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«Wir standen kurz vor der Schliessung»

Die Ludotheken in Graubünden kämpfen ums Überleben, so auch die Ludothek Zizers. Obschon der Betrieb in eine kleine Garage umziehen musste, verlieren die Verantwortlichen nicht den Mut.

Bündner Woche
23.09.24 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Über vielen Schweizer Ludotheken ziehen derzeit dunkle Wolken auf.
Über vielen Schweizer Ludotheken ziehen derzeit dunkle Wolken auf.
Chiara Schmed

von Chiara Schmed

Seit über 40 Jahren besteht die Ludothek Zizers, die als Verein organisiert ist. Wie viele andere Ludotheken in der Schweiz kämpft sie um ihr Überleben. Ein grosses Problem stellt der Mangel an Ehrenamtlichen dar. Zusätzlich musste sich die Ludothek Zizers im letzten Jahr von ihrer langjährigen Lokalität verabschieden. Die Situation war so kritisch, dass die Ludothek um ein Haar schliessen musste – dies konnte jedoch in letzter Minute verhindert werden. Die Situation hat sich aber noch lange nicht beruhigt. Nun steht die Spielausleihe in einer Garage der Tagesstruktur Zizers.

Petra Giossi, Präsidentin der Ludothek Zizers, und Therese Spescha sind seit über acht Jahren im Verein mit dabei und berichten in diesem Interview über die ungemütliche Lage. Auch Monique Huonder, Regionalvertreterin Graubünden des Verbands der Schweizer Ludotheken, ist besorgt über die Lage der Ludotheken in der ganzen Schweiz und erklärt, weshalb Ludotheken und das Spielen für die Entwicklung der Kinder essenziell ist.

Petra Giossi, Therese Spescha und Monique Huonder (v.l.n.r) vor der Ludothek Zizers, die momentan in einer Garage platziert ist.
Petra Giossi, Therese Spescha und Monique Huonder (v.l.n.r) vor der Ludothek Zizers, die momentan in einer Garage platziert ist.
Chiara Schmed

Frau Giossi, die Situation der Ludotheken in Graubünden sieht alles andere als rosig aus. Ihre Ludothek befindet sich momentan in einer Garage. Wie ist es dazu gekommen?

Petra Giossi: Die Ludothek Zizers war seit ihrer Eröffnung immer in einem Lokal mitten im Dorf platziert. Diese Räumlichkeiten mussten wir letztes Jahr aufgeben. Danach war es sehr schwierig, etwas Neues zu finden. Obwohl wir ein gewisses Vermögen auf der Seite hatten, reichte dieses nicht aus. Anfangs September 2023 stellte uns dann die Gemeinde eine Garage neben der Tagesstruktur Zizers zur Verfügung.

Die Lokalität ist also suboptimal, aber sie steht. Was für sonstige Probleme gibt es noch?

Therese Spescha: Wir sind drei Vorstandsmitglieder in der Ludothek Zizers und wollen alle schon lange unser Amt abgeben. Letztes Jahr waren wir sehr intensiv auf der Suche nach Nachfolgerinnen oder Nachfolgern, trotzdem haben wir keine gefunden. Ehrenamtliche Arbeiten in Vereinen sind heutzutage nicht mehr begehrt. Vorstandsarbeiten sind noch viel weniger beliebt, auch wenn diese bei uns keineswegs anspruchsvoll sind.

Petra Giossi (nickt zustimmend): Genau, der Personalmangel stellt ein grosses Problem dar. Wir haben im März mitgeteilt, dass wir die Ludothek schliessen müssen, wenn wir nicht fünf neue Leute für den Verein und den Vorstand finden. Daraufhin haben sich lediglich zwei Leute gemeldet. Wir standen kurz vor dem Schliessen.

Und wie ist es dann weitergegangen?

Petra Giossi: Die Nachricht, dass wir schliessen, hatte bei den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Signalwirkung erzielt und weitere freiwillige Personen haben sich bei uns gemeldet.

Ab dem 11. September können Sie nun wieder öffnen. Heisst das, die schlimmsten Zeiten der Ludothek Zizers sind vorbei?Therese Spescha: Personell geht es uns besser, der Appell hat gewirkt. Wir sind nun zu zwölft und haben sogar drei Männer mit an Bord. Seit zwei Wochen sind wir nicht mehr allzu fest verzweifelt. Dennoch könnten wir eine gemütlichere Lokalität brauchen.

Spielen wäre für die Entwicklung von Kindern äusserst wichtig.
Spielen wäre für die Entwicklung von Kindern äusserst wichtig.
Chiara Schmed

Frau Huonder, können Sie als Regionalvertreterin Graubünden des Verbands der Schweizer Ludotheken erklären, warum fast niemand mehr in einer Ludothek arbeiten will?

Monique Huonder: Ich merke, dass besonders junge Frauen keine Freiwilligenarbeit leisten wollen. Sie gehen tagsüber ihrem Job nach, machen den Haushalt und danach haben sie keine Energie mehr. Unser Verein erbringt eine grosse Leistung auf freiwilliger Basis, die allen Mitmenschen und Gemeinden zugutekommt. Wir wollen Freude am Spielen vermitteln und sind für die jungen Familien da. Wir machen das, weil wir Freude haben und weil das unser Hobby ist.

«Wir machen das, weil wir Freude daran haben»

Was braucht man überhaupt, um in einer Ludothek arbeiten zu können?

Monique Huonder: Nichts ausser Freude am Spielen und an Kindern. Und man muss hin und wieder den Lärm und das Chaos aushalten können.

Zurück zur Situation der Ludotheken: Das Problem herrscht ja nicht nur in Zizers, sondern in ganz Graubünden.

Monique Huonder: Das Problem besteht sogar schweizweit. Auch in Winterthur und Basel mussten Ludotheken dichtmachen. Es liegt nicht nur an der Freiwilligenarbeit. Einmal hat man kein Personal, einmal keine Kundschaft oder kein gutes Lokal.

«Das Kind würde im Spiel einige Kompetenzen lernen»

Keine Kunden? Das heisst es besteht weniger Nachfrage. Kann man generell sagen, dass heutzutage weniger gespielt wird?

Petra Giossi: Ja, Kinder ab zehn Jahren spielen fast nicht mehr. Sie verbringen mehr Zeit am Handy.

Monique Huonder: Das Handy ist ein brutaler Zeitfresser. Nicht nur bei Kindern, sondern auch bei den Eltern. Um ein Spiel zu spielen, müssten sie sich hinsetzen und die Spielregeln erklären. Dafür sind heute einige nicht mehr zu motivieren, sie wollen sich keine Zeit mehr nehmen. Das ist schade, denn das Kind würde im Spiel einige Kompetenzen lernen.

Stellt das ein Problem dar, dass Kinder weniger spielen als früher?

Monique Huonder: Das kann man so sagen, ja. Beim Spielen lernt ein Kind rechnen, schreiben und lesen. Spielen ist die Arbeit der Kinder, sie lernen sämtliche Fähigkeiten, die sie als Erwachsene brauchen und auch soziale Kompetenzen.

Nochmals zur anfangs erwähnten Problematik zurück: Wie sieht die Lage der Ludotheken konkret in Graubünden aus?

Monique Huonder: Wir haben zwölf Ludotheken in unserem Kanton. Besonders in Bonaduz und Ilanz herrscht ein extremer Personalmangel. In Chur, Küblis und Poschiavo sind die Ludotheken jeweils mit den Bibliotheken zusammen stationiert. Diese Ludotheken laufen reibungslos. Wenn man in die Bibliothek geht, leiht man direkt nebenan noch ein Spiel aus. Das ergibt eine Synergie.

Warum ist die Ludothek Zizers dann nicht im Schulhaus neben der Bibliothek platziert?

Therese Spescha: Hier im Schulhaus hat es keinen Platz mehr. Die Bibliothek ist selbst schon ziemlich gefüllt. Jedoch haben wir uns als Fernziel gesetzt, im Schulhaus Zizers einen Standort zu erhalten. Das Neubauprojekt der Schule dauert jedoch noch bis mindestens 2027. Ein weiteres Problem ist, dass wir ein Verein sind, die Bibliothek wird jedoch von der Gemeinde bezahlt.

Das heisst, Bibliotheken und Ludotheken werden in der Gesellschaft als nicht gleich wichtig angesehen?

Monique Huonder: Bibliotheken denken vielfach, dass sie wichtiger sind als wir. Sie fördern schliesslich die Kulturkompetenz Lesen. Wir jedoch bauen Fähigkeiten auf, um überhaupt Lesen zu können. Wir sind keine Konkurrenz, wir wollen ein Miteinander erreichen. Das Zusammengehen mit Bibliotheken wäre eine wichtige Voraussetzung.

«Ich habe hier tolle Freundinnen gefunden»

Frau Giossi und Frau Spescha, Sie arbeiten seit über acht Jahren hier in der Ludothek Zizers. Was bereitet Ihnen Spass dabei?

Petra Giossi: Ich habe es schon als kleines Kind geliebt, in die Ludothek zu gehen und diverse Spiele auszuleihen. Heute veranstalten wir im Verein immer wieder einen Spielabend zusammen. Der Zusammenhalt ist da, die Ludothek liegt mir am Herzen. Daher ist es mir wichtig, dass sie in guten Händen bleibt, wenn ich gehe.

Therese Spescha: Ich bin nach Zizers gezogen und habe fast niemanden gekannt. Mit meiner damals zweijährigen Tochter ging ich gerne in die Ludothek. Eines Tages entschied ich mich, Mitglied des Vereins zu werden. Ich habe hier tolle Freundinnen gefunden.

Und zum Schluss: Warum ist es wichtig, die Ludotheken zu retten?

Monique Huonder: Eine Ludothek wertet das Dorf auf. Sie schont das Budget der Familien und auch die Umwelt.

Therese Spescha: Ludotheken übernehmen eine soziokulturelle Funktion. Wenn man als Mutter oder Vater zu uns vorbeikommt, beraten wir diese gerne und erklären ihnen auch die Spiele. In einem Laden kann man das so nicht erwarten.

Die Ludothek Zizers an der Rangstrasse 10 hat jeden Mittwoch von 16.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Auch die guten alten Kassetten dürfen in der Ludothek Zizers nicht fehlen.
Auch die guten alten Kassetten dürfen in der Ludothek Zizers nicht fehlen.
Chiara Schmed

Freiwillige gesucht

Die Ludotheken in Graubünden suchen nach Freiwilligen, die als Ludothekare und Ludothekarinnen das Vereinsleben aktiv mitgestalten, Kontakt halten mit Familien und Kindern sowie Spielanlässe organisieren. Interessierte Personen dürfen sich bei der jeweiligen Ansprechperson in der Region melden, oder sich direkt in einer der Ludotheken erkundigen.
Hilfe ist besonders an folgenden Standorten gefragt:
- Die Ludotheken Arosa und Zizers brauchen dringend neue Räume und personelle Unterstützung, auch für den Vorstand.
- Ilanz benötigt vor allem Personal für die Vorstandsarbeit.
- Landquart sucht Hilfe für die Ausleihe und die Vorstandsarbeit.
- Bonaduz, Davos, Disentis und Samedan sind zurzeit personell gut aufgestellt, dies kann sich aber jederzeit ändern. Hilfe ist immer willkommen.

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