Auf Visite beim grünen Herz von Davos, Teil 2
Das Forum Bau und Kultur war auf Visite im Kurpark. Die vielen Facetten des grünen Herzens von Davos, und weshalb der Park gerettet werden muss, war schon im ersten Teil (DZ, 20. September) zu lesen. Hier nun der zweite Teil der Visite.
Das Forum Bau und Kultur war auf Visite im Kurpark. Die vielen Facetten des grünen Herzens von Davos, und weshalb der Park gerettet werden muss, war schon im ersten Teil (DZ, 20. September) zu lesen. Hier nun der zweite Teil der Visite.
Immerhin: Seit 1971 gewährt man wenigstens den Kleinsten Platz, um sich auszutoben, mit Unterstützung von Pro Juventute wurde ein grosszügiger Spielplatz errichtet. Den Kletterbaum von damals kann man heute auch runterrutschen. Die Älteren auf dem Rundgang schwärmen noch vom riesigen Sandkasten von früher, heute fehlt es den jüngsten Gästen an Platz zum «Sändala». Aufmerksame erkennen in der Umrandung der «Flugzeugabsturzstelle» eine profilierte Steinplatte von Schwerzmanns Landi-Brunnen wieder, als wäre sie gemacht, dass Kinder darauf rumturnen.
Ein Seeli mit mehr Potential
Auf der anderen Seite des Parks werden Anfang der 1980er-Jahre die Allod Park – Appartementhäuser von Architekt Gian Gross aus dem Boden gestampft. Zur neuen Attraktion in dieser Parkecke wird ein Seeli. Die Mutprobe, eine der dicken Forellen im kargen Teich zu streicheln, kannte früher jedes Kind. Heute ist der Teich auch ohne Fische zu einem wertvollen Biotop geworden. Zu aller Erstaunen ist das kleine Biotop ein Fliessgewässer. Ein Schacht beim Einlauf lässt das Bachrauschen erleben. Sein Zufluss, ein Bächlein aus dem Rütiwald unter der Strelaalp, quert unterirdisch das Belvedere, das Kirchnermuseum und den Allodpark. Auch der Abfluss wird unterirdisch weitergeführt, bis er auf Höhe der Argo ins Landwasser mündet. Den Wunsch, das Seeli zugänglicher zu machen, um im Sommer am Wasser spielen oder sogar baden zu können, untermauerte Jürg Grassl, indem er unerwartet ins kühle Nass sprang. Begeistert folgte ihm einer der Gäste. Ein idyllisches Naturbad mitten in der Stadt, das wär doch was.
Ein Arbeitsbeschaffungsprojekt für Hotels und Kurorte
Dass es den Kurgarten noch immer gibt, ist vor allem jenen zu verdanken, die sich für seinen Erhalt einsetzten. Mitten im Zweiten Weltkrieg initiierte der Bund ein Arbeitsbeschaffungsprojekt zur «Baulichen Sanierung von Hotels und Kurorten». Mit gezielter Ortsplanung wollte man die bauliche Entwicklung so steuern, dass «glücklich» gestaltete Orts- und Landschaftsbilder entstehen. Der Architekt Ernst F. Burckhardt erarbeitete dafür unter Mitarbeit von Rudolf Gaberel den ersten Davoser Zonenplan. Das Gebiet des Kurparks erklärten sie zur Bauverbotszone. Erst 16 Jahre später, 1961, wurde aus der visionären Idee gültiges Baugesetz. Das Stimmvolk erklärte den Kurpark damit zur «Freifläche», die «zur Verschönerung des Ortsbildes der Überbauung entzogen» und «für öffentliche Zwecke» reserviert ist. Auch das heute gültige Baugesetz will den Kurpark als «Grünzone» und «öffentlichen Aussenraum» schützen: «In der Grünzone sind nur Bauten zulässig, die den Zweck der Zone nicht beeinträchtigen». Während die Baumasse der Stadt auf die x-fache Grösse anwuchs, blieb der Kurpark dank diesen wenigen Worten grün. Auch das neuste Freiraumkonzept der Gemeinde bekräftigt die Wichtigkeit des Freiraums.
Die ewige Baustelle
Andernorts wäre ein solches Gartenbaudenkmal längst unter Schutz gestellt, hier ist es dem Gutdünken der unterschiedlichen Verantwortlichen ausgesetzt. Auch der «grösste Temporärbau Europas» beansprucht nun das halbe Jahr über die Hälfte der Freifläche. Regelmässiger Baubetrieb für das, was die Erschaffer «Jahrhundertbauwerk» nennen, ausgerechnet da, wo eigentlich nicht gebaut werden soll? Für den gewaltigen Temporärbau wurden unzählige Betonfundamente im Boden eingelassen. Und damit die schweren Baumaschinen alljährlich im Park auffahren können, musste die Wiese durch Schotterrasen ersetzt werden. «Ui, das ist ja unangenehm» kommt von der Gruppe, beim Betreten des Rasens. Der lose Untergrund macht das Laufen schwieriger, eine Herausforderung für die Älteren.
Die Mauer und Torbauten an der Kurgartenstrasse erbaute Jurymitglied und Architekt Nicolaus Hartmann 1916 gleich selbst, im Bündner-Stil und mit Schindeldächern. Das letzte Überbleibsel davon wurde 2019 in einer «Nacht und Nebel-Aktion» beseitigt. Heute steht eine lange Reihe mobiler Bänke entlang der Kurgartenstrasse, allerdings nicht einladend zum Sitzen, sondern um das Betreten und Befahren des Schotterrasens zu verhindern. Die späte Erkenntnis, ohne Abschluss wird der Park zum Parkplatz, kam für die vermissten Torbauten leider zu spät.
Dass der Kurgarten seit jeher zu einem bequemen Spaziergang auf einem Rundweg einlud, ging scheinbar vergessen. Wer die beliebte (Hunde-)Runde heute fertig laufen will, muss diese auf dem Trottoir der Kurgartenstrasse fertiglaufen. Auch wenn dies scheinbare Kleinigkeiten sind, Stück für Stück geht die Intention und die ursprüngliche Qualität des Kurgartens verloren.
Nutzbare Freifläche
Der ursprüngliche Platz schuf, als nutz- und begehbare Rasenfläche inmitten der landwirtschaftlichen Wiesen, die man im Sommer nicht begehen darf, einen enormen Mehrwert. Die Intention der Umgestaltung durch Ernst Gisel erklärte seine Frau Marianne in der Architekturzeitschrift «Werk»: «Am Rande der grossen Flächen, die in einer allerdings etwas freieren Form für festliche Spiele und Zusammenkünfte zu erhalten sind, sollen intime Buchten mit Feuerstellen angelegt werden, in denen je eine Familie rasten und spielen kann.» Zum Picknick im Park oder zum Spielen lädt der heutige Schotterrasen nicht mehr ein. Während der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg pflanzte man auch im Kurpark Kartoffeln, daran ist künftig auch nicht mehr zu denken. Das Ehepaar Gisel wünschte sich 1961: «Die ganze Anlage soll nach der Umgestaltung weniger einem repräsentativen Kurpark als einer schön bewachsenen natürlichen Alpwiese gleichen.» Das Stadtwachstum hatte die landwirtschaftlichen Mähwiesen aus dem Talboden verdrängt, nun wünscht man sich die Blütenpracht einer Magerwiese zurück.
Grüne Wüste
Doch dazu kam bislang nicht, bis heute ist der Kurpark ein kurzgetrimmter, englischer Tennisrasen. «Diese totgemähte, grüne Wüste ist angesichts der aktuellen Biodiversitätskrise längst nicht mehr zeitgemäss» empört sich einer der Führungsteilnehmer. Mehrwert wäre hier sogar mit weniger Aufwand zu erreichen: Weniger zu Mähen führt zu mehr Blütenpracht, folglich zu mehr Artenvielfalt.
Was dabei rauskommen könnte, umschrieb Kasimir Edschmid 1932 überschwänglich in der Werbeschrift «Sonnenstadt im Hochgebirge»: «Diese Wiesen sind nicht nur grün wie die Wiesen sonst. Sie sind so blau, rot, gelb und weiss, wie die Blumen vielfältig sind, welche die Wiesen bevölkern. Die Wiesen sind eigentlich kleine Wälder. Sie sind so hoch wie kleine Kinder. Wer die Wiesen von Davos nicht gesehen hat, hat doch eines der üppigsten Wunder von der Welt nicht erblickt.»
Einheimische Bäume, Sträucher und Blumen, alpine Gruppen wünschte sich das Wettbewerbsprogramm vom 1914. Die Attraktion waren damals Königskerzen mit ihren hoch aufragenden, gelben Blütensäulen, für die blühende Pracht sorgten Schwertlilien und ein regelrechtes Lobelienmeer. Heute ist diese Pflanze als invasiver Neophyt verpönt. In eigenen Gewächshäusern hinter dem Eisstadion zogen Kurvereingärter früher die Blumensetzlinge und tüftelten gar an eigenen Pflanzenkreationen: Legendär sind die durch Auslese entstanden «Davoserli», eine margeritenähnliche Blume mit blau-gelbem Stempel. Während am Anfang mehrjährige Blütenstauden noch eine Hauptrolle spielten, sind es heute stets neu bepflanzten Blumenbeete. Neuerdings überragt ein Zierstrauch mit seinen knallroten, stacheligen Samenständen die Rabatten. Es ist der afrikanische «Wunderbaum» Rizinus. Aber Achtung: Seine Samen enthalten eines der tödlichsten pflanzlichen Gifte. Braucht es solche Exoten wirklich im Davoser Kurpark?
Events, ja aber ...
1934 baute der bekannte Davoser Architekt Rudolf Gaberel sogar einen kühnen Holzbau als Musikpavillon in den Park. Regelmässig spielte hier das Davoser Kurorchester zur Unterhaltung auf. Dass der Kurpark für Veranstaltungen genutzt wird, hat eine lange Tradition, zu erwähnen sind beispielsweise die 1. August-Feiern. Die Reaktionen aus dem Publikum zeigten aber, es sind nicht diese öffentlichen Anlässe, wie das grosse Jodlerfest oder die Sportanlässe, welche für Unmut sorgen. Wenn aber für exklusive Privatanlässe, welche bloss wenige Tage im Jahr stattfinden, der Park viele Monate lang reserviert und sogar zu Ungunsten aller anderen Nutzerinnen umgebaut wird, gibt es berechtigterweise Kritik.
Heute ist der Kurpark als Eventfläche zu einem einträglichen Geschäft geworden. Es wäre ihm zu wünschen, dass er dies auch stolz zur Schau tragen darf. Doch auch die gepflegten Blumenbeete mögen leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Park vielmehr wie eine vernachlässigte Brachfläche wirkt. 2017 stellte der Tourismusdirektor Reto Branschi seine mit dem Szenografen Otto Steiner ausgearbeitete Vision für den Kurpark vor. Ausgelöst hat sie vor allem Kopfschütteln. Nun arbeitet die DDO offenbar an der nächsten grossen Idee: Einem Zoo im Kurpark. «Das ist ein Witz?», fragt das völlige verdatterte Publikum. Leider nein, bekräftigt Landrat Lukas Kistler, der Kopf der Gruppierung «IG Rettet den Kurpark».
Den Kurpark retten
Solchen Entwicklungen steht die IG Kurpark skeptisch gegenüber. Die Gruppierung formierte sich im Frühjahr dieses Jahres, um auf politischem Weg eine Aufwertung des Kurparks anzustossen. Wie ein solches Vorhaben gelingen kann, hat Köbi Gantenbein mit seinem «Nachruf auf Nicolaus’ Gartentor» den Davosern bereits 2019 nahegelegt. «Für seinen Umbau – schleichend wie mit dem Torabbruch oder mit der grossen Kelle, ist vorab ein Diskurs unter Einheimischen und Gästen nötig: Was soll dieser Park? Welche Nutzungen in welcher Kadenz soll er in welchem seiner Teile tragen? Wie kann der Kurpark auf solchen Wandel eingerichtet werden, ohne seine Substanz zu gefährden? Und wenn das Nötige klar ist – dann sollen Landschaftsarchitektinnen und Architekten zu einem Wettbewerb eingeladen werden.» Das hat sich die IG Kurpark zu Herzen genommen. «Es braucht wenig, um viel mehr daraus zu machen» ist Kistler sich sicher. Das stiess bei der Teilnehmerschar auf viel Zustimmung und er konnte dadurch viele neue Unterstützerinnen und Unterstützer für die Petition gewinnen.
Wiederbeleben statt verbauen
Den spannenden Nachmittag liess die Forum Bau und Kultur-Gruppe auf der idyllischen Gartenterrasse des Extrablatts ausklingen. Leider hat man es mit den Umbauten verpasst, dem Restaurant zu mehr Sichtbarkeit und besserer Zugänglichkeit zu verhelfen. Statt ein Geheimtipp zu sein, könnte das köstliche Parkrestaurant selber zur Attraktion im Park werden.
Für einen lebendigen Park braucht es vor allem Leute, die ihn auch nutzen, erinnert Jürg Grassl die Teilnehmer und verweist auf das, was der heutige Landammann Philipp Wilhelm mit seinen Co-Autoren im Architekturführer «Bauen in Davos» schrieb: «Das grüne Herz will wiederbelebt werden – aber nicht verbaut!»
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.