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Wasser schmecken: Ein Einblick in die Heilwassergeschichte aus Graubünden

Ein aktueller Dokumentarfilm beleuchtet die Bündner Heilwassergeschichte – von Glanzzeiten und Quellen, die zu versiegen drohen.

Bündner Woche
14.07.23 - 09:23 Uhr
Leben & Freizeit
Aus dem Erdinnern: Mineralwasser faszinierte die Menschen schon früh und tut es teilweise bis heute. Das Foto entstand bei den Dreharbeiten in der Rabiosa­schlucht bei Passugg. Dort, wo heute noch Mineralwasser abgefüllt wird. 
Aus dem Erdinnern: Mineralwasser faszinierte die Menschen schon früh und tut es teilweise bis heute. Das Foto entstand bei den Dreharbeiten in der Rabiosa­schlucht bei Passugg. Dort, wo heute noch Mineralwasser abgefüllt wird. 
Pressebild

von Cindy Ziegler

Wasser ist wichtig. Überlebenswichtig. Darin sind sich alle einig. Vielleicht auch darum wird vielerorts auf dieser Welt um Wasserrechte gestritten. Wir in der Schweiz leben im luxuriösen Wasserschloss Europas. Und doch. Ein Blick in die Bündner Heilwassergeschichte zeigt: Wasser hat seinen Glanz verloren. Nicht nur, dass es heute nicht mehr breit medizinisch genutzt wird. Vielerorts drohen Mineralquellen zu versiegen. Filmemacher Felice Zenoni hat sich dem für viele Bündner Gemeinden schwierigen Erbe angenommen. Der Dokumentarfilm «An der Quelle – Graubündens Heilwasserquellen» erzählt aber auch von der Schönheit eines Alltagsgutes. Eines Allgemeingutes, das in einer Art auch Luxus ist.

Der Film besucht verschiedene der über 100 bekannten Mineralquellen in Graubünden. Zu Wort kommen neben Menschen, die das Wasser in ihrer Heimat schützen wollen, auch Historikerin Karin Fuchs. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und hat sich in einem Buch mit der Thematik befasst. Auch uns gibt sie einen Einblick in die bewegte Geschichte der Bündner Heilquellen.

Aus dem Erdinnern heraus

«Dass das Wasser einfach so aus dem Erdinnern heraus kommt, hat die Menschen schon immer fasziniert», erklärt die Historikerin. In St. Moritz fanden Archäologen eine Quellfassung aus der Bronzezeit. Ab dem 16. Jahrhundert beschrieben Naturforscher immer mehr Heilquellen in Graubünden. Karin Fuchs erklärt, dass sich anhand der Heilwassergeschichte viele Wissens-, Lebens- und Forschungsbereiche beschreiben lassen. Sie erzählt von ökonomischen Aspekten, von Medizingeschichte und wissenschaftlichen Errungenschaften. Vom Tourismus. Von ästhetischen und architektonischen Aspekten. Und auch von sozialen Entwicklungen. «Zu alledem kommt die Verbindung zur Erdgeschichte», sagt sie.

Auch Filmemacher Felice Zenoni ist fasziniert von der Geschichte. Vor allem aber interessiert ihn die Verbindung zum Heute und der Blick in die Zukunft. Denn von den prächtigen Zeiten der Trinkhallen und Badehäuser ist nicht mehr viel übrig. Eine Szene im Film zeigt eine ehemalige Trinkhalle mit drei Mineralquellen. Die Mauern drohen einzustürzen. Desolat. Vergessen. Dabei galt das Mineralwasser aus dem Val Sinestra einst als Mittel gegen Blutarmut, Gicht, Zuckerkrankheit, Rheumatismus, sowie Nerven- und Hautleiden. Zwar plätschern die Brunnen noch, der Glanz aber ist verschwunden. Für den Filmemacher ist das eine der Schlüsselszenen des Films. Sie zeige, wie die Geschichte den Bach abgehe. Wie das Kulturgut langsam vergessen werde. Aber auch, wie sich Menschen vor Ort engagieren und gewillt sind, die Quellen zu retten.

Anspruchsvoller Drehort: eine Quelle im Val Sinestra.
Anspruchsvoller Drehort: eine Quelle im Val Sinestra.

Der Film habe viele Reaktionen ausgelöst. Mehr, als sich Felice Zenoni gewohnt ist. «Wenn das ein Film schafft, ist das schön. Ich denke, es ist die grosse Stärke von Dokumentarfilmen, dass man durch sie in eine Materie eintauchen kann. Die Geräusche, die Musik, die Bilder. Sie machen das Thema erlebbar, führen es plastisch vor Augen. Ganz wichtig sind aber immer die Menschen. Es ist keine tote Geschichte, sondern sie lebt von Menschen mit Enthusiasmus und Sorgen», erklärt er. Und findet es wichtig, dass man sich Gedanken macht, wie man mit der Geschichte umgehen will. Ganz allgemein, aber mit der Heilwassergeschichte Graubündens im Besonderen. Denn die Bilder, beispielsweise aus dem Val Sinestra, tun auch ihm weh.

Ein wahrer Bodenschatz

Der Niedergang des Heilwassers. Das ist vielleicht ein bisschen überspitzt formuliert. Und doch. Karin Fuchs erklärt, dass die Badehäuser und dazugehörigen Gasthäuser, in denen das Mineralwasser ausgeschenkt wurde, zu den ersten frühtouristischen Infrastrukturen gehörten. Das 19. Jahrhundert gilt als Blütezeit der Bündner Heilwassergeschichte. Und dann, mit der Entwicklung von Antibiotika und anderen Pillen im frühen 20. Jahrhundert, verlor das Mineralwasser als Heilmittel immer mehr an Bedeutung. Thermalquellen, von denen die Quelle in Vals übrigens die Einzige in Graubünden ist, werden heute zwar noch gerne zu Wellnesszwecken genutzt. Getrunken wird aus den über 100 Mineralquellen Graubündens heute jedoch nur noch aus wenigen. So beispielsweise Passugger, Rhäzünser oder Valser. Nicht aber beispielsweise aus der Lischanaquelle in Scuol. «Das ist schade. Das Wasser ist ein wahrer Bodenschatz. Ich habe noch nie so feines Wasser getrunken wie aus dieser Quelle», sagt Felice Zenoni. Vielleicht helfe ihm der Aussenblick dabei, die Besonderheiten zu sehen. «Oft sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht. Oder eben vor lauter Quellen das Wasser nicht.»

Die Bündnerin Karin Fuchs hat den Innenblick. Und auch sie erzählt vom besonderen Element, das so haptisch ist. «Man kann das Wasser fühlen, schmecken und degustieren. Zugegeben, es ist gewöhnungsbedürftig. Aber superspannend und überlebenswichtig.»

«An der Quelle – Graubündens Heilwassergeschichte» von Felice Zenoni ist noch bis am 18. Juli in der Mediathek von «3sat» zu finden. Die 25-minütige rätoromanische Version «A la funtauna» gibt es bei Play RTR. 

Das Fachbuch «Baden und Trinken in den Bergen: Heilquellen in Graubünden, 16. bis 19. Jahrhundert» von Karin Fuchs ist im Handel erhältlich.

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