mit – dass er bereits über 70 Jahre alt ist, würde man dem selbstständigen Küchenbauer gar nicht ansehen. Mit ebenso viel Energie zeigt er daraufhin eine erste Judo-Übung vor: die Judorolle. Auch wenn diese für einen Laien einfach aussieht: Es gibt viel zu beachten bei dieser Bewegung. Wohin schaut der Kopf? Wie sind die Arme positioniert? Das sind nur einige Fragen, die ein Judoka innert Sekundenschnelle beantworten und ausführen muss.

Wir wenden uns wieder etwas vom Geschehen auf der Matte ab und schauen uns im Raum um. In einer Ecke steht ein kleines Möbel, auf dem ein Gong platziert ist. Und weiter vorne an der Wand hängt ein Foto von Kano Jigoro, dem Begründer der Kampfsportart Judo (mehr zu ihm in der Textbox). Beim Schuhgestell sind zudem verschiedene Zeitungsartikel angebracht. Sie berichten über die grossen und kleinen Erfolge der Judokas an verschiedenen Turnieren. Denn der JJJC reist mehrere Male pro Jahr an verschiedene Orte in der Schweiz, um sich mit anderen Judokas zu messen.

Zurück zum Training. Ein Mädchen hat sich am Fusse verletzt. Raphael Kammermann klebt ihr schnell ein Pflaster auf die Wunde, nimmt das Training aber sogleich wieder auf. Noch immer scheinen die Sprösslinge viel Energie zu haben. Energie muss auch Raphael Kammermann haben, denn nach rund anderthalb Stunden stehen bereits die nächsten Kursteilnehmenden auf der Matte. Judo lebt also – und funktioniert auch im «Chöttihammertal».

Mehr Informationen zum Judokurs gibt es hier.

Judo, was ist das eigentlich?
Der JJJC Davos fasst die wichtigsten Hintergrundinformationen auf seiner Internetseite so zusammen: «Judo – wörtlich ‹sanfter Weg›, […] ist eine japanische Kampfsportart, deren Prinzip ‹Siegen durch Nachgeben› beziehungsweise ‹maximale Wirkung bei einem Minimum an Aufwand› ist. Die darauf basierenden Judo/Jiu-Jitsu-Vorläuferformen wurden durch den Begründer des Judo, Kano Jigoro, Anfang des 20. Jahrhunderts für den Wettkampf angepasst. Das heisst, viele ursprüngliche Waffen-, Tritt- und Schlagtechniken sowie alle Hebel ausser Ellbogenhebel wurden entfernt. […] 

Beim heutigen Sportjudo wurden sie entfernt, um aus einer Kunst, die bis dahin vorwiegend zur Selbstverteidigung diente, eine ganzheitliche Lehre für Körper und Geist zu machen. Die verbliebenen Techniken sind hauptsächlich Würfe, Falltechniken und Bodentechniken. Ein Judo-Kämpfer oder eine Judo-Kämpferin wird auch Judoka genannt. Judo ist ein Weg zur Leibesertüchtigung und darüber hinaus auch eine Philosophie zur Persönlichkeitsentwicklung. 

Zwei philosophische Grundprinzipien liegen dem Judo im Wesentlichen zugrunde: zum einen das gegenseitige Helfen und Verstehen zum beiderseitigen Fortschritt und Wohlergehen und zum anderen der bestmögliche Einsatz von Körper und Geist. Ziel ist es, diese Prinzipien als eine Haltung in sich zu tragen und auf der Judomatte bewusst in jeder Bewegung zum Ausdruck zu bringen.»

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