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Zeitreise durch die Totenklagen von Helsinki bis Rom

Das Origen-Männerensemble hat sich der letzten Dinge angenommen – im Zentrum: Lassos «Missa pro defunctis».

Carsten
Michels
Sonntag, 16. Februar 2020, 04:30 Uhr Origen-Männerensemble
Singende Bruderschaft: Jo Holzwarth, Maximilian Vogler, Johannes Hill, Sönke Tams Freier und Mathis Koch (von links im Uhrzeigersinn) bringen im Julierturm Requiemvertonungen zu Gehör.
Benjamin Hofer

Wer dieser Tage ans Sterben denkt, der ist zurzeit auf dem Julierpass bestens aufgehoben. Nicht nur, weil hier der Mensch Himmel und Ewigkeit so nahe zu sein scheint (da gäbe es in Graubünden noch einige andere Orte), sondern weil auf der Passhöhe die kantonale Requiemdichte eindeutig am höchsten ist. In dieser Saison jedenfalls, Origen sei Dank.

Mitte Oktober eröffnete das Kulturfestival seinen Reigen von Totenklagen mit einer Uraufführung des «Russian Requiem» von Kirill Richter. Im kommenden Monat wird das Origen-Vokalensemble Johannes Brahms’ «Deutsches Requiem» aufführen. Und momentan erklingt Orlando di Lassos vierstimmige «Missa pro defunctis» im spektakulären roten Turm auf knapp 2300 Metern Höhe.

Tiefergelegtes Fundstück

Zwei Totenmessen sind von Renaissance-Meister Lasso überliefert: eine fünfstimmige aus dem Jahr 1580 und jene vierstimmige, etwas früher entstanden. 2009 trat der deutsche Musikwissenschaftler Tobias Rimek mit einer kleinen Sensation an die Öffentlichkeit. Im Bestand der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek war er auf eine bislang unbeachtete Abschrift von Lassos früher Messe gestossen. Sie fand sich in den Chorbüchern der ehemaligen Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra. Das Besondere daran: Das ganze Werk ist um eine Quarte beziehungsweise Quinte tiefer notiert – und es enthält eine recht lange Dies-irae-Sequenz, die in anderen Fassungen fehlt.

Die tiefere Notation der Augsburger Fassung bedingt den Verzicht auf die Countertenorstimme zugunsten eines weiteren Basses. In dieser Version für Tenor, Bariton, Bass und Basso profundo kam das Werk im Julierturm zur Aufführung: mit Maxilimian Vogler, Jo Holzwarth, Sönke Tams Freier, Johannes Hill und Mathis Koch. Die fünf teilten die Partien der Lasso-Messe so unter sich auf, dass reihum jeder der Sänger ab und an pausieren konnte. Einerseits ein kräfteschonendes Verfahren, andererseits eines, das durch die wechselnden Stimmfarben eine gewisse Dynamik in der Tongebung des strengen Vokalsatzes versprach.

Bis das Julierturm-Publikum am frühen Donnerstagabend in den Genuss der Lasso-Messe kam, dauerte es jedoch ein Weilchen. Weniger wegen des vorgängigen Absenkens der hängenden Rundbühne beziehungsweise ihres Heraufziehens samt Vokalquintett und stimmungsvoll flackernden Kerzen. Vielmehr hatte sich Vogler als Leiter des Männerensembles für eine durchbrochene Aufführung der Messe entschieden. Das heisst: Zwischen die Sätze Lassos waren Werke anderer Komponisten eingeschoben: Nach dem Introitus etwa erklang ein «Si iniquates» des finnischen Komponisten Leevi Madetoja (1887–1947); Lassos Kyrie entfiel, stattdessen wurde das «Graduale» gesungen, gefolgt von einem «Domine» des Schweden August Söderman (1832–1876).

Eingeleitet hatte den ersten Konzertteil Knut Nystedts «Immortal Bach» (im Original eine in Dutzende Stimmen aufgefächerte Vokalimprovisation aus dem Jahr 1987), dem ein gregorianisches «Memento mei, Deus» zur Seite gestellt wurde.

Ohne Kompass unterwegs

Die in musikalischer Hinsicht reichlich unorthodoxe Programmfolge begründete Vogler im Vorfeld damit, liturgische Bezüge zu betonen und unerwartete Korrespondenzen herzustellen. Das Publikum begab sich sozusagen auf eine Reise durch die Totenklagen verschiedener Epochen, ohne genau zu wissen, in welcher es sich gerade befand. Denn manchmal war die zeitliche Zuordnung der Werke für die Zuhörer nicht so leicht möglich wie beispielsweise bei Nystedt – oder später bei Christian Engquist (*1979), dessen zehnminütiges «It is so peaceful here now» eine ähnliche Länge aufwies wie Lassos neu entdeckte Dies-irae-Sequenz. Da auf einen Programmzettel sowie den Abdruck der Texte verzichtet worden war (um einem beständigen Papierrascheln im Publikum vorzubeugen), hiess es: sich einfach ergeben und treiben lassen – als lauschender Zaungast eines Rituals, das die singende Bruderschaft da im Bühnenrund des Turms zelebrierte.

Nicht immer ganz lupenrein intoniert übrigens, mitunter sogar – vielleicht um der Klangfarbe willen – erstaunlich waghalsig. Schwere Last auf den jungen Sängerschultern also, aber ein inniges Konzert allemal.

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