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Näfelser in aller Welt

Die Historikerin Susanne Peter-Kubli hat Biografien von Auswanderern aus Näfels zusammengetragen. Sie zeigt, dass es mehr gibt als die Auswanderung nach Nordamerika.

Daniel
Fischli
Montag, 25. November 2019, 04:30 Uhr Buchtipp
Das Tor zur Welt: Schiffe verlassen um 1856 den Hafen von Le Havre.
BILD AUS DEM ANGESPROCHENEN BAND

Es gibt New Glarus, es gab Neu-Elm, Neu-Schwanden oder Neu-Bilten. Aber es gab offenbar nie ein Neu-Näfels. Im 19. Jahrhundert seien zwar immer wieder Familien und Einzelpersonen aus Näfels ausgewandert, jedoch nie in grossen Gruppen, wie man sie von Engi oder Bilten kenne, schreibt die Historikerin Susanne Peter-Kubli in ihrer Untersuchung der Auswanderung aus Näfels. Das umfangreiche Werk ist im Auftrag der Freunde der Geschichte von Näfels entstanden und erscheint jetzt unter dem Titel «In alle Herren Länder – Die Auswanderung aus Näfels».

Peter-Kubli hat gegen 50 Familiengeschichten aus zwei Jahrhunderten zusammengetragen, die sie chronologisch ausbreitet. Beleuchtet wird die Zeit von 1800 bis 2000. Davor waren Auswanderer in erster Linie Söldner, die sich aus Not in fremden Armeen verdingten und wohl auch hofften, wieder einmal zurückzukommen. Auch Saisonniers in Deutschland gab es anfangs des 19. Jahrhunderts, die «Schwabengänger», die zeitweise als Knechte oder Mägde arbeiteten.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hätten sich aber immer mehr Menschen für die dauerhafte Auswanderung entschlossen, teilweise aktiv gefördert von der Gemeinde. «Immer öfter war ihr Ziel Nordamerika, das, zumindest für Glarner Verhältnisse, fast unendlich gross und dabei fast menschenleer, besonders viele Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten schien», so die Autorin. Rund die Hälfte der Näfelser Auswanderer hätten sich in den USA niedergelassen. «Mit grossem Abstand folgen Deutschland, Frankreich, Afrika, Kanada und Brasilien.» Auffallend sei zudem, dass – etwa im Gegensatz zu Mollis – aus Netstal oder Ennenda kaum ein Näfelser nach Russland ausgewandert sei.

Nachkommen von Kaspar Freuler

Man schätzt, dass zwischen 1800 und 2000 rund 520 Näfelser ausgewandert sind. Ein Spitzenjahr scheint 1872 gewesen zu sein, als 20 Menschen dem Dorf den Rücken kehrten. In andern Glarner Gemeinden war der Aderlass aber viel grösser. So hat etwa Engi 1855 mit 200 Menschen einen Fünftel seiner Einwohner verloren, die nach Brasilien reisten. Näfels sei also «keine ausgesprochene Auswanderergemeinde» gewesen, schreibt Susanne Peter-Kubli.

Unter den ausgebreiteten Biografien hat es Kuriosa. Wie zum Beispiel die Geschichte der Nachkommen von Kaspar Freuler, dem Erbauer des Freulerpalastes. Ein Johann Jakob Freuler ist 1818 in Salamanca als Brigadier der spanischen Armee gestorben. Sein Sohn José Freüller war ganz und gar ein spanischer Aristokrat, Rechtsanwalt und Grossgrundbesitzer. Seine Enkelin Ana Freüller y Valls besuchte 1994 samt ihren sechs Söhnen und zwei Nichten den Freulerpalast und liess sich durch die Räume ihres Näfelser Ahnen führen, wie die Autorin schreibt.

Das Buch ist stark männerlastig. «Auswandern war zumindest im 19. Jahrhundert eine Männerangelegenheit», so die Autorin. «Ledigen jungen Männern trauten die Daheimgebliebenen am ehesten zu, sich an einem fremden Ort eine neue Existenz aufzubauen. Alleinreisende unverheiratete Frauen sind selten anzutreffen und wenn doch, ist über deren weiteres Leben oft nur wenig zu erfahren.»

Eine Ausnahme bildet Sophie von Müller-Friedberg. Ihr Vater war Söldneroffizier und hat 1812 auf Malta geheiratet. Sophie war das einzige Kind des Paares und wurde mit acht Jahren Vollwaise. In Paris wurde sie zur Gouvernante ausgebildet, musste aber mit 20 Jahren nach einer Liebschaft eine neue Stelle suchen.

Darauf reiste Sophie von Müller-Friedberg nach Russland, wo sie nach zehn Jahren als Hauslehrerin einen Gutsbesitzer heiratete.

Eine katholische Auswanderung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts habe die Auswanderung aus dem Glarnerland stetig abgenommen, so Susanne Peter-Kubli. Noch einmal eine Welle gab es in der Zeit der Wirtschaftskrise zwischen den Weltkriegen. Und: «Wer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auswanderte, tat dies weniger aus wirtschaftlicher Not, als aufgrund attraktiv erscheinender Möglichkeiten des anvisierten Ziellandes.» Auch aus dieser Zeit ist ein Dutzend Biografien in Buch versammelt.

Ein besonderes Kapitel ist den Ordensleuten gewidmet, die aus dem katholischen Näfels in die Mission gingen. «Ob Missionare im strengen Sinn zu den Auswanderern zu zählen sind, darüber lässt sich streiten. Auf jeden Fall waren sie Ausgesandte, die in die Mandschurei, nach Taiwan, Tansania oder nach Kolumbien geschickt wurden, um dort zu wirken.»

Jeder findet einen Verwandten

Vielleicht kommt im Buch neben den vielen Familiengeschichten die Vogelperspektive etwas zu kurz. Die Referenz bleibt hier «Bitterkeit und Tränen» von 2002, worin der Näfelser Walter Hauser die Glarner Auswanderung untersucht.

Susanne Peter-Kubli stellt sich in ihrer Einleitung selber eine Reihe von Fragen: «Hatte die Konfession einen Einfluss auf die Ziele, wohin oder die Art und Weise, wie ausgewandert wurde? Wie verhielten sich die Gemeindebehörden zur Auswanderung? Wurde sie unterstützt, oder riet man davon ab? Verändert sich im Laufe der letzten 200 Jahre der Begriff des Auswanderns? Und wie verhält es sich mit den Begriffen Heimat und Bürgerrecht?»

Man würde sich die Antworten auf diese Fragen noch etwas ausführlicher wünschen. Aber es dürfte kaum einen eingeborenen Näfelser geben, der im Buch nicht mindestens einen Verwandten findet.

Vernissage: Donnerstag, 5. Dezember, um 19.30 Uhr, Freulerpalast Näfels.

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