«Weinen, das ist Natur. Aber Lachen, das ist Kultur»

Gardi Hutter tritt am Sonntag am Arosa Humorfestival auf. Die weltweit tourende Clownfrau erklärt, warum es Humor ohne Tragödie nicht gibt, und warum Clowns eigentlich böse sind.  

mit Gardi Hutter sprach Mathias Balzer

Gardi Hutter ist ein Urgestein der Schweizer Theaterszene und als Clownin eine Ausnahmeerscheinung in einer Männerdomäne. Seit 1981 tourt die heute 63-Jährige mit ihren Stücken. Ihre Figur, die strubbelige, dicke Hanna, hat Zuschauer auf dem ganzen Globus begeistert – und tut es noch. Über 3300 Vorstellungen hat Hutter bis heute in 30 Ländern und auf vier Kontinenten gespielt: von Russland bis Portugal, von Schweden bis Italien, von den Vereinigten Staaten bis Brasilien, von China bis Indien. Kommenden Sonntag, 18. Dezember, tritt sie am Arosa Humorfestival auf. Sie zeigt dort einen ihrer Klassiker, das Stück «So ein Käse».

Frau Hutter, woher kommen Sie gerade?

GARDI HUTTER: Ich war gerade in Mexiko City, wo ich an drei Festivals gespielt habe.

Drei Festivals in einer Stadt?

Die Stadt hat 32 Millionen Einwohner, also viermal die Schweizer Bevölkerung. Das ist, wie wenn ich in Basel, Genf und St. Gallen gespielt hätte.

Betrachtet man Ihren Tourneeplan, könnte einem schwindlig werden. Sind Sie eine Heimatlose?

Ich bin eine Reisende. Mit der Zeit hab ich die Gabe entwickelt, überall schnell Kontakte zu knüpfen. Man muss im Fluss bleiben. Wenn man abhängig ist von Dingen und Gewohnheiten, geht das nicht. In diesem Beruf muss man bereit sein, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Wichtig ist mir, meinen eigenen Tee und meinen E-Reader dabei zu haben. Ein gutes Buch hilft über vieles hinweg.

Sie sind Clown. Was zeichnet diesen Beruf aus?

Im Unterschied zu einem Schauspieler ist jeder Clown ein Original, eine Figur. Ich bin seit 1981, über acht Stücke hinweg, die Hanna. Sie ist meine Leibmaske.

Ein Alter Ego von Gardi Hutter?

Teilweise ist sie das so. Ich kann bei Hanna alle meine Ängste, Frustrationen und Katastrophen abladen. Mein Leiden ist ihr Futter. Da hat Samuel Beckett recht: Nur die grossen Katastrophen sind wirklich komisch. Wenn ich Kurse gebe, sage ich den Leuten immer, sie sollen Tragödien suchen, dann finden sie auch den Gag. Sucht auf keinen Fall den Gag, weil dann ist es schnell vorbei mit lustig.

Humor basiert demnach auf der Tragödie?

Der Clown ist eine uralte tragikomische Figur. Die Theaterwissenschaft spricht von einem Grenzgänger zwischen den Welten. Irgendwann musste die Menschheit Wege finden, mit dem Tod umzugehen. Unsere ältesten Kunstformen kommen ursprünglich aus Begräbnisritualen. Wir begegnen dort wilden, Furcht einflössenden Masken. Mit ihnen wurden die bösen Geister vertrieben.  Oder man verwendete sie als Amulette für die Reise ins Jenseits. Fasnacht und Halloween sind Überreste dieser Bräuche. Sie sind Furcht einflössend, und gleichzeitig lachen wir darüber.

Im berühmten Film «I Clowns» von Federico Fellini sind die Clowns böse. Ist das so?

Das ist absolut so. Der Clown hat die Boshaftigkeit und Grausamkeit eines Kindes. Er ist kindlich, aber nicht kindisch. Ihm fehlt die moralische Instanz. Er kann noch nicht unterscheiden zwischen Gut und Böse. Er geht, naiv, wie er ist, einfach seiner Neugierde nach – und plötzlich kippt die Situation ins Böse. Der Clown merkt das gar nicht. Für das Publikum sind das aber oft die lustigsten Stellen.

Humor ist, wenn wir über die Katastrophe des anderen lachen?

Ja. Wir sind froh, ist es der andere und nicht wir selbst. Wir lachen und sind froh darüber, dass wir noch einmal davongekommen sind. Der Clown nimmt das ganze Leiden auf sich, opfert sich auf der Bühne, ist dümmer und tollpatschiger als alle anderen, damit wir über ihn lachen können. Wir kennen das ja alle: Oft sind wir nicht so klug, schön und clever, wie wir gerne wären. Der Clown ist der Inbegriff dieses Scheiterns. Für mich ist er existenziell. In meinem Programm «Die Schneiderin» geht es den ganzen Abend ums Sterben. Bei der Maus geht es um Besitz und Verlustängste. Also immer um Grundsätzliches.

Wir assoziieren Clowns mit dem Zirkus. War das für Sie nie ein Thema, dort aufzutreten?

Ich hab einmal beim Knie mitgemacht. Sonst bin ich nie im Zirkus aufgetreten. Der Zirkusclown ist eine relativ junge Erscheinung. Es gibt ihn seit  240 Jahren, seit in England die Form der Zirkusmanege erfunden wurde. Der Clown ist jedoch viel älter. Bereits die Totengräber bei Shakespeare sind Clowns. Sie sind eine Urform. Irgendwann begann die Menschheit zu lachen. Weinen, das ist Natur, aber Lachen ist Kultur. Das Lachen ist eine Strategie, das anzunehmen, was wir nicht ändern können. Wir sterben, aber wir können auch darüber lachen.

Sie machen das seit 35 Jahren. Hilft Ihnen die Schule des Humors auch bei privaten Tragödien?

Ohne Selbstironie geht es in diesem Beruf nicht. Aber meine privaten Probleme, die löst Hanna nicht. Die muss ich selber lösen.

Clownerie ist eine Männerdomäne. Wie lebt es sich als Clownin?

Es brauchte erst die ganze Frauenbewegung. Hätte meine Grossmutter Clownin werden wollen, wär sie wohl in die Anstalt gekommen. In patriarchalen Gesellschaften ist es unvorstellbar, dass die Frau auf der Bühne steht und Witze über Männer macht. Jede Diktatur fürchtet ja als Erstes die Komiker. Die Komikerin gibt es erst seit der Gleichberechtigung und der damit einhergehenden finanziellen Autonomie. Ich war nicht die Erste, die das gemacht hat. Ich war Ende der  Siebzigerjahre Teil einer Bewegung, die das vorwärtsgetrieben hat. Meine Figur hat damals einfach eingeschlagen: Sie entspricht keinen Frauenklischees. Sie ist nicht hübsch, nicht sanft und gut, sondern sie ist eigensinnig und bösartig. Sie ist auch nicht dick, sondern der Spiegel ist zu klein.

Sie leben seit 35 Jahren mit Hanna. Wollten Sie diese Beziehung nie auflösen?

Wir haben es versucht. Wir wollten ein Programm ohne Hannas Bauch und Maske machen. Aber es war wie Tag und Nacht. Sie ist eine Maske und hat als solche eine Kraft. Sobald ich das Kostüm anziehe, ist klar, was ich spiele. Es ist zudem so, dass ich in dieser Maske auch nicht machen kann, was ich will. Manchmal macht Hanna Sachen, die ich als Gardi völlig daneben finde. 

Um was geht es im Stück «So ein Käse»?

Das Stück kam 1988 zur Welt ...

Das ist ja 28 Jahre her!

Ja, ich hab es ungefähr 600 Mal gespielt. Aber meine nonverbalen Stücke haben den Vorteil, dass sie zeitlos sind. Sie sind allgemein menschlich, archaisch. Deshalb kann ich sie auch in Mexiko oder China spielen.

Ist Humor weltumspannend?

Wenn ich nicht rede schon. In China lachen die Menschen an den genau gleichen Stellen wie Europäer, einfach etwas leiser. 

Zurück zum Käse ...

Hanna ist eine hungrige Maus, die ein Stück Käse in einer Mausefalle anbetet, wie den Mond. An der Falle sind die Bilder ihrer Familienmitglieder angebracht, die alle darin gestorben sind. Aber sie findet raus, wie sie zum Käse kommt, ohne, dass die Falle zuschnappt. Im zweiten Teil ist sie richtig fett und dick. Aber sie hat ihre Sehnsucht verloren, bis sie dann den richtigen Mond sieht ...

Autor: online@suedostschweiz.ch
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Quelle: südostschweiz