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Theoretischer Überbau trifft Praxis

Noch bis zum 29. dieses Monats lässt sich die Freiluftschau auf dem Churer Rosenhügel besuchen. Am Sonntag ist sie zum Begegnungsort geworden – zwischen Roman Signer und Peter Conradin Zumthor.

Carsten
Michels
Dienstag, 10. September 2019, 04:30 Uhr Freiluftschau
Peter Conradin Zumthor, Misia Bernasconi und Roman Signer (von links) gehen künstlerischen Motivationen auf den Grund.
OLIVIA AEBLI-ITEM

Ob leuchtende Flüssigkeit oder der Hupton eines Trucks – es geht um die Freude am Experiment.

Kunst im öffentlichen Raum hat ein unschlagbares Argument für sich: Der Betrachter kann ihr völlig unbefangen gegenübertreten, jenseits von Galerie- und Museums-gepflogenheiten. Ein Hindernis ist und bleibt das Wetter. Den Kunstwerken mag Nässe nichts ausmachen, den Menschen aber schon. So mussten am Sonntag beim Art-Public-Projekt auf dem Churer Rosenhügel gleich zwei angekündigte Veranstaltungen wegen Regen abgesagt werden: das Konzert der Kapelle Grünberg und die Aufführung der Churer Tanzschule Tanzerina. Insbesondere für die Tänzerinnen und Tänzer wäre es zu rutschig gewesen auf dem Holzpodest unter der Linde.

Trocken hingegen und überraschend gemütlich war es im Pavillon zuoberst auf dem Rosenhügel, wo der historische Gabentempel vom Schützenfest des Jahres 1842 nun eine dauerhafte Heimstatt gefunden hat, mit weitem Blick über die Stadt. Hierher hatte der Verein Art-Public Chur am Nachmittag geladen, zu einem Gespräch zwischen den Künstlern Roman Signer und Peter Conradin Zumthor. Beide sind – neben anderen Kunstschaffenden – noch bis Ende Monat in der Art-Public-Ausstellung «Begegnungen» mit ihren Werken im Parkgelände vertreten. Signer mit seiner Installation «Grüne Linie», bei der fluoreszierende Flüssigkeit durch einen mäandernden Schlauch hügelaufwärts gepumpt wird; Zumthor mit seiner Installation «Traffic», die den Hupton eines US-Trucks durch ein 600 Meter langes Rohr jagt, einmal um den ganzen Park herum.

Diskurs? Nein, Exkurs!

Die Idee von Kuratorin Misia Bernasconi war es, Signer und Zumthor zur Idee der Linie «als tragendes Element des Ornaments» zu befragen, um auf diese Weise einen kunsttheoretischen Diskurs zwischen den beiden anzuregen. Ein Unterfangen, das grandios scheitern musste. Denn beide Künstler sind Praktiker. An der Frage «Was passiert, wenn …?» entzündet sich seit jeher das Schaffen Signers. Der 81-jährige Appenzeller ist einem internationalen Publikum vor allem durch seine explosiven Kunstaktionen bekannt. Er selber spricht lieber von «Ereignissen». Deren zeitliche Dimension macht es der Kunstkritik mitunter schwer, sein Œuvre einzuordnen. Skulpturales wird transformiert, in kühner Umdeutung, aber nicht immer muss es bei Signer «Bumm!» machen.

Die Freude am Experiment treibt auch Zumthor um. Der 40-jährige Musiker hat sich die Fähigkeit bewahrt, kindliche Fragen zu stellen – und als Künstler Antworten zu finden, die ihn selber verblüffen, wie er im Pavillongespräch freimütig zugab. Im Transformatorischen begegnen sich Zumthor und Signer. Wobei dem Musiker naturgemäss Schall näher ist als Rauch. Gemeinsam mit seiner Künstlerpartnerin, der Pianistin Vera Kappeler, hatte Zumthor erst vor wenigen Tagen ein Klavier auf dem Rosenhügel «ertränkt». Kappeler spielte auf einem – ohnehin dem Untergang geweihten – Instrument, das in einer Mulde stand. Während die Mulde mit Wasser volllief, mutierten die Töne des Klaviers nach und nach bis zum kläglichen Verstummen.

Heisser als die Polizei erlaubt

Mit Vergnügen liess Kuratorin Bernasconi dem Gespräch schliesslich seinen Lauf. Noch vergnügter waren die Zuhörer – dankbar für Zumthors entwaffnend ehrliche Auskünfte in Sachen Ideenfindung und hingerissen von Signer als Anekdotenerzähler. 1989 liess der Künstler eine 20 Kilometer lange, durch St. Gallen und beide Appenzell verlegte Zündschnur während 35 Tagen kontrolliert abbrennen. An der Kantonsgrenze zu Innerrhoden, erzählte Signer, habe plötzlich ein Polizist gestanden und die langsam dahinknisternde Zündschnur energisch zum Halten aufgefordert. Ohne Erfolg. Kunst überwindet Grenzen, stets und ständig. Sonst wäre sie keine.

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