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Es wird «Stiller» auf der Schatzalp

Davoser
Zeitung
12.11.23 - 07:00 Uhr
Graubünden

Von Ruth Spitzenpfeil*

So beginnt Weltliteratur: «Ich bin nicht Stiller!» Das ist der berühmte erste Satz von Max Frischs Roman «Stiller» von 1954. Und jetzt sitzt dieser Mann, der nicht der Bildhauer Anatol Stiller sein will, sondern ein Amerikaner namens Jim White in einem noblen Restaurant in ­Davos. Einst hat Stiller hier seine an ­Tuberkulose erkrankte Frau Julika ver­lassen und ist spurlos verschwunden. Es ist der Anwalt Dr. Bohnenblust, der die beiden nach sechs Jahren an diesem Ort zusammenführt, um die wahre Identität Whites aufzudecken. Doch der Versuch misslingt. Noch vor dem Dessert drängt Bohnenblust zum Aufbruch. Plötzlich stehen die drei Akteure, die gerade noch in Nahaufnahme auf dem Bildschirm zu sehen waren, leibhaftig vor einem.

Es ist Filmdreh – und damit hat sich das «Berghotel Schatzalp» mitten in der ­Zwischensaison in ein Bienenhaus verwandelt. Im Belle-Epoque-Speisesaal ­türmen sich technische Gerätschaften, Dutzende von eifrigen Menschen schwirren umher. Jede und jeder scheint ganz genau zu wissen, was zu tun ist. An den eleganten Kleidern und sorgfältig ge­legten Locken erkennt man, wer mitspielt, und wer auf der anderen Seite ­dafür sorgt, dass es uns dann auf der Leinwand verzaubern wird. Die hinter der Kamera sind eindeutig in der Mehrzahl, auch wenn man gerade in dieser Szene nicht an Statistinnen und Statisten gespart hat. Jeder Tisch im Restaurant ist besetzt mit authentisch im Stil der da­maligen Zeit herausgeputzten Gästen.

Filmteam nimmt Berghotel ein

Einen Kinofilm machen, das ist eben nach wie vor Materialschlacht und enormer Personalaufwand. Rund 60 Mitarbeitende sind es insgesamt, die für zwei Tage Ende Oktober das historische Hotel in der Bergeinsamkeit belegt haben, erklärt später die Produzentin Anne Walser. Und acht 7,5-Tonner-Lastwagen haben sich trotz des ersten Schneefalls die Naturstrasse zum abgelegenen Standort hoch bewegt. 

«Wir machen noch eine», sagt jetzt ganz ruhig der wichtigste Mensch hinter der Kamera. Stefan Haupt mag so gar nicht dem Klischee des herumbrüllenden Regisseurs entsprechen. Autorität gibt dem 62-jährigen Zürcher seine grosse Erfahrung und Erfolgsfilme wie «Der Kreis» oder «Zwingli». Und so zieht Stefan Kurt als ratloser Anwalt den Mantel wieder aus, Paula Beer als Julika zückt die nächste Zigarette, und Albrecht Schuch als White – oder ist er doch Stiller? – sagt nochmals mit möglichst verwaschenen amerikanischen Akzent: «Was für ein selbst­gefälliges Arschloch». Es wird nicht das letzte Mal sein an diesem Vormittag, dass sie die eine Szene durchspielen. Und am Nachmittag dann genau das Gleiche, nur aus einem anderen Kamerablickwinkel. So geht Filmarbeit.

Die für die Ausstattung zuständige Crew hat genügend Teller mit frischem Braten vorbereitet, damit Bohnenblust auch beim siebten Take herzhaft zulangen kann. Zusammen mit der am Vortag ­gedrehten Rückblende mit Julika im Lungensanatorium werden es vielleicht sechs Minuten sein, die schliesslich im fertigen Film «Stiller» aus Davos zu sehen sein werden.

Lageratmosphäre für Filmstars

Die Zürcher Firma C-Films beginnt mit den Dreharbeiten in Davos, obwohl die hier aufgenommenen Szenen nicht am Anfang stehen werden. Es habe sich eher zufällig aus der komplizierten Logistik des Grossprojekts ergeben, erklärt Walser. Die 45-Jährige gilt als die erfolgreichste Produzentin der Schweiz der vergangenen Jahre mit Erfolgen wie «Grounding» (2006), «Der Verdingbub» (2011), «Akte Grüninger» (2014), «Schellen-Ursli» (2015) und «Zwingli» (2019). ). «Stiller» ist eine Gemeinschaftsproduktion mit der Münchner Firma Walker + Worm.

Dass einer der bedeutendsten Schweizer Romane nun erstmals ins Kino kommt, ist Walsers Hartnäckigkeit zu verdanken. Die Filmrechte für «Stiller» lagen nämlich unter anderem beim US-Schau­spieler Anthony Quinn, der sie nie wahrnahm. 2019 konnte Walser sie dann endlich vom Suhrkamp-Verlag erwerben, den sie mit ihrem authentischen Konzept überzeugte.

«Es ist ein schlauer Start hier oben für das ganze Filmteam», sagt Walser, die durch ihren Lebenspartner auch private Verbindungen nach Davos hat. Im Hotel «Schatzalp» hatte sie vor zehn Jahren ­zudem schon Teile von «Youth» mit ­diversen Hollywoodstars gedreht. Begeistert vom ehemaligen Luxussanatorium, wo sich seit bald 100 Jahren kaum etwas verändert hat, ist auch der «Stiller»-Regisseur. «Ich habe immer gerne reale Drehorte», sagt Haupt beim Mittagessen mit dem Team, das gleich neben dem Filmset angerichtet ist. «Es ist toll, hier die ersten der insgesamt 32 Drehtage zu haben; da kommt so eine Lagerstimmung auf, und alle sind gerade in die richtige Atmosphäre versetzt», schwärmt er.

Regisseur Stefan Haupt traf Max Frisch

Haupt hat eine ganz besondere Be­ziehung zu seinem Stoff. Denn als junger Theatermacher konzipierte er 1990 in Zürich ein Chorkonzert, bei dem Textpassagen von «Stiller» eine Rolle spielen sollten. Weil ihm der Verlag dies nicht erlauben wollte, sprach Haupt den Schriftsteller einfach auf der Strasse an, als er Frisch mit einem Bekannten beim Zürcher Grossmünster erblickte. Es klappte. Für den jetzigen Film nahm er auch mit Marianne Frisch-Oellers Kontakt auf, die mit Frisch 1968 bis 1979 verheiratet war, und noch immer als Spezialistin für sein Werk gilt. Sie habe sich sehr für Haupts spezielle Art der Umsetzung des Romans interessiert, erzählt dieser in Davos. Was denn so speziell daran sei? Das sehe man dann im Kino, so Haupt augenzwinkernd. Wir sind gespannt.

* dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung aus der «Südostschweiz» übernommen.

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