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Charles Lewinsky: «Die Welt lässt sich von Autoren nicht verändern»

Den Roman «Der Halbbart» von Charles Lewinsky kann man nicht nur als Geschichte über die Geschichte der Schweiz lesen, sondern auch als politischen Kommentar zur Debatte über «Fake News». Doch dazu gibt sich der Autor zurückhaltend.

Agentur
sda
Donnerstag, 05. November 2020, 12:27 Uhr Bern
Charles Lewinskys Roman "Der Halbbart" lässt sich als politischer Kommentar auf die "Fake News"-Debatte lesen. Doch der Autor gibt sich bescheiden, was den Einfluss von Romanen auf die Gesellschaft anbetrifft.
Charles Lewinskys Roman "Der Halbbart" lässt sich als politischer Kommentar auf die "Fake News"-Debatte lesen. Doch der Autor gibt sich bescheiden, was den Einfluss von Romanen auf die Gesellschaft anbetrifft.
Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

«Als Autor habe ich kaum Einfluss darauf, welche Gedanken sich der Leser zu meinen Werken macht», sagt Charles Lewinsky gegenüber Keystone-SDA. Von der Frage, was uns der Autor mit einem Werk sagen wolle, hält er denn auch überhaupt nichts. Vielmehr stehe für ihn am Anfang seiner Arbeit an einem Roman stets eine interessante Figur; beim Schreiben ergründe er, was aus ihr wird. «Es ist doch so, dass sich die Geschichten die Autoren aussuchen - nicht umgekehrt», sagt Lewinsky.

Am Anfang von «Der Halbbart» stand für Lewinsky die Hellebarde oder Halbarte, die dann im Verlauf des Romans erfunden wird; die alte Bezeichnung für die Streitaxt mit dem langen Stiel leitet sich aus dem Mittelhochdeutschen her. «Weil ich gerne kalauere, mit Worten spiele, war bald einmal der Halbbart da», so Lewinsky. Und Halbbart wird im Roman dann die Hauptfigur, jener Mann mit dem halben Bart. «Von ihm hatte ich zu Beginn so wenig Ahnung wie Sebi, und wie mein Erzähler wollte ich sehen, was aus diesem Halbbart wird.»

Geschichtenerzähler

Jener Eusebius oder eben Sebi, ein Junge an der Schwelle zum Erwachsenen aus einem Dorf in der Nähe des Klosters Einsiedeln, erzählt den ganzen Roman aus seiner Perspektive vom Anfang, als der Halbbart im Dorf auftaucht bis zur Schlacht am Morgarten am Ende des Romans. Im Verlauf der fast 700 Seiten sucht Sebi seinen Weg: Bauer wie sein Bruder ist er nicht, Handwerker auch nicht, Soldat wie sein anderer Bruder ebenfalls nicht, auch zum Klosterleben als Mönch eignet er sich nicht; seine Bestimmung ist das Geschichtenerzählen. Und so hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer, dem Autor Charles Lewinsky.

Der Autor macht sich gemeinsam mit seinem Erzähler auf den Weg, die Geschichte dieses Halbbart, eines verfolgten Juden zu erkunden. Dabei entsteht zudem eine Geschichte über die mythologischen Anfänge der Schweiz, das woher und wohin der Schwyzer zu Beginn des 14. Jahrhunderts in der Auseinandersetzung mit den Habsburgern. «Dieses Abenteuer, nicht zu wissen, wohin der Weg führt, macht für mich das Schreiben spannend. Das macht es erträglich, zwei Jahre lang an der Tastatur zu sitzen», sagt Lewinsky.

Erinnerung und Wirklichkeit

Letztlich geht es ihm dabei um die Frage, «welche Geschichten wir erzählen, wenn wir uns unser Bild von der Welt bauen». Mit seiner Tätigkeit als Autor, als Geschichtenerzähler stellt Lewinsky demnach ganz grundsätzlich das Verhältnis von Erinnerung und Wirklichkeit in Frage. «Der Mensch ist nicht dafür gebaut, Ereignisse so zu erinnern, wie sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben», sagt er. «Was wir für Erinnerungen an Tatsachen halten, sind in Wirklichkeit Erinnerungen an unsere eigenen Erzählungen davon, die ihrerseits auch immer schon Erzählungen von Erzählungen waren.» Damit verschwimme das tatsächlich Geschehene «im Nebel der Erinnerungen zur Unkenntlichkeit».

Diese Vorstellung hat der Autor seinem Erzähler voraus. Im Roman muss Sebi im Verlauf seines Werdegangs zum Geschichtenerzähler die Lektion erst lernen, dass nämlich «Geschichten ein eigenes Leben» bekommen können, dass sie wachsen, sich vermehren, «und irgendwann seien sie dann von der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden», wird Sebi von seiner Lehrmeisterin mit auf den Weg gegeben.

Solche Passagen des Romans lassen sich durchaus als Kommentar auf die aktuelle gesellschaftliche Debatte über «Fake News» lesen. Aber, sagt Lewinsky, diese Lesart des Romans ist nicht automatisch sein Inhalt. Die Debatte über «Fake News» ist an die Zeit gebunden und sei letztlich Interpretation der Leserin. Als Romanautor «habe ich keine Botschaft», betont er: «Der Roman ist kein Vehikel, um gesellschaftlich Stellung zu beziehen.» Seine Aufgabe als Autor sei, eine Geschichte zu erzählen und das möglichst gut - «und sonst nichts».

Anregung zum Denken

Wenn es ihm aber nicht um die Botschaft oder den Erkenntnisgewinn geht, warum soll man dann den Roman lesen, warum soll man überhaupt Literatur lesen? «Ich will mit meinem Roman zum Denken anregen.» Dabei bilde er sich nicht ein, dass er den Leser steuern könne, sagt Lewinsky. «Als ich zwanzig Jahre alt war, wollte ich die Welt verändern; heute, mit bald 75, weiss ich, die Welt will sich von den Autoren nicht verändern lassen.»

Auch wenn sich Lewinsky auf diese bescheidene Position zurückzieht, gesteht er der Literatur doch eine Funktion zu, «aber nicht eine so unendlich wichtige, die wir ihr in der Literatur-Blase gerne zuschreiben»: Jedes Buch habe eine Kommentarfunktion, weil «ich als Autor eine Haltung einnehme». Diese Haltung scheint ganz besonders am Schluss von «Der Halbbart» auf, wenn Sebi erzählt, wie er die Schlacht am Morgarten erlebt hat und dann selbst eine Heldengeschichte daraus macht.

«Wenn zehntausend böse Leute in Rüstungen daher geritten kommen und 23 tapfere Schwyzer sie besiegen, dann ist das doch eine schöne Geschichte», sagt Lewinsky. Ob das etwas mit Historie zu tun habe, wisse kein Mensch. Aber darauf kommt es ihm auch nicht an. Die Geschichte hat längst ein Eigenleben entwickelt. Aber wenn die «kleine Gruppe von Menschen», die Freude am Lesen hat, dadurch zum Nachdenken angeregt zu wird, «dann ist das doch schon eine ganze Menge.»*

*Dieser Text von Andrea Fiedler, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt- Stiftung realisiert.

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