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Von swingend laut bis flüsternd leise

Die zweite Hälfte von Klosters Music bot wiederum eine breite Palette an hochstehenden klassischen Höhepunkten, die keine Wünsche offenliessen.

Conradin
Liesch
12.08.22 - 06:00 Uhr
Kultur & Musik
Maurice Steger und Nuria Rial.
Maurice Steger und Nuria Rial.
ZVG

Unter dem Titel «Innehalten» fand am Donnerstag, 4. August, in der evangelischen Kirche St. Jakob ein Konzert unter der Leitung von Maurice Steger statt. Die Sopranistin Nuria Rial, Sebastian Wieland an Orgel und Cembalo sowie das «La Cetra Barockorchester Basel» mit Konzertmeisterin Katharina Heutjer entführten die Zuhörenden auf eine Zeit­reise vom 14. bis ins 18. Jahrhundert.

Steger ist ein Showman. Das kreiden ihm einige wohl an. Aber an seiner Art, sich dem Publikum zu präsentieren, an seiner Art, Flöte zu spielen, ist nichts falsch; im Gegenteil: Er freut sich sichtlich, dass das Repertoire, welches er – zusammen mit David Whelton – speziell für diesen Anlass zusammengestellt hat, so gut passt, so hervorragend klingt und so gut ankommt. «Mittendrin statt nur dabei», könnte man sagen. Bereits die erste Hälfte mit einer gelungenen Kombination von «O virgo splendens» (1399, Anonym), Sinfonias von Marco Uccelini (1603–1680) und Salomone Rossi (1570–1630) demonstrierte die Spielfreude der Musikerinnen und Musiker.

Wirklich phänomenal

Wenn sich dann noch Nuria Rial dazugesellt, passt das wie das Tüpfchen aufs I. In «Damigella tutta bella» (Claudio Monteverdi», «Canzon La Pighetta» und der Arie «Folle è ben chi si crede» von Tarquino Merula (1595–1665) lässt sie nicht nur ihre Stimme in gläserne Höhen steigen, sondern ihre schalkhaften Augen Blitze schiessen, die nur eines demonstrieren: Hier steht eine Dame auf der Bühne, welche singen muss, weil sie singen will, und erst noch intensiveste Leidenschaft zeigt und Freude daran hat – was sich wiederum auf die Qualität ihrer Darbietung auswirkt, die wirklich phänomenal ist.

Maurice Steger seinerseits steht ihr in nichts nach. Auch ihm ist seine Begeisterung anzumerken. Unterstützt von Katya Polin, Bettina Simon und Giovanni Battista Graziadio legt er ein Können an den Tag, welches unterstreicht, dass er wahrhaft verdient zu den ganz Grossen an der Blockflöte zählt.

Der Klang in der Kirche ist exorbitant; dies auch im zweiten Teil, etwa bei Händels Orgelkonzert «Der Kuckuck und die Nachtigall», das Sebastian Wieland auf der Köberle-Orgel mitspielt. Aufgrund der anderen Stimmung dieses historischen Instrumentes haben die Musikerinnen und Musiker ihre Instrumente in doppelter Besetzung mitgeführt.

Wenn Klassik auf Swing trifft

Am Freitag, 5. August, trifft Hollywood auf Klosters: Die Filmmusik von «Singin’ in the rain» auf die Sekunde genau mitzuspielen, erfordert nicht nur vom Dirigenten Antony Gabriele, sondern auch vom «City Light Orchestra» höchste Konzentration. Und dies wiederum beweist, dass klassische Musikerinnen und Musiker wohl alles spielen können. Die Musik von Nacio Herb Brown geht weit über die Klassik hinaus: Sie jubiliert, sie swingt, sie jazzt, sie ballert und sie scheppert auch mal; kurz, sie reisst mit. Mit grösstem Körpereinsatz tragen sie alle dazu bei, dass man während des Films nie vergisst, dass die Musik ja wahrhaftig live gespielt wird. Die Anwesenheit von Gene Kellys Witwe, Patricia Ward Kelly, die eine Einführung zum Film macht und dem Publikum auch nach der Aufführung noch zur Verfügung steht, macht diese sensationelle Aufführung zu einem Rundum-Erlebnis.

Die Österreicher können’s einfach

Die Stiftung Exekias ermöglicht das hervorragende Konzert vom Samstag, 6. August, das im Gedenken an den Mäzen Hansjörg Saager veranstaltet wird.

Den Anfang macht die Ouvertüre zu «Ein Sommernachtstraum» von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Münchner Ausnahme-Violinistin Arabella Steinacher und das Mozarteumorchester Salzburg präsentieren mit Johannes Brahms’ Violinkonzert D-Dur, op. 77, eine mehr als nur gelungene Aufführung des Werkes. Besonders die gelungenen virtuosen Darbietungen von Arabella Steinacher reissen das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hin.

Nach der Pause erklingt Joseph Haydns Sinfonie Nr. 104 («Londoner»). Auch diese Darbietung wird vom 27-jährigen (!) österreichischen Dirigenten Patrick Hahn souverän geleitet.

Klavier-Rezital als letzter Höhepunkt

Die Auftritte von Sir András Schiff gehören zweifelsohne zum festen Bestandteil und den jährlichen Höhepunkten von Klosters Music. Wie jedes Jahr lässt sich der Meister vorher nicht in die Karten schauen, er gibt das Programm erst während des Konzertes bekannt. Diese Freiheit und Spontanität brauche er: «Das Leben ist zu kurz, um schlechte Musik zu hören.» Was ebenfalls zu seinen Auftritten gehört, sind die kurzen Bonmots und Erklärungen, welche er im Vorfeld der gespielten Preziosen abgibt.

Schiff eröffnet den Abend mit der Zugabe, wie er erklärt; der Aria aus den Goldberg-Variationen von Bach. Das letzte Stück des Abends, die Schubert-Klaviersonate A-Dur Nr 20 (D 959), sei so gewichtig, dass danach nichts mehr gespielt werden solle.

Joseph Haydns einzige Klaviersonate in c-Moll bietet einen spannenden Kontrast dazu; Schiff erklärt, Haydn werde leider bis heute immer unterschätzt.

Sir András Schiff fährt mit der Klavier­sonate Nr. 15 F-Dur (KV 533) von Mozart fort, wobei er das Rondo, welches Mozart erst später integriert hatte, weglässt.

Weniger wäre vielleicht mehr gewesen

«Nach der Wiener Klassik mit Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven ging es mit der Musik nur noch abwärts», erklärt Sir András Schiff. Damit schliesst er sowohl die grossen italienischen Komponisten aus wie auch die vielen anderen herausragenden, die danach folgten.

Dass seine Bonmots nicht immer wirklich ernst zu nehmen sind, zeigt sich auch in einer Bemerkung, die er 2021 machte, bevor er den dritten Satz von Beethovens Klaviersonate Nr. 17 d-Moll darbot: Er spiele sie langsam, von den meisten Interpreten werde sie jedoch immer zu schnell gespielt. In diesem Jahr integriert er alle drei Sätze in seinem Programm, spielt aber den dritten Satz um einiges rascher als im vergangenen Jahr – die Wirkung ist tatsächlich nicht dieselbe.

Nach der Pause erklingt Mozarts Rondo a-Moll (KV 511) und schliesslich die bereits erwähnte Klaviersonate von Franz Schubert, welche den Abend beschliesst – auch sie in einer perfekten Intonation.

Ohne die überragende Leistung des Meisters schmälern zu wollen, darf man sich die Frage stellen, ob eine etwas straffere Programmgestaltung dem Abend vielleicht gutgetan hätte.

Klosters Music 2023

Man darf sich auf Sir András Schiff wieder freuen, denn er wird bei Klosters Music 2023 wieder zu Gast sein. Ein weiteres Highlight wird die Aufführung von Beethovens sechster Sinfonie (Pastorale) durch die Deutsche Kammerphilhar­monie sein. Das Eröffnungskonzert bietet die Sopranistin Julie Fuchs mit Opernarien von Rossini. Vor allem aber erklingt Haydns Oratorium «Die Schöpfung» mit dem Kammerorchester Basel und dem Chor des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Giovanni Antonini.

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