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Ein junger Fläscher, der mit Autos Nostalgie tankt

Flavio Albrecht ist Oldtimer-Fan und Nostalgiker: Warum er nicht nur bei alten Autos von der Unperfektheit angezogen ist und was die Mitglieder des Oldtimerclubs Chur vereint.

Bündner Woche
15.03.26 - 10:00 Uhr
Graubünden

Von Cindy Ziegler

Flavio Albrecht öffnet das Tor zu seiner Garage. Ein grosser Mann und ein kleines Auto. Ein junger Mensch und ein altes Fahrzeug. Der VW Käfer mit Jahrgang 1974 brummt kräftig, als der 27-Jährige den Schlüssel im Schloss dreht. Der Oldtimer scheint nicht im ewigen Winterschlaf versunken zu sein. Gut so, denn bald beginnt die Saison. «In der warmen Jahreszeit ist der Käfer mein Alltagsauto. Er begleitet mich überall hin. Das tut ihm gut», erklärt Flavio Albrecht, als er den Wagen auf den Vorplatz stellt. Die Bewegung sei wichtig für das Auto. Denn man nenne es ja schliesslich Fahrzeug und nicht Stehzeug, meint er und lacht.

Projektauto gesucht

Der VW Käfer ist nicht das einzige alte Auto, das Flavio Albrecht besitzt. In der Werkstatt steht noch ein «Audi 90 quattro», Jahrgang 90, und zu Hause ein «Golf 2 syncro», ebenfalls 90er-Jahrgang. «Meine Autos sind alle älter als ich», erklärt der Besitzer schulterzuckend. Begonnen habe die Oldtimer-Liebe mit der Leidenschaft fürs Schrauben. Flavio Albrecht war damals Chauffeur, und was an den Fahrzeugen kaputtging, reparierte er wenn möglich selber. Als «Schrauber» lernte er viele Menschen kennen, die meisten von ihnen mit einer grossen Leidenschaft für Autos. So auch sein bester Freund, mit dem er eine Garage eröffnete. «Da brauchte ich natürlich ein Projektauto», erklärt der junge Oldtimer-Fan. Ein alter «Audi 80 Kombi», gesehen auf «Ricardo» in einem sehr desolaten Zustand. «Ich habe darauf geboten und verloren. Der Höchstbietende hat das Auto aber dann nie abgeholt und so fand der Audi dann doch seinen Weg zu mir», erzählt er. Seither sind viele alte Autos gekommen und gegangen. Der Käfer und der «Audi 90 quattro» bleiben und werden fleissig gefahren. Mittlerweile ist Flavio Albrecht Vorstandsmitglied des Oldtimerclubs Chur. Und hat sich nicht nur bei den Autos Vergangenem verschrieben.

Das älteste Auto von Flavio Albrecht ist ein Klassiker: Der VW Käfer als Cabrio.
Das älteste Auto von Flavio Albrecht ist ein Klassiker: Der VW Käfer als Cabrio.
Bild: zVg

In der Zeit stehen geblieben

«Ich bin allgemein ein nostalgischer Mensch», so der junge Mann. Er lebe zwar in einer modernen Wohnung, höre Musik aber lieber auf Schallplatten als auf Spotify. Und man treffe ihn auch eher im Brockenhaus an als im Möbelhaus. «Ich würde schon sagen, ich bin ein bisschen in der Zeit stehen geblieben. Am liebsten wäre ich in meinem jetzigen Alter Mitte der 1980er. Wegen der vielen schönen Autos, der tollen Musik, der leeren Strassen, der Freiheit, der Unbeschwertheit.» So wie Flavio Albrecht geht es vielen Menschen, vermehrt auch in jüngeren Generationen. Retro ist Trend, Nostalgie ein Gefühl, das Herzen füllt. Warum das so ist? Laut einem Bericht des SWR sei diese «historische Nostalgie» nicht unbedingt eine Flucht vor dem Heute. Psychologinnen und Psychologen würden glauben, dass sie uns helfen könne, unser Leben in einem neuen Licht zu sehen und aus der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart zu ziehen.

Auf der Suche nach Imperfektion

Flavio Albrecht geht um den Käfer herum. An einer Stelle kommt ein bisschen Rost durch, an einer anderen ist ein Stück Knallgelb der Vorlackierung sichtbar. «Dieses Auto hat gelebt. Es ist alles andere als perfekt. Das gefällt mir daran», sagt er. Ihm sei die heutige Welt, wenn er auch digital aufgewachsen sei, häufig zu schnell und zu makellos. In Dingen aus der Vergangenheit würden wohl viele genau diese Echtheit suchen, die er auch in seinem VW Käfer finde. «Diesem Auto muss ich zuhören. Man sitzt nicht einfach rein und fährt, sondern es braucht Gefühl.» Kürzlich sei er bei Dafi Kühne, einem der letzten Buchdrucker der Schweiz, gewesen. Dieser habe es gut gesagt: Der Mensch sei immer auf der Suche nach Imperfektion, weil er selbst auch nicht perfekt sei. «Viele Leute sind wie ich müde von dieser glatten und schnelllebigen Welt», so Flavio Albrecht.

Unterschiedlichen Alters: Flavio Albrecht (27) und sein VW Käfer (52).
Unterschiedlichen Alters: Flavio Albrecht (27) und sein VW Käfer (52).
Bild: Cindy Ziegler

Ein Stück aktive Geschichte

Er fährt seinen alten Begleiter wieder in die Garage. Im hinteren Raum wartet Begleiter Nummer zwei, der «Audi 90 quattro». Ihn nutzt Flavio Albrecht auch im Winter. Er habe ihn vor über acht Jahren für 800 Franken einer alten Dame abgekauft. Bis heute sind unzählige Stunden Arbeit in den Wagen geflossen. Und aus einem «klassischen Brot-und-Butter-Auto», also einem Auto, das viele Menschen besassen, hat Flavio Albrecht etwas Besonderes gemacht. Auch hier sei es wieder die Geschichte, die er mit dem Auto verbinde. Vielleicht sei es das, warum viele ­Menschen überhaupt eine besondere Leidenschaft für alte Fahrzeuge entwickeln. «Mit einem Auto verbindet man vieles. Man war hier und da, hat dieses und jenes erlebt. So wird es ein Stück aktive Geschichte. Jeder Oldtimerbesitzer oder jede -besitzerin könnte wohl ein Buch über diese Erlebnisse schreiben. Bei einer Schallplatte zum Beispiel ist die Geschichte schnell erzählt», sinniert er. Und erzählt von den Geschichten mit dem Audi und dem VW. Von Winterfahrten im Allgemeinen und einer speziellen im Besonderen. «Einmal habe ich jemanden mit einem nigelnagelneuen ‹Audi RS6› aus dem Schnee gezogen. Mit diesem Auto», sagt er und deutet auf den roten Flitzer. Beim Käfer erinnert sich der 27-Jährige an eine Passfahrt besonders. An eine gemeinsame Ausfahrt mit dem Oldtimerclub. «Wenn da 30 Oldtimer in einer Kolonne fahren, dann bekomme ich Gänsehaut.»

Apropos Club: Der Oldtimerclub Chur sei anders als andere, meint Flavio Albrecht. «Ganz böse sagt man häufig über Oldtimerclubs, dass die Mitglieder älter sind als ihre Fahrzeuge. Bei uns ist das nicht so. Wir sind kein Klischee-Oldtimerclub.» Ein Vorstandsmitglied habe nicht mal ein altes Auto, wohl aber die Leidenschaft dafür. Von Alfa Romeo bis Zastava seien alle Autos und ihre Besitzerinnen und Besitzer willkommen. Das Vorstandsmitglied erzählt begeistert von gemeinsamen Ausfahrten, dem jährlichen Ladys-Drive und einem vielfältigen Rahmenprogramm. Immer aber sei ein bisschen Nostalgie dabei, gibt Flavio Albrecht zu.

«Opas liebstes Auto»: So beschreibt Flavio Albrecht seinen «Audi 90 quattro», der heute nicht mehr so bieder aussieht wie damals.
«Opas liebstes Auto»: So beschreibt Flavio Albrecht seinen «Audi 90 quattro», der heute nicht mehr so bieder aussieht wie damals.
Bild: Flavio Albrecht

Noch lange fahren

Übrigens zählt ein Auto ab 20 Jahren als Youngtimer und ab 30 Jahren als Oldtimer. Letztere können in der Schweiz als Veteranenfahrzeug eingelöst werden. Dies nur so am Rande. Und doch möchte der junge Autofan auch ein bisschen über Bürokratie und Politik sprechen. «Mir ist der Erhalt dieser alten Fahrzeuge ein Anliegen. Besonders jetzt, wo viel über Ökologie diskutiert wird und alte Autos oft in Verruf geraten. Ich finde es wichtig, dass man solche Fahrzeuge noch lange fahren darf. Denn es wäre schade, wenn diese Historie sterben würde. Autos und deren Entwicklung sind Teil unserer Kultur», meint er. Er sagt weiter, dass er auch in seinem Freundeskreis spüre, wie viele wieder auf den Geschmack von alten Autos kommen. Und auch die Zahlen des Clubs sprechen dafür. Er zählt über 60 aktive Mitglieder, von 25 Jahren bis über 70. «Noch dazu sind die Autos gar nicht mal so unökologisch, wie viele meinen. Einige haben sogar einen niedrigeren Benzinverbrauch als moderne Fahrzeuge», so Flavio Albrecht.

Ein paar Träume

Was wohl das nächste alte Auto ist, an dem er herumschraubt? Er zuckt mit den Schultern. Träume habe er schon noch ein paar, viele davon unrealistisch. Manche könnten sich aber auch erfüllen. Zum Beispiel ein Porsche 911er aus den frühen 1980er-Jahren. «Das wäre der grosse Bruder von diesem Geschöpf hier», sagt Flavio Albrecht und klopft dem Käfer auf die Motorhaube. Er löscht das Licht im Raum und zieht das schwere Garagentor zu. Ein letzter Blick auf den schwarzen Kleinwagen. Ein bisschen Geduld braucht es noch. Erst wenn das Salz von den Strassen weg ist, fährt Flavio Albrecht wieder mit ihm aus.

Weitere Informationen zum Oldtimerclub Chur gibt es hier.

«Opas liebstes Auto»: So beschreibt Flavio Albrecht seinen «Audi 90 quattro», der heute nicht mehr so bieder aussieht wie damals.
«Opas liebstes Auto»: So beschreibt Flavio Albrecht seinen «Audi 90 quattro», der heute nicht mehr so bieder aussieht wie damals.
Bild: Cindy Ziegler
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Die Somedia kann es leider nicht lassen. Immer diese Auto-Hyperei since ever in diesen Zeitungen. Berüchtigter Name: "Mario Dorandi".
Zu allem Überfluss sehen alle Karren auf dieser Seite aus wie aus einem Tuning-Katalog. Zitat: "Der VW Käfer mit Jahrgang 1974 BRUMMT KRÄFTG, als der 27-Jährige den Schlüssel im Schloss dreht." Erinnert an SO-Journalist Dario Morandi:
►Wolfgang Reuss 24.04.2017 - 08:54
Die Somedia-Autopromotion-"Abteilung" Dario Morandi hat nun also noch Verstärkung/Nachwuchs durch "Praktikantin Bettina Cadotsch". Ich finde das Lobhudelei und "Werbung im Redaktionellen Zeitungsteil" ausgerechnet für Lärm, Abgase und gegen das Klima:
Redaktion schreibt:
"Auf trockener Strasse katapultieren 360 PS", "und Schluss der Vorstellung ist erst bei Tempo 256"
"Selbst bei hohen Tempi und eher rüder Fahrweise gleitet der Macan GTS deshalb mit geradezu stoischer Gelassenheit durch die Kurven."
►Leserbrief Riedi Norbert, Chur 03.03.2016 - 09:21 Uhr
Betrifft Artikel: "Auto & Motor: Den Nachbarn wird dieser Wagen nicht gefallen"
Ich mag Autos. Sehr. Trotzdem, Herr Morandi: "Fährt der Achtzylinder hoch, brüllt er gleich mal ziemlich laut auf. Zu nachtschlafender Stunde mag dies zwar die Nachbarn erzürnen – Spass macht das 'Konzert' aber allemal." Wie kann man – erst recht in der heutigen Zeit! – derartigen Schwachsinn in einer Zeitung verbreiten?
Ich weiss nicht, woran es liegt:
In Deutschland gibt es "Auto Bild", "ADAC Motorwelt" und "Auto Motor und Sport".
In Graubünden gibt es Somedia.
Wolfgang Reuss 03.11.2025 - 11:26
PR-Journalistin Romina Kranz jubelt:
"Ein ganz besonderes Schmuckstück
Ein Auto steht allerdings nicht zum Verkauf: der Ford GT. In Zukunft soll es in ein Museum kommen. Wo genau es künftig seinen Ehrenplatz erhält, ist derzeit noch offen."
Mein Tipp: Ehrenplatz im "Museum für Kultur- und Umwelt-Verschmutzung".

Gemäss "Schweiz Tourismus" schweizweit elf autofreie Orte, jedoch im grössten Kanton (GR) null.
Sensationeller USP:
Einer der bekanntesten Orte entlang der Costa Verde ist ILHA GRANDE, eine AUTOFREIE Insel mit Wanderwegen, Wasserfällen und einsamen Traumstränden. Hier verbindet sich Abenteuer mit Naturidylle.
Mein Traum:
In einem Umfeld leben, in dem ich kein einziges Auto sehe.

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