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Gasfabrik Davos: Von der Wärme zur Kälte

In der Gasfabrik Davos Laret wurde einst Energie zum Heizen produziert – heute dient das Gebäude ganz anderen Zwecken

Bündner Woche
17.08.24 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Auf der Nordseite des noch bestehenden Gebäudes hat sich die «Hundesport und Agilitygruppe SC-OG Davos Laret» eingerichtet.
Auf der Nordseite des noch bestehenden Gebäudes hat sich die «Hundesport und Agilitygruppe SC-OG Davos Laret» eingerichtet.
Andri Dürst

Von Andri Dürst

Wer an Davos denkt, dem kommt wohl schnell die gute Luft in den Sinn. Kein Wunder, schliesslich wurde sie auch jahrzehntelang vermarktet, sodass sich der Ort im Landwassertal als Luftkurort etablieren konnte. Doch so sauber war die Luft nicht immer. Der rasante Aufstieg von Davos Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts führte zum Bau sehr vieler Einrichtungen, die alle einen gewissen Energieverbrauch hatten. Lange Zeit wurden Küchen nur mit Holz geheizt, Heizungen mit Kohle betrieben. Dies führte zu einer zunehmend schlechteren Luftqualität in Davos – ein Desaster für einen Luftkurort.

 

Eine Aufnahme der Gasfabrik kurz vor Beginn des Teilabbruchs.
Eine Aufnahme der Gasfabrik kurz vor Beginn des Teilabbruchs.
Dokumentationsbibliothek Davos

Die RhB lieferte den Rohstoff

Deshalb musste eine neue Lösung her. Und hier setzten damals innovative Kräfte auf die Gasproduktion. Am 28. Oktober 1904 wurde die «Gaswerke Davos AG» gegründet und ein Konzessionsvertrag mit der Gemeinde abgeschlossen. 1905 wurde dann mit dem Bau der Gasfabrik im Weiler Laret begonnen, ab November 1906 lieferte sie Gas. Andere Standorte im Gemeindegebiet wurden zuvor verworfen, so blieb nur die Parzelle oberhalb des idyllischen Schwarzsees übrig. Vorteilhaft an dieser Lage war aber die Nähe zum Lareter Bahnhof. Die Gasfabrik konnte so direkt ans Schienennetz der RhB angebunden werden. Denn für den Betrieb des Gaswerkes wurde viel Steinkohle verwendet, die mit der Bahn bequem transportiert werden konnte. Der genaue Herstellungsprozess umschreibt der freie Autor Rico De Boni in einem Artikel in der «Davoser Zeitung» so: «In einer geschlossenen Retorte wurde dann die angelieferte Kohle unter Sauerstoffentzug erhitzt. Sie verbrannte nicht, sondern schmolz, die austretenden Dämpfe waren das Rohgas. In der Retorte blieb die entgaste Steinkohle als Koks zurück. 

Nun musste das Rohgas noch von Teer, Ammoniak, Benzol und Schwefel gereinigt werden. Koks und die anderen Nebenprodukte konnten verkauft werden. Das entstandene ‹Stadtgas› […] konnte nun zu den Verbrauchern transportiert werden.» Acht Kilometer lang und 30 Zentimeter dick war die Leitung in den Ort. An der Mattastrasse, nahe dem Bahnhof Davos Platz, befand sich ein haushoher Gaskessel mit einem Fassungsvermögen von 4000 Kubikmetern, der als Speicher des Gases diente. Er bestand aus einer Grundeinheit und der Glocke. Diese hob und senkte sich entsprechend der gespeisten Gasmenge. Das Eigengewicht sorgte für den richtigen Druck im weitverzweigten Leitungsnetz bis hin zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

 

So präsentiert sich die «Gasi» im Laret heute.
So präsentiert sich die «Gasi» im Laret heute.
Andri Dürst

Elektro gegen Gas

Ein Kassenschlager wurde die Gasfabrik Davos aber nicht. Rico De Boni schreibt zum Geschäftsverlauf Folgendes: «Der Tageskonsum an Gas lag bei 300 Kubikmetern und nahm dann bis Ende Jahr auf 1000 Kubikmeter zu. Damit wurde versucht, Grossverbraucher zum Anschluss zu bewegen, das gelang aber nur langsam. 1908 wurde ein neues ‹Rauchgesetz› erlassen, in der Hoffnung eine Umstellung auf die rauchfreie Verbrennung zu fördern. Erst 1910 konnte der ursprünglich vorgesehene Gaskonsum erreicht werden. Dann begann der Erste Weltkrieg, und die Kohle aus dem Elsass und dem Ruhrgebiet wurde um 100 Prozent teurer. Die Lieferungen stockten, die Qualität wurde schlechter. Die Vergasung von Holz und Torf wurde eingeleitet, brachte aber nichts. Dafür wurde aber Wald und Hochmoor geschützt.

Der Gaspreis durfte gemäss einer Verfügung des Bundesrats nur um 10 Prozent erhöht werden. Durch die Erhöhung der Gaspreise und auch durch die wirtschaftliche Flaute ging der Gaskonsum zurück. Trotz Erhöhung des Aktienkapitals verschlechterten sich die Aussichten für die Gasversorgung. Die Defizite häuften sich. Dazu kam noch der immer grösser werdende Konkurrenzdruck durch die Elektrizität.» Nachdem auch immer mehr Grossküchen ihren Betrieb auf elektrisch umgerüstet hatten, zählte das Gaswerk fast nur noch unrentable Privathaushalte zur Kundschaft. Eine Schliessung wurde ins Auge gefasst, jedoch war dies während des Zweiten Weltkriegs – obschon auch dann Kohle sehr knapp war – nicht möglich. 1946 schliesslich aber kam das Ende für die Gasproduktion im Laret.

 

Der grosse Gaskessel in Davos Platz ist auf diesem Bild gut erkennbar.
Der grosse Gaskessel in Davos Platz ist auf diesem Bild gut erkennbar.
Dokumentationsbibliothek Davos

Die Sache stank zum Himmel

Doch geschlossen wurde der Betrieb dennoch nicht. Denn als zweites Standbein begann man 1914, neben den Kohleöfen auch Verbrennungsöfen für Abfall zu betreiben. Für den Kurort Davos war auch dies ein Segen, so konnte der Unrat auf bequemem Weg aus der Welt geschafft werden. Übrigens war dies erst die zweite Kehrichtverbrennungsanlage der Schweiz (nach Zürich). Keine Freude daran hatten aber die Lareterinnen und Lareter. Schon wegen der Gasproduktion hatten sie mit Geruchsemissionen zu kämpfen. Dass der neue Geschäftszweig für zusätzliche Belastungen sorgte, muss wohl nicht weiter ausgeführt werden. Kommt hinzu, dass die Reste der Müllverbrennung – die Schlacke – vorerst rund um die Anlage verteilt wurde. Dort liegt sie auch heute noch, weshalb das Areal im Kataster des Kantons Graubünden als belasteter Standort aufgeführt wird. 1969 war dann aber auch mit der Kehrichtverbrennung Schluss, und seit 1975 wird der Davoser Müll nach Trimmis zur Gevag geliefert. 1981 wurden dann mehrere Gebäudeteile abgerissen.

 

Links sieht man die aufgerollten Gummimatten des Davoser «Eistraums».
Links sieht man die aufgerollten Gummimatten des Davoser «Eistraums».
Andri Dürst

Für Holz, Hunde und Hobbysportler

Obschon die Gasfabrik in Davos eine Zeit lang eine wichtige Funktion für den Kurort Davos erfüllte, findet man heute nur schwer Quellenmaterial zur Geschichte dieser einstigen Kleinindustrie. So beschäftigen wir uns mit dem, was man vor Ort sieht – auch wenn hier nichts mehr an die Gasproduktion erinnert. Ein aus drei Bereichen bestehender Gebäudekomplex ist erhalten geblieben, der mittlerweile sogar als erhaltenswerte Baute eingeordnet wird. Die Liegenschaft wird auch noch durchaus genutzt. Während der westliche Bereich einer Davoser Schreinerei als Lager dient, nutzt die «Hundesport und Agilitygruppe SC-OG Davos Laret» den östlichen Gebäudeteil. Sie ist auch auf der Nordseite des Areals beheimatet. Gemäss Angaben des Vereins habe man bereits 1988 die Zusage der Gemeinde Davos zur Benützung des Geländes beim alten Gaswerk erhalten. Auch eine Clubhütte wurde dort aufgebaut.

Der dritte und letzte Bereich wird von der Gemeinde Davos selbst genutzt. Dort bewahrt sie unter anderem Elemente des «Eistraums», der grössten mobilen Kunsteisbahn der Schweiz, auf. Und so schliesst sich der Kreis wieder. Zwar wurde die Gasfabrik einst gebaut, um Wärme zu erzeugen, heute wiederum geht es um Kälte. Doch bei beiden Einrichtungen geht es um etwas sehr Wichtiges: um Energie.

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