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Dana Grigorcea: «Im Halbschlaf verstehe ich auch Romanisch»

Die Schriftstellerin Dana Grigorcea kehrt für eine Veranstaltungsreihe zum Thema Übersetzungen nach Chur zurück.

Südostschweiz
08.03.17 - 09:00 Uhr
Kultur
Dana Grigorcea beim Interview in Zürich. Bild Ruth Spitzenpfeil
Dana Grigorcea beim Interview in Zürich. Bild Ruth Spitzenpfeil

Das Leben ist kein Ponyhof. Aber manchmal braucht es einen Ponyhof, damit gute Literatur entstehen kann. Die schweizerisch-rumänische Autorin Dana Grigorcea verrät im Interview, wie es ihr möglich war, neben einem turbulenten Familienleben ihren zweiten Roman zu schreiben. Der wurde zu einem grossen Erfolg und brachte ihr unter anderem den 3Sat-Preis des renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ein.

Frau Grigorcea, Sie sprechen mit einem unüberhörbar osteuropäischen Akzent. Passiert es ihnen oft, dass Menschen mit Ihnen als vermeintliche Ausländerin das sogenannte «Deppendeutsch» reden?

Dana Grigorcea: Nein. Das ist mir zum Glück noch nie passiert. Im Gegenteil, an Lesungen in Deutschland und Österreich sagt man mir oft, ich hätte einen so lustigen Schweizer Akzent. Schon bei meiner allerersten Auslandreise aus Rumänien mit der Schulklasse nach Wien meinte eine alte Dame, mit der ich mich auf einer Bank vor der Hofburg auf Deutsch unterhielt, «Sie kommen aus der Schweiz, nicht wahr?» Irgendwie passt es, dass ich hier gelandet bin.

Auch ihr Mann ist Schriftsteller. Mit ihren zwei Kindern leben Sie in Zürich. Sind Sie eine typische Schweizer Familie?

Das Gefühl fremd zu sein, ist bei mir nie aufgekommen. Es war für mich eine wunderbare Erfahrung, dass ich mit dem ersten Buch, das ich hier veröffentlicht habe, von den Medien als Schweizer Autorin wahrgenommen wurde. Das war die Bestätigung, dass man in der Kunst diese artifiziellen Grenzen nicht kennt. Uns als Familie sehe ich als eine Art Zukunftsmodell. Mein Mann und ich schreiben gerade an einem Buch, das nächstes Jahr herauskommen wird. Es trägt den Titel, «Wer wir werden». Wenn man sich in der Schweiz anschaut, woher all die Leute kommen. Das hat sich immer vermischt. Auch Christoph Blochers Vorfahren kamen ja aus Deutschland.

Erzählen Sie uns von ihrem Alltag im Schriftsteller-Doppelpack. Wie integriert man das Schreiben in ein turbulentes Familienleben?

Es ist ein so ein grosses Bedürfnis, das wir beide haben, zu schreiben und uns auszudrücken; uns mit der Sprache die Welt zu erobern. Wir können aber nicht so in der Ruhe schreiben wie ein Proust. Wir haben keine Zeit, eine Madeleine zu essen und darauf zu warten, dass uns die Muse küsst. Meinen zweiten Roman habe ich immer Dienstags verfasst, während meine Tochter auf dem Ponyhof war. Auch mein Mann schreibt neben seinem 100-Prozent-Job als Redaktor in den Randzeiten und nutzt etwa die Zeit, wenn die Kinder Fussball spielen.

Sie haben bis 2011 in Chur gearbeitet. War hier Ihre erste Begegnung mit dem Rätoromanischen?

Bevor ich nach Chur kam, hörte ich einmal auf einem Flug nach Bukarest zwei Frauen vor mir, sich Geschichten erzählen. Im Halbschlaf verstand ich alles. Erst als ich mir bewusst wurde, dass es Rätoromanisch und nicht Rumänisch war, hörte das Verstehen plötzlich auf. Die Verwandtschaft rührt daher, dass beides sehr alte lateinische Sprachen sind.

Weitere Informationen zur Literaturveranstaltung vom kommenden Wochenende findet Ihr hier.

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