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Die Musikwelt trauert

Pascal
Büsser
02.05.17 - 05:24 Uhr
Kultur
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Blues und Jazz für Rapperswil: Musikproduzent Hannes Anrig ist kurz vor seinem 76. Geburtstag verstorben.
ARCHIV

Das Blues’n’Jazz ist aus Rapperswil kaum mehr wegzudenken. Es feiert bald sein 20-Jahr-Jubiläum. Den Sound von New Orleans an den Obersee brachte als Festival-Musik-Chef Hannes Anrig. Er hatte sich in Lugano und Ascona ab Mitte Siebziger als Bandleader, Klubbetreiber und Festival-Organisator einen Namen gemacht. Daraus entstand später das «JazzAscona».

Der damalige «Obersee Nachrichten»-Verkaufsleiter Harry Ritz machte Anrig Ende Neunziger-Jahre die Rapperswiler Altstadt schmackhaft. Die beiden hatten sich in Ascona kennengelernt. Anrig suchte wegen organisatorischer Differenzen im Tessin einen neuen Austragungsort für seine Konzerte.

Nach einem Testlauf 1998 unter ON-Schirmherrschaft wurde 1999 ein Verein unter Vorsitz von Stadtrat und Hotelier Martin Klöti gegründet, der fortan ein dreitägiges Festival organisierte: erst als Festa New Orleans Music, später als Blues’n’Jazz Rapperswil. Klöti, heute St.Galler Regierungspräsident, bezeichnet Anrig als «Vollblut-Musikliebhaber» und «Erfolgsgaranten» fürs BluesnJazz.

«In all den Jahren haben wir mit höchster Loyalität zusammengearbeitet», so Klöti. Anrig sei ein «Chrampfer» und «keine Diva» gewesen. Er habe über beste Kontakte zur Jazz- und Bluesszene in den USA und Italien verfügt. «Er kannte die gesamte Szene. Seine Beziehungen zu den Musikern waren stets freundschaftlich und nie geschäftlich.» Anrig habe zudem gespürt, was beim Publikum ankomme.

Den «Oscar des Blues» gewonnen

Auch Urs Hämmerle, Präsident des Blues’n’Jazz von 2006 bis 2016, sagt: «Hannes Anrig war unser Herz und unsere Seele.» Er habe die Nase stets im Wind gehabt und gewusst, welche Musiker für das Budget des Festivals drinlägen. Nach dem Einstieg der Carré Event AG 2010 schwand allerdings Anrigs Einfluss auf das Musikprogramm. Seit 2015 war er gar nicht mehr eingebunden.

Anrig habe stets Win-win-Situationen für die Festivals und die Musiker angestrebt, sagt ein langjähriger Freund, der Fotograf Rémy Steinegger. So organisierte Anrig für die New-Orleans-Musiker vor und nach den Auftritten in Ascona weitere Gigs in Schweizer Städten. Er war zudem Mitgründer eines Blues-Clubs in Mailand und betrieb ein eigenes Musiklabel. Er war auch Mitbegründer des Ameno-Blues am Ortasee. Zuletzt organisierte er während 15 Jahren mit Fabio Lafranchi das Magic Blues Festival im Maggiatal. 2012 bekam er als erster Schweizer den German Blues Award. 2016 folgte der «Oscar des Blues», der Blues-behind-the-scenes- award der European Blues Union.

Trotz Krebserkrankungen und Herzinfarkt sei Anrig noch im Herbst voll Tatendrang gewesen, sagt Lafranchi. Zuletzt habe ihn aber eine schmerzhafte Gürtelrose geplagt. Letzten Samstag fand ihn eine Tochter zu Hause tot auf.

Schaffhausen, Paris, Tessin

Nach Stationen in Deutschland und als Gallerie-Leiter in Paris war der gelernte Grafiker und gebürtige Schaffhauser Ende sechziger Jahre mit seiner Frau ins Tessin gezogen. In Arcegno ob Ascona bewohnte er ein Grotto, das er auch Freunden gerne zur Verfügung stellte. Nach der Scheidung zog er seine zwei Töchter allein auf. In wenigen Tagen wäre er 76 und zum dritten Mal Grossvater geworden. «Er hat sich sehr auf die erste Enkelin gefreut», sagt Lafranchi. Dieses Erlebnis war ihm nicht mehr vergönnt.

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