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Wie ein rauschendes Fest in Venedig aus den Fugen gerät

Karneval in Venedig, eine gefährliche Epidemie und eine junge Liebe: Der Rapperswiler Autor Erik Nolmans schickt die Leser in seinem zweiten Roman auf eine Reise nach Italien - mit ungewöhnlicher Wende.

Ramona
Nock
Mittwoch, 23. Oktober 2019, 18:00 Uhr Von Rapperswil nach Venedig
Der Mann mit der Maske: Das Souvenir aus Venedig erinnert den Autor Erik Nolmans daran, wie die Idee zu seinem Roman entstand.
Bild: Ramona Nock

Venedig, ein kalter Februartag, es ist die Zeit des berühmten Carnevale. Mit einem Freund besucht Erik Nolmans den traditionellen und farbenfrohen Umzug im Zentrum der Stadt. Der Autor aus Rapperswil hat Venedig schon mehrmals bereist – «mein Schwiegervater besass ein Haus, zehn Minuten vom Markusplatz entfernt» –, doch am historischen Karneval hat er noch nie teilgenommen. Kurzerhand besorgen sein Begleiter und er sich passende Kostüme: Schnallenschuhe, Gewänder mit Rüschenärmeln und die für den Carnevale typischen Masken.

Um ein Uhr früh schlendern sie der Uferpromenade nahe des Dogenpalasts entlang. Durch das offene Fenster eines Hauses dringt Musik ins Freie. Und ehe sie sichs versehen, landen die beiden inmitten einer privaten und gigantischen Karnevalsparty mit 200 Gästen.

Was wäre, wenn unter diesen 200 Personen eine Epidemie ausbrechen würde?, fragt sich Nolmans. Eine Seuche, hochansteckend und gefährlich? Der Gedanke, er ahnt es damals noch nicht, wird später der Grundbaustein seines Romans werden.

Kein Roman für Zartbesaitete

Zehn Jahre ist das jetzt her. Die Maske, die er an jenem Abend getragen hat, steht noch heute im Bücherregal von Erik Nolmans. Ein spitzer Hut gehört zum Kostüm, doch den kann er auf die Schnelle nicht finden. Dafür ist die Geschichte jetzt fixfertig. Nach Jahren in der Schublade seines Schreibtischs hat er die Entwürfe von damals überarbeitet und zu Papier gebracht.

«Die vierzig Tage der Lagune», so heisst sein Roman, sein zweiter. Zwischen den Buchdeckeln: ein rauschendes Fest, eine Insel unter Quarantäne und schonungslose Details über eitrige Rachen und eine Leiche, die mitten in der Nacht mit einem morschen Ruderboot auf eine Friedhofsinsel verfrachtet wird. Nein, etwas für Zartbesaitete ist dieser Roman nicht.

Bootsfahrt für die Recherche

Dafür ist das Buch etwas für alle, die in die bunte Karnevalswelt Venedigs eintauchen möchten. Da seine Frau einer alteingesesse- nen venezianischen Familie entstammt, zieht es Nolmans seit jeher immer wieder in die Lagunenstadt. Vieles ist ihm vertraut wie eine zweite Heimat: die Piazza San Marco, die altehrwürdigen venezianischen Häuser, das 300-jährige «Caffè Florian» mit seiner berühmten heissen Schokolade, welche zur Karnevalszeit gern getrunken wird. Und natürlich die Namen und Abzweigungen der unzähligen Kanäle. Einmal liess er sich für die Recherche mit einem Taxiboot einen Nachmittag lang durch die Wasserwege der Lagunenlandschaft kurven, erzählt Nolmans – um sich die Details genauer einzuprägen.

Der «Super-Infekt»

Auch medizinische Fakten hat der Rapperswiler Autor und Wirtschaftsjournalist – er ist stellvertretender Chefredaktor der Zeitschrift «Bilanz» – für seinen neuen Roman recherchiert. Befreundete Ärzte hätten ihn dabei unterstützt. Der eitrige Rachen, den im Buch ein Mediziner beim ersten Epidemiekranken feststellt, ist das mit der Lungenkrankheit kompatibel, die er beschreibt? Und ist sie dann viraler oder bakterieller Natur? Die Lösung ist eine sogenannte Superinfektion – «also die Kombination von beidem», erklärt Nolmans.

Und dann ist da inmitten wachsender Verzweiflung noch die Geschichte einer jungen, zarten Liebe. Ein Fotograf verguckt sich in eine Frau, die wie er Todesangst vor der ansteckenden Lungenkrankheit hat. Ein Kennenlernen im Ausnahmezustand, der drohende Tod allgegenwärtig. Dass die weibliche Hauptfigur holländische Wurzeln hat, erstaunt kaum: Nolmans ist gebürtiger Niederländer.

Für seinen ersten Roman hatte sich der dreifache Vater zum Schreiben eine Auszeit genommen. Diesmal schrieb er vor allem in den Ferien oder an verlängerten Wochenenden. Das Niederschreiben der Geschichte empfand er nicht als anstrengend – im Gegenteil: «Für mich ist das ein bisschen, als wäre ich für eine Reportage unterwegs», erklärt er. Er stelle sich die Gassen Venedigs vor, das lebendige Treiben des Karnevals, und schon sei er gedanklich in eine andere Welt eingetaucht. «Es ist wie ein Film, den ich vor mir sehe.» Obschon er zu Hause am Laptop sitze, ein leeres Dokument vor sich. Von Rapperswil nach Venedig, innert Sekunden sozusagen.

Wohin die Reise beim nächsten Roman geht? Nolmans weiss es noch nicht. Aber so alle paar Jahre ein Buch zu veröffentlichen, das könne er sich durchaus vorstellen, sagt er beim Abschied. Sein Kopfkino jedenfalls wäre bereit.

 

BUCHTIPP Erik Nolmans: «Die vierzig Tage der Lagune». Münster-Verlag. 270 Seiten. 26 Franken.

Lesung in Rapperswil
Am Freitag, 25. Oktober, liest Erik Nolmans in Rapperswil aus seinem neuen Roman «Die vierzig Tage der Lagune». Der Autor präsentiert die Auszüge aus seinem Werk gemeinsam mit seiner 23-jährigen Tochter Ailin, die kürzlich ihre Ausbildung zur Schauspielerin abgeschlossen hat. Die Lesung findet um 19.30 Uhr im Bücher Spatz in der Rapperswiler Altstadt (Marktgasse 8) statt. Am Montag, 28. Oktober, lädt der Autor zur offiziellen Buchvernissage in den Saal des Cabaret Voltaire in Zürich. Die Moderation macht SRF-Kulturredaktorin Annette König. (ran)

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