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Die alte Hütte bebt

Das erste Festival da Jazz «ohne» Christian Jott Jenny ist über die Bühne. Zeit für eine Bilanz.

Ruth
Spitzenpfeil
Samstag, 03. August 2019, 14:43 Uhr Festival da Jazz
Einfach cool: James Gruntz überzeugt in der legendären Enge des Dracula Club hinter seinem Schlagzeug.
FOTOSWISS / CATTANEO

Von einem magischen Moment zu sprechen, wäre etwas übertrieben. Doch die hübsche Anekdote zeigt, was das angeblich ach so glamouröse Festival da Jazz in St. Moritz eben auch ist: ein heimeliges Stelldichein alter Bekannter. Es trug sich zu beim Konzert Michael von der Heides am Mittwochabend. Der Amdener, anfangs etwas arg bemüht, fand im Laufe des Abends zu seiner Form.

Legende singt mit

Als von der Heide das unsterbliche «Blue Bayou» der von ihm schon länger öffentlich angehimmelten Paola anstimmte, erhob sich plötzlich besagte Schweizer Legende aus dem Publikum. Schon seit Jahren in würdigem Sangesruhestand stimmte die scheinbar alterslose 68-Jährige hier nun spontan in den Refrain ein. Das war ziemlich sicher nicht geplant. Das bewiesen schon die kleinen Wackler in der Stimme – nicht bei ihr, sondern eher bei ihrem Fan.

Seit den zwölf Jahren seines Bestehens ist es immer genau diese Intimität gewesen, die Ungeplantes und Überraschendes zulässt, womit sich das St. Moritzer Festival von anderen Events in seiner Sparte abhebt. Man will zwar auch die grossen Nummern internationalen Kalibers präsentieren, doch die Stars sollen ganz nah und ungefiltert dem Publikum gegenübertreten. Der Vergleich mit einem Montreux Jazz Festival verbietet sich bei den krass unterschiedlichen Grössenverhältnissen der beiden Anlässe ohnehin.

Sich auf das kleine Format einzustellen, gelingt den Künstlern ganz unterschiedlich gut. Dass sich ein James Gruntz in der drangvollen Enge des Dracula Clubs wohlfühlt, liegt auf der Hand. Er lieferte am Donnerstagabend hinter dem Schlagzeug singend ein hinreissendes Kammerkonzert ab. So cool und gleichzeitig offenherzig kann nur jemand sein, der noch keine Marke pflegen muss.

Interessant war aber auch, wie sich das elektronische Fusion Power Play der Gruppe Ozmosys vergangenen Samstag in der alten Hütte bewährte. Die Ad-hoc-Formation liess den vor 45 Jahren von Gunter Sachs ursprünglich für die Bob- und Crestafahrer gestifteten Bau in den Grundfesten erbeben. Die Keyboarderin Rachel Z, die schon mit Grössen wie Wayne Shorter und Peter Gabriel konzertierte, gestand, dass es für sie auf der Welt schlichtweg keinen besseren Club gäbe.

Begeisterungsstürme im Gebälk hat auch Omara Portuondo ausgelöst. Die einst mit «Buena Vista Social Club» zur Ikone gewordene 89-Jährige bot in der zweiten Festivalwoche eine Demonstration kubanischer Musikalität vom Feinsten. Einen weiteren prominenten Vertreter des Latin Jazz lagerte man allerdings ins grössere Kongresszentrum Rondo nach Pontresina aus. Auf Gilberto Gil hatte sich die grosse brasilianische Exilgemeinde im Engadin gefreut. Leider trübte offenbar ein schlechtes Abmischen des Tons das Vergnügen beträchtlich, wie uns berichtet wurde.

Jenny und sein Nachfolger

Nun gilt es aber noch, die brennende Frage zu klären, wie ein Festival da Jazz überhaupt funktioniert, wenn der Gründer wegen seines Amts als Gemeindepräsident offiziell im Ausstand ist. Christian Jott Jenny war natürlich trotzdem omnipräsent, auch wenn er die Begrüssung oft dem künstlerischen Leiter überliess, den er als seinen Nachfolger vorstellte. Der junge Yunus Durrer machte seine Sache erstaunlich souverän. Wenn es darauf ankam, war Jenny zur Stelle. «Ohne Sponsoren und Gönner müssten Sie für Ihren Platz hier mehr als 1000 Franken zahlen», liess er das Publikum vor dem Gruntz-Konzert wissen. Es wurde klar, dass er das, was fürs Überleben des Festivals unerlässlich ist, nach wie vor fest im Griff hat.

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