Freiwilligenarbeit zugunsten der Natur: Sie retten Leben
Die Gruppe Rehkitzrettung Domat/Ems und Umgebung gibt seit 2019 ihr Bestes. Mittels Drohnen und Wärmebildkameras konnten bereits 45 Rehkitze aufgespürt und vor dem Tod gerettet werden.
Die Gruppe Rehkitzrettung Domat/Ems und Umgebung gibt seit 2019 ihr Bestes. Mittels Drohnen und Wärmebildkameras konnten bereits 45 Rehkitze aufgespürt und vor dem Tod gerettet werden.
von Jasmin Klucker
Die Gefahr lauert überall. Als Rehkitz werden wir in den Monaten Mai/Juni im hohen Gras zur Welt gebracht. Als Rehkitz ist es mein natürlicher Instinkt, in den ersten Wochen meine Energie zu sparen. Dazu kommt, dass ich noch keine Fluchtinstinkte habe, weshalb ich meiner Mutter erst viele Wochen später folgen werde. Meine Erfahrungen sind in meinem jungen Alter noch begrenzt, ganz anders ist es bei meiner Mutter, die sich tagtäglich beweisen muss, um mich und meine Schwester grosszuziehen. An Nahrung darf es uns in den ersten Monaten nicht fehlen; etwa alle zwei Stunden sucht uns der Hunger heim. Und das nicht nur am Tag, auch in der Nacht wird das Hungergefühl nicht weniger. Während unsere Mutter durch die Gegend huscht, verstecken wir uns im hohen Gras. Saftig grün ragt es neben mir in die Höhe. Meine Tarnfarbe passt perfekt zu den schon etwas braunen Gräsern und den vielen Blumenköpfen, die einige Zentimeter höher sind als mein kleiner, noch feiner Körper. Die Tage und Nächte verbringen wir beide hier, jedoch 50 bis 100 Meter voneinander entfernt. Das haben wir nicht getan, weil wir nicht gerne zusammen sind, sondern zum Schutz des anderen. Bei einer möglichen Entdeckung durch ein Raubtier kann so eines von uns im besten Fall überleben. Nicht immer einfach, wenn man noch so klein und hilflos ist. Bis jetzt geht es uns aber gut. Die Regentropfen halten sich hartnäckig an den Grasspitzen. Aussergewöhnlich viel Wasser kommt seit meiner Geburt vom Himmel.
Vom Verblenden zu Drohnen mit Wärmebildkameras
Für die Bauern ist das ständig schlechte Wetter eine echte Herausforderung. Nicht nur für sie ist der Terminkalender diesen Sommer ein wenig kompliziert. Die Rehkitzretterinnen und- retter müssen an vielen Orten gleichzeitig sein. Die Koordination solcher Rettungen übernimmt Walter Jäger, der 2019 die Rehkitzrettung Domat/Ems und Umgebung gründete. Seit Beginn der Rettungen werden es von Jahr zu Jahr mehr Aufträge, die er und sein freiwilliges Team durchführen. Im letzten Jahr wurden in der Region Domat/Ems und Umgebung (Chur, Bonaduz, Rhäzüns und Teile des Schanfiggs) gemeinsam 45 Rehkitze vor dem Mähtod gerettet. Darauf sind Gründer Walter Jäger und sein Team stolz. Nach Vereinbarung mit der Jägersektion Valaulta haben sie 2019 begonnen, die Rettungen mit Drohnen und Wärmebildkameras zu optimieren. Bevor Drohnen mit Wärmebildkameras vor dem Mähen der Wiesen im Frühsommer für die Rehkitzrettung eingeführt wurden, wurde mittels Verblendung der Felder versucht, den Mähtod der Rehkitze zu vermeiden. Beim sogenannten Verblenden werden am Abend vor dem Mähen auffällige Gegenstände wie Plastiksäcke, Folien, CDs oder Blinklampen an Stangen auf dem Feld angebracht. Dadurch werden die Rehgeissen beunruhigt und bringen ihre Kitze in Sicherheit. Diese Aufgabe hat damals die Jägersektion Valaulta übernommen. Diese Methode wurde vor bereits fünf Jahren durch den Einsatz von Drohnen abgelöst.
Gute Kommunikation ist das A und O
Bis heute gibt es keine gesetzliche Verpflichtung, den Mähtod der Rehkitze zu verhindern. Aus diesem Grund basieren beide Methoden, Verblenden und das Retten mithilfe einer Drohne, auf einer rein freiwilligen Basis.
Das Retten der jungen Rehkitze liegt Walter Jäger seit Tag eins am Herzen. In den Jahren hat er eine Organisation mit Drohnen, Piloten sowie Helferinnen und Helfern aufgebaut. Jedoch könnten die Retter nicht helfen, wenn die Landwirtinnen darin keinen Mehrwert sehen würden. Walter Jäger hat die Involvierten von Domat/Ems und Umgebung motiviert, mitzumachen, indem sie am Vorabend bis spätestens 17 Uhr der Rehkitzrettung mitteilen, dass sie am nächsten Tag mähen werden.
Nach heutigem Stand machen in Domat/Ems alle Landwirte und Landwirtinnen mit, sodass sie mit gutem Gewissen ihre Felder mähen können. Walter Jäger koordiniert die Einsätze, die in diesen zwei Monaten im Frühsommer stattfinden. Die Helferinnen und Helfer werden mittels eines Whatsapp-Chats am Vorabend über die anstehenden Einsätze informiert. Alle Freiwilligen, die es am nächsten Tag braucht, treffen sich um 4.30 Uhr im Saletg und sind gegen 7.30 Uhr von ihrem Einsatz zurück. Danach gehen die Jüngeren von ihnen zur bezahlten Arbeit – ein echter Knochenjob zum Wohle der Rehkitze. Für alle von ihnen ist es ein grosser zeitlicher Aufwand und eine terminliche Herausforderung. Für den Chef Walter Jäger, der erst seit diesem Jahr über eine Stellvertretung verfügt, ist der Zeitraum von Ende April bis Anfang Juli sehr intensiv und kräftezehrend.
Die Kälte liegt über Domat/Ems, leichte Feuchtigkeit schwebt über den langen Gräsern, die wie angenagelt stillstehen. Der Hunger hat mich geweckt, jetzt ist er gestillt. Die warme Muttermilch enthält etwa doppelt so viel Fett und Eiweiss wie Kuhmilch. Immer noch liegen meine Schwester und ich an derselben Stelle, das Gras unter mir hat sich damit abgefunden, nicht mehr zu wachsen.
Freiwillig Leben retten
Am Wegrand neben dem grossen Feld stehen die Freiwilligen, eine Drohne im Gepäck. Heute wird das Feld gemäht, in dem die zwei Rehkitze ihr Versteck haben. Auch wenn sie etwas hören, sagt ihr natürlicher Instinkt, einfach liegen zu bleiben und sich noch mehr zu ducken als sonst. Aber auf keinen Fall zu fliehen. Die Menschenstimmen, die sie schon von Weitem erkennen, ignorieren sie. Die Drohne wird von den Piloten gestartet. Vorsichtig wird die Drohne über das Feld gesteuert, auf der Suche nach einem Temperaturunterschied, der auf dem Bildschirm weiss angezeigt wird. Schnell sieht ein geschultes Auge, ob es ein Rehkitz ist oder doch ein Hase, der auf seinem morgendlichen Streifzug hier vorbeikam. Wenn die freiwilligen Helfenden den Ort entdeckt haben, wo das Rehkitz liegt, wird jemand von ihnen losgeschickt. Dieser erhält von dem Piloten oder der Pilotin genaue Anweisungen, wo er oder sie durch das Feld gehen soll, um das Kitz zu finden – immer mit einem Funkgerät in Kontakt mit den anderen Helfenden. Das soll möglichst rasch geschehen, damit das Rehkitz nicht doch die Flucht ergreift und danach an denselben Ort zurückkehrt und dadurch ein grosses Risiko eingeht.
Während der zweite Helfer auf der Suche ist, bereitet eine dritte Helferin einen Harass mit Gras darin vor. Weich soll es sein, so wie es sich die Kleinen gewohnt sind. Sobald die Rehkitzrettung Domat/Ems und Umgebung die Rehkitze gefunden hat, werden diese mit Handschuhen an den Händen und langen Ärmeln, so dass kein Hautkontakt enstehen kann, in den Harass gelegt.
Auf einmal bin ich nicht mehr in meinem gewohnten Plätzchen. Grosse Augen schauen mich von oben her an, die Handschuhe spüre ich auf meinem dünnen Fell. Ich selbst habe noch keinen Eigengeruch und möchte auch keinen der Menschen annehmen. Gut wissen sie das, so ist meine Mutter nicht verwirrt. Jedoch würde sie uns nicht verstossen, aber die Feinde würden uns besser finden, da wir nach etwas riechen würden. Die grossen Menschen, die auf mich hinuntersehen, nehmen mich mit und stellen mich im Harass vorsichtig in den Schatten am Wiesenrand.
Die Freiwilligen haben an diesem Morgen zwei Rehkitze vor dem Mähtod gerettet – ein grosser Erfolg für alle Beteiligten. Die hellen Spuren am Himmel werden grösser, die leichte Brise weht über das Gras, sodass man jetzt gut erkennen kann, wie reif die Gräser bereits sind. Heute ist es so weit, der Landwirt kann mit gutem Gewissen seine Wiese mähen. Sobald die Wiese kahl ist und alle Maschinen wieder in der Garage stehen, werden die Rehkitze in die Freiheit entlassen. Schnell treffen sie ihre Mutter wieder an und suchen mit ihr einen neuen Platz.
Die grosse Gefahr verstümmelt zu werden, ist dank der Retterinnen und Retter vorbei. Das Leben draussen wird zwar noch einige Gefahren bergen, jedoch werden wir älter und reifer sein und hoffentlich ein langes, schönes Leben haben.
Für Walter Jäger ist noch kein Ende in Sicht, denn seine Arbeit liegt ihm zu sehr am Herzen. Bei allen Einsätzen dieser Art fallen Kosten an. Die Gruppe Rehkitzrettung Domat/Ems und Umgebung finanziert sich ausschliesslich über Sponsorengelder und Spenden.
Bei Interesse, daran mitzuwirken, melden Sie sich bei Walter Jäger, 078 711 46 95
Zahlen vom Vorjahr
Im Jahr 2023 wurden die Ressourcen und Helfer der Jagdsektion Valaulta wie folgt verteilt: Insgesamt standen neun Piloten zur Verfügung, von denen drei Mitglieder der Jägersektion Valaulta und sechs aus Chur und Umgebung kamen. Zudem waren 30 Helferinnen und Helfer im Einsatz, wobei 20 aus der Jägersektion Valaulta und zehn aus Chur und Umgebung stammten.
Zur Unterstützung der Einsätze wurden drei Drohnen eingesetzt, die für eine effektive Überwachung und Koordination sorgten. Auch 27 Landwirte waren involviert, wobei 16 im Territorium Domat/Ems und elf im Territorium Chur und Umgebung tätig waren. Des Weiteren standen drei Harasse für die Rettung der Rehkitze zur verfügung. In Domat/Ems waren es 90 Parzellen, Chur: 75 Parzellen, Rhäzüns: 21 Parzellen, Maladers, Peist, Calfreisen: 16 Parzellen
Gesamttotal: 184 Parzellen.
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.