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Die Stifterin

Ihr Museum hat Susch zum neuen Mekka der zeitgenössischen Kunst gemacht. Im Interview erzählt Grazyna Kulczyk, was ihr das Engadin bedeutet und worauf sie noch wartet.

Südostschweiz
Samstag, 29. Juni 2019, 17:45 Uhr Zmorga mit ...
Gastfreundschaft: Obwohl die 68-jährige Museumsgründerin Grazyna Kulczyk Geschäftsessen nicht mag, ist der Zmorga-Tisch in Susch reich gedeckt.
OLIVIA ITEM

Was drei Jahre lang nur die Engadiner auf der Fahrt durchs enge Tal mit Staunen registrierten, wurde zum Jahresanfang schliesslich zur Sensation in der grossen Kunstwelt. Da hat eine zierliche blonde Frau mit schwer auszusprechendem Namen einen urtümlichen Gebäudekomplex in Susch aufgekauft. Sie baute und sprengte da hinein ein Museum für zeitgenössische Kunst. Zur Eröffnung trat sich die Prominenz auf die Füsse, die internationale Presse erging sich in Lobeshymnen. Als wir Grazyna Kulczyk fünf Monate später in der gemütlichen Stube des Museumsbistros treffen, ist der Besucherstrom immer noch rege. Der aus Russland stammende Koch hat den Tisch üppig gedeckt mit Köstlichkeiten von Schinken bis Schoggikuchen.

 

Frau Kulczyk, Sie rühren ja gar nichts an.

GRAZYNA KULCZYK: Wissen Sie, ich habe es mir mein ganzes Leben lang zum Prinzip gemacht, Essen und Geschäftliches zu trennen. Ich finde, das ist so etwas typisch Männliches und geschieht oft mit Hintergedanken. Natürlich frühstücke ich – zu Hause. Aber jetzt ist es mir wichtig, mich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Wem sie ein Interview gewährt, wählt Kulczyk sorgfältig aus. Oberflächliche Statements sind nicht ihre Sache. Weil sie sich im Englischen nicht ganz sicher fühlt, übersetzt ein Vertrauter hin und wieder Passagen für uns vom Polnischen ins Englische. Jedes Wort wägt sie ab.

Ende Juni geht die erste Wechselausstellung in Ihrem Museum zu Ende. Seit dem 2. Januar hielten Sie die Türen durchgängig offen. Eine mutige Entscheidung.

Mein Vorsatz war von Anfang an, die Institution als Ganzjahresbetrieb zu führen. Wir schliessen nur in den Tagen, in denen eine Ausstellung ab- und die nächste aufgebaut wird. Aber selbst dann läuft das Bistro weiter. Mai ist auch hier so ein schöner Monat. Ich kann nicht verstehen, warum alle Hotels, Restaurants und Geschäfte geschlossen haben. Neulich war ich in St. Moritz. Ich sah dort viele Touristen aus Asien und die konnten nicht einmal einen Platz finden, wo sie Kaffee oder Mittagessen bekämen. Das darf doch nicht sein. Ich weiss, es ist üblich im Engadin, zwischen Winter und Sommer zu schliessen. Aber ein ganzes Tal kann doch nicht einfach den Betrieb herunterfahren und in Ferien gehen. Ich will mit dieser Tradition brechen.

Waren Sie erfolgreich? Gab es Besucher in der «Zwischensaison»?

Natürlich war es ruhiger. Aber wir hatten immer noch täglich 50 bis 60 Leute hier. Können Sie sich das vorstellen? Das ist sehr viel.

Wie kamen Sie eigentlich ins Engadin?

St. Moritz als Welthauptstadt des Wintertourismus hat mich früher natürlich gelockt. Ich fahre ja auch Ski. Vor gut zehn Jahren hatte ich beruflich eine sehr intensive und schwierige Zeit in Polen. Und da bat ich jemanden, einen wirklich ruhigen Platz für mich zu finden, wo ich für einige Wochen im Jahr von allem Abstand gewinnen und nah an der Natur sein könnte. So kam ich ins Unterengadin.

Kommen wir auf Ihre ursprüngliche Heimat zu sprechen. Wie viel Polen ist hier im Museum?

Wie sagte der berühmte Filmregisseur Andrzej Wajda bei seiner Oscar-Verleihung: «Ich bin polnisch, fühle polnisch; das kann man nicht auslöschen.» So ist das auch bei mir. Aber gleichzeitig bin ich eine Frau, die in der Welt zuhause ist.

«Ich habe es mir mein Leben lang zum Prinzip gemacht, Essen und Geschäftliches zu trennen.»

Kulczyk, Jahrgang 1950, begann nach einem Jurastudium zusammen mit ihren Ehemann Jan Kulczyk schon in den Siebzigerjahren unternehmerisch tätig zu werden. Das Paar, welches sich 2005 scheiden liess, handelte mit allen möglichen Gütern des täglichen Bedarfs von Kosmetik bis zu Holzprodukten, später auch mit Autos. Grazyna Kulczyk konnte insbesondere mit Beteiligungen an internationalen Konzernen ein eigenes Vermögen aufbauen. 1998 begann sie, in ihrer Heimatstadt einen alten Brauereikomplex in ein kulturelles Zentrum mit Läden und Gastronomie umzuwandeln. Es wurde ihr bisher erfolgreichstes Projekt, das sie vor vier Jahren für 290 Millionen Euro an einen deutschen Investor verkaufte.

 

Wie hat Sie ihre Jugend unter dem kommunistischen Regime geprägt?

1968 gingen auch in Polen die Studenten auf die Strasse. Ich kam gerade an die Universität und in Kontakt mit Führern dieser Bewegung. Die Proteste wurden niedergeschlagen. Aber damals verstand ich, dass die Kunst eine wichtige Rolle spielt beim Kampf um Freiheit. Die Kunst reagiert immer zuerst, wenn sich Umwälzungen in der Gesellschaft anbahnen.

Nicht wenige Besucher des Museums irritiert, dass alles nur in Englisch angeschrieben ist.

Am Anfang war klar, dass wir vorerst nur eine Sprache haben konnten, und da entschieden wir uns für Englisch, weil es einfach international ist. Es wäre jetzt eine gute Gelegenheit für die Bündner Regierung oder für regionale Amtsstellen, auch einmal etwas zu diesem Projekt beizutragen. Wir würden sehr gerne das Informationsmaterial auch in Deutsch und Romanisch zur Verfügung stellen. Ich warte jedoch auf Unterstützung – sei es von der kantonalen Kulturförderung oder von der Gemeinde. Alles kann ich nicht selbst machen. Es ist ein Problem, das ich auch andernorts beobachte: öffentliche Institutionen tun sich schwer, mit privaten Stiftungen zusammenzuarbeiten. Aber das hier ist ja nicht allein mein Privatvergnügen; ich mache das alles für die Öffentlichkeit. Susch entwickelt sich durch meine Initiative. Ich finde, in dieser kleinen Sache könnte die Bündner Regierung jetzt einmal auf mich zukommen. Ich bin geduldig und warte.

Waren Sie denn bisher nicht in engem Kontakt mit den Behörden?

Nein, eigentlich nicht. Ich suche generell nicht so die Nähe zur Politik. Um die nötigen Bewilligungen kümmerten sich meine Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy. Von mir aus war der Kontakt mit Amtsträgern bisher nur sehr flüchtig. Natürlich habe ich den Bündner Kulturminister zum grossen Eröffnungsfest für die Prominenz eingeladen; das ist nur höflich. Aber wirklich ausgetauscht haben wir uns bisher nicht.

Von dem Eröffnungsfest sprach die ganze Schweiz. Wie ist es danach weitergegangen?

Es war wirklich überraschend für mich. Ich hätte nie erwartet, dass dieses Museum in so kurzer Zeit ein so grosser Erfolg wird. Nicht nur wurde über uns in allen Medien berichtet, auch der Besucherandrang war von Anfang an riesig. Wir sind ja hier nicht in einer grossen Stadt, sondern in einer abgelegenen ländlichen Region. Im ersten halben Jahr hatten wir bereits mehr als 11000 Besucher. Und alle scheinen begeistert zu sein und gratulieren mir. Das ist schön.

Während unseres Gesprächs hat sich das Bistro gefüllt. Zwei Frauen vom Nebentisch wollen sich vor ihrem Aufbruch unbedingt noch bei Kulczyk persönlich bedanken. Sie seien aus Basel gekommen und ganz beeindruckt vom Gesehenen, erklären sie.

«Ich finde, in dieser kleinen Sache könnte die Bündner Regierung jetzt einmal auf mich zukommen. Ich bin geduldig und warte. »

Sie selbst besitzen sehr viele Kunst. Das Art News Magazine führt Sie unter den Top 200 Kunstsammlern der Welt. Haben Sie dieses Museum gebaut, weil sie nicht mehr wussten, wohin mit all den Werken?

Meine Idee hinter diesem Museum war es nie, meine Sammlung auszustellen. Nein, ich wollte einen Ort schaffen, wo der Diskurs über Kunst gepflegt wird. Das ist mir wichtig. Da können meine Werke nur ein Teil davon sein. Meine Sammlung ist auch inzwischen so gross, dass man gar nicht alles auf einmal zeigen könnte.

Erinnern Sie sich noch an das allererste Kunstwerk, das Sie gekauft haben?

Nicht an das erste Kunstwerk; das ist zu lange her. Aber ich erinnere mich noch genau, als ich Anfang der Neunzigerjahre das erste Mal bei Sotheby's etwas ersteigerte. Ich nahm über Telefon an der Auktion in London teil. Ich war so aufgeregt und dachte nur: Oh mein Gott, ich bin jetzt in der grossen Welt. Der Name des Künstlers war Antoni Tàpies.

War es also ihr Hobby als Geschäftsfrau, Kunst zu sammeln?

Es war mehr als ein Hobby. So habe ich zum Beispiel die zwei grossen Showrooms der Autohäuser, die ich in Posen und Warschau gebaut habe, immer auch mit Kunst ausgestattet. Ich wollte immer meine Umgebung mit Kunst in Kontakt bringen.

Ihre erfolgreichste Unternehmung war die Stary Browar. Auch dort ging es um Kunst, aber in einem sehr kommerziellen Umfeld.

In Posen verband ich Business mit Kunst. Mit diesem Begegnungsort veränderte ich das Zentrum meiner Heimatstadt. Es ist ein Shopping Center, aber in einer spektakulären Architektur. Überall ist Kunst und es finden alle möglichen Events statt. Dort habe ich Geld verdient. Aber hier in Susch gebe ich nur Geld aus. Meine Stiftung ist so ausgestattet, dass der Betrieb noch für viele Jahre gesichert ist. Aber ich warte durchaus auf Unterstützung von anderer Seite, auch von der öffentlichen Hand. Ich fände das normal.

Der Bau hier in den alten Gemäuern, zum Teil tief im Fels war eine grosse Herausforderung?

Es war eine wahnsinnig aufregende Zeit. Ich liebe den Prozess des Bauens. Was ich aber nicht mag, sind dieses einfallslosen Gebäude ohne Geist, die so oft einfach hingestellt werden. Das, was ich baue, soll selbst ein Kunstwerk sein. Natürlich ist es eine spezielle Aufgabe, hierin eine Ausstellung zu kuratieren.

Die jetzt zu Ende gehende Ausstellung «A woman looking at Men looking at Women» war durchaus provozierend.

Das sollte sie auch sein. Kunst darf nicht einfach nett sein. Eine Besucherin aus Polen fragte mich, warum ich nicht nur hübsche Kunst zeige. Nach einer langen Diskussion stimmte sie mir zu, dass Kunst eine wichtigere Rolle hat, als nur zu gefallen. Frauen sind einen langen Weg gegangen, um vom Objekt der Kunst zum Subjekt zu werden. Die weibliche Nacktheit wurde besetzt von der männlichen Sexualität. Ich zeigte in dieser Ausstellung sehr explizit die weiblichen Fortpflanzungsorgane. Im Gegensatz zu den Männern, die immer stolz sind auf ihre privaten Teile, haben Frauen immer noch ein Scham behaftetes Verhältnis zu ihnen. Warum? Genau mit solchen Fragen muss sich Kunst beschäftigen.

Auch die nächste Ausstellung, die am 27. Juli startet, wird wieder eine Frau in den Mittelpunkt stellen, Emma Kunz. Wie kamen sie auf diese Schweizer Künstlerin?

Das war ein Vorschlag von Hans-Ulrich Obrist, des Schweizer Direktors der Londoner Serpentine Galleries, der auch die Engadin Art Talks initiiert hat.

Dann gibt es also Verbindungen zur heimischen Kunstszene?

Auf jeden Fall. Sehr wichtig ist da für mich zum Beispiel Not Vital, der mich vielfältig unterstützt. Es sind aber auch Kooperationen mit dem Lyceum Alpinum in Zuoz und dem Hochalpinen Institut Ftan in Gespräch. Ausserdem bin ich in Kontakt mit dem Stiftungsrat des Kirchner Museums in Davos bezüglich einer Partnerschaft sowie mit dem Museum Kunst Meran.

Dann sind Sie also ganz angekommen im Engadin?

Ich verbringe wirklich viel Zeit im Tal. Im Unterengadin ist mein Hauptwohnsitz. Ich mag die Leute sehr gern, fühle mich wohl. Ich besitze zwar noch ein Haus in Polen, aber das wird noch lange auf mich warten müssen. Mein Zuhause ist jetzt hier.

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