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Die Bündner Walser – Pioniere im Alpenraum

Vor 750 Jahren ist zum ersten Mal schriftlich die Ansiedlung einer Walsergruppe im Gebiet des heutigen Kantons Graubünden bezeugt. Mit ihrer Kultur haben die Bergler Landschaft und Leute nachhaltig geprägt.

Davoser
Zeitung
13.07.24 - 12:00 Uhr
Kultur
Blick auf die alte Walsersiedlung Sertig Dörfji.
Blick auf die alte Walsersiedlung Sertig Dörfji.
zVg
Am 25. Juli 1274 stellten die Freiherren von Sax-Misox eine Urkunde aus, worin sie Jacobus und Vbertus, die Söhne des verstorbenen Petrus von Riale, Formazza, wohnhaft im Rheinwald, mit ihren Angehörigen unter ihren Schutz nahmen und lieferten damit das erste schriftliche Zeugnis von Walser Siedlern auf dem Gebiet des heutigen Kantons Graubünden.

Um die kulturelle Landschaft Graubündens zu verstehen, muss man die Kultur der Walser verstehen, und die Art und Weise, wie ihre Ankunft die Region prägte und gestaltete. Die arbeitsamen Bergpioniere brachten im frühen Spätmittelalter nicht nur den alemannischen Dialekt nach Graubünden und machten durch ihre weitreichenden Rodungen weite Teile Graubündens überhaupt erst urbar, mit ihrer extensiven Alpwirtschaft und ihren typischen Streusiedlungen prägten sie auch das Landschaftsbild mass­gebend und nachhaltig. Auch durch die Walser entstand über die Jahrhunderte ein mehrsprachiges Nebeneinander von alpinen Traditionen und Gebräuchen, die Graubünden noch heute so vielfältig und interessant machen.

Freiherren von Vaz und freie Walser

Die Gründe, warum die Einwanderer im Mittelalter das Wallis verliessen und nach Nordosten zogen, sind noch immer nicht vollständig geklärt. Man weiss allerdings, dass im Oberwallis im Laufe des 12. Jahrhunderts aufgrund des grossen Kinderreichtums eine Überbevölkerung herrschte und das Land knapp wurde. Gleichzeitig wollten in Oberrätien die aufstrebenden Freiherrengeschlechter ihren Machtbereich ausdehnen und festigen. Vor allem die Freiherren von Vaz sahen bald viel Nutzen in den Walser Siedlern, welche die stark bewaldeten, kargen und kaum bewohnten Hochtäler für sie urbar machten. Durch eine kluge Politik banden sie die Siedler mit Schutzbriefen an sich. Als Gegenzug für die kolonisatorischen Tätigkeiten gewährten die Vazer Freiherren den Walsern Rechte und Freiheiten, die zu jenen Zeiten keineswegs selbstverständlich waren. Ein solch wichtiger Vertrag wurde 1289 in Davos aufgesetzt und machte das Davoser Hochtal bald zur grössten Walserkolonie in Oberrätien.

Mit dem Vertrag gewährten die Freiherren den Siedlern das Erblehen, das gerodete Land konnte von Generation zu Generation übertragen werden. Die verein-barten Abgaben und Termine waren geregelt und durften nicht erhöht werden. Zudem gewährte der Vertrag auch die Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit, die Walser konnten ihren Ammann selber wählen und sich weitgehend selbst verwalten. Im Gegenzug mussten sie ihrem Herrn den Lehenszins entrichten und waren zu militärischer Hilfeleistung verpflichtet. Es waren diese frühen Schutzbriefe und Verträge, die das selbst­­-bewusste Freiheitsdenken der Bündner Walser prägten, denn im Rahmen dieser Verträge galten die Walser als frei.

Bündner Walserkultur

Aus regionalen Ressourcen schufen die Walser eine reiche und nachhaltige Alltagskultur, die geprägt war von der Einfachheit eines Lebens im abgelegenen Berggebiet und die zeugt vom Erfindungsreichtum und der Zähigkeit, die das Leben den Bewohnerinnen und Bewohnern abforderte. Als Baumaterialien verwendeten die Walser stets, was in ausreichendem Masse vorhanden war. In Bündner Walsersiedlungen war es das gerodete Holz, eindrucksvoll zu sehen an den charakteristischen Holzhäusern mit den sonnenver-brannten Fassaden. Die Balken wurden im sogenannten «Gwätt» in Strickbauweise seitlich miteinander verkantet. Die Grundmauern und die Küchen der einfachen Häuser waren meist aus Stein, die übrigen Teile wie Kammern und Stube aus Rundholz. Ihr Auskommen erwirtschafteten die Walser, im Gegensatz zum romanischen Bauern, hauptsächlich in der Viehzucht und nicht im Ackerbau.

Als sich die Siedler im neuen Gebiet niederlassen wollten, waren die gut bebaubaren Flächen im Talgrund schon bewirtschaftet, den Neuankömmlingen blieben nur die unwirtlichen Lagen in der Höhe. In mühsamer Arbeit rodeten sie den Urwald, beseitigten Steine und Gehölz und gewannen Weide- und Wiesland für ihre Tiere. So spezialisierten sie sich auf die bestmögliche Graswirtschaft und die Milchverarbeitung sowie den Absatz ihrer Produkte. Dazu perfektionierten die Walser eine nomadisierende Art des Wirtschaftens: Die Stufenwirtschaft. Im Einklang mit dem Jahreskreislauf zogen sie mit ihrem Vieh nach und nach in höhere Lagen und erschlossen so neue Weidegründe. Vom Maiensäss im Frühling auf die Alpen im Sommer und im Herbst zurück in die Vorwinterung. Im Winter wurde das übers Jahr gemachte Heu mit Schlitten zum Heimstall transportiert. Das Erbe dieses Wirtschaftens erkennt man auch heute noch, es sind die weit über die Wiesen versprengten Flurställe und die walsertypischen Streusiedlungen.

Die offensichtlichste Gemeinsamkeit in der Walserkultur ist die Sprache, sie bildet ein jahrhundertealtes Band quer über den zentralen Alpenraum. Der höchstalemannische Dialekt mit seinem ungewöhnlichen Vokalreichtum und der bewahrten Altertümlichkeit ermöglichte es über die Dialektforschung die Herkunft aus dem Wallis nachzuweisen. Dazu kommen bei den Bündner Walsern die Einflüsse der Nachbarsprachen Romanisch und Italienisch sowie lokale Neuschöpfungen. Dabei war lange Zeit kaum ein Bewusstsein für eine zusammenhängende Walserkultur vorhanden, erst im 19. und 20. Jahrhundert entstand ein Verständnis für ihre Geschichte und die Kultur. Erst als ihre jahrhundertealten Traditionen und Fertigkeiten durch den Einzug der Moderne verdrängt wurden und drohten, in Vergessen zu geraten, formte sich eine historische Perspektive auf die Walserkultur. Mit der Gründung der Walservereinigung Graubünden im Jahre 1960 wurde ein wichtiger Schritt gemacht, die walserische Kultur zu erhalten, zu dokumentieren und zu bewahren.

Selbstbewusste Anpassungsfähigkeit

Die Walserinnen und Walser sorgten bereits in der frühen Neuzeit mit ihren Pioniertaten für Aufsehen. Und das nicht nur als Experten der hochalpinen Landwirtschaft, sondern auch durch innovative Bewässerungssysteme oder auch beim Brückenbau. So wurden Walser beispielsweise beim Weg- und Brückenbau in der Schöllenenschlucht beigezogen. In den Walsergebieten – insbesondere in unserer Gegend – wurde auch in der Moderne immer wieder Pioniergeist und Anpassungsfähigkeit wegweisend verbunden. Diese walserische Kombination kam auch bei den einschneidenden Entwicklungen des aufkommenden Tourismus zum Tragen. Sei es bei der entstehenden modernen Hotellerie, beim Eisenbahn- oder beim Hotelbau: Impulse von aussen wurden zugelassen und selbstbewusst, der eigenen Kultur und den eigenen Bedürfnissen entsprechend, umgesetzt. In Davos entstand daraus die erwähnt grösste Walsersiedlung, weltbekannt bei Sport-, Natur-, Kongressgästen mit global renommierten Forschungsinstitutionen. Die Walserkultur hat sich gewandelt, die selbstbewusste Anpassungsfähigkeit der Siedlerinnen und Siedler und deren Pioniergeist bieten aber auch im 21. Jahrhundert immer noch Vorbild und Inspiration.

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