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Der Gralshüter von Hohen Rätien

Ruedi Jecklin hat die Generationen nicht gezählt, seit denen das spektakulär gelegene Anwesen am Eingang zur Viamala seiner Familie gehört. Lange war es nicht mehr als ein Maiensäss. Warum es heute wieder aufgebaut ist, hat auch etwas mit Flower Power zu tun.

Ruth
Spitzenpfeil
Mittwoch, 26. Juni 2019, 04:30 Uhr Wieder aufgebaut

Nach dieser Fahrt hinter dem Bahnhof Sils i. D. steil hinauf – links die überhängende Felsen, rechts der Abgrund – können wir durchaus nachvollziehen, wie die Reisenden vor 600 Jahren gezittert haben. Und dabei befinden wir uns erst am Eingang der schrecklichen Viamala. Lange Zeit war das der bedeutendste Alpenübergang überhaupt gewesen, bevor der Gotthard immer mehr die Route über den Splügen ablöste. Und bis 1473 führte der Weg in die gefürchtete Schlucht genau hier durch und nicht wie heute von Thusis her auf der anderen Talseite. Das ist einer der Aha-Effekte, die uns der Besitzer von Hohen Rätien auf seinem launigen Gang durch die Geschichte verschafft. Denn nachdem man zu ihm hinaufgekraxelt oder mit Fahrbewilligung von der Gemeinde zumindest bis zum Parkplatz in einiger Entfernung gekommen ist, fragt man sich schon: Warum um Gottes Willen tat sich das jemand an, hier eine stattliche Kirche und sonst so einiges hinzubauen.

Abschied von Ritter Cuno

Ruedi Jecklin lässt uns in dem Teil der Anlage Platz nehmen, der mit einem Schild als «privat» gekennzeichnet ist. Doch mit dem starken Kaffee serviert er gleich einen Dämpfer für jedwede Ritterromantik. «Was in all den Burgenbüchern steht, ist völlig haltlos», sagt er amüsiert. Er deutet auf einen mächtigen Turm, der im vorderen Teil steht und alle anderen Gebäude überragt. Dahinter geht es 250 Meter senkrecht hinab zum tosenden Hinterrhein. «Das soll ein Burgfried sein? Papperlapapp.» Jedes Bauernhaus im Domleschg habe dickere Mauern. Auch wenn der gerade wieder zum Filmhelden gemachte Cuno von Hohen Rätien, der angeblich letzte Ritter, sich hier auf seinem Ross bestimmt effektvoll in die Tiefe hätte stürzen können – es hat ihn sicher nie gegeben. Die Anlage wurde nicht mit militärischen Absichten gebaut.

Aber was ist das dann für ein Ort, an dem man Siedlungsspuren bis zurück in die Bronzezeit findet, von den Römern sowieso? «Ich habe da so einige Vermutungen», sagt Jecklin. Schriftliche Quellen über den Ort gebe es allerdings vor 1300 praktisch keine, bedauert er. Entsprechend mager ist die Faktenlage. «Ich habe schon jeden Historiker des Kantons hier oben gehabt, aber alle tappen im Dunkeln.»

Nun, ganz im Mythischen entschwinden lassen muss man Hohen Rätien nicht. Eines ist nämlich ganz sicher: die überragende Bedeutung der Kirche. Sie ist so etwas wie die Mutter aller Gotteshäuser der Region und wurde, wie meistens in der Frühzeit des Christentums, auf einem römischen Bauwerk errichtet. Warum hier? Das hat ganz direkt mit dem Weg durch die Viamala zu tun. Hohen Rätien war ein wichtiger Warenumschlagplatz. Wer seine wertvollen Güter über die Alpen schaffte, musste hier auf schwindelfreie Saumtiere umladen, brauchte sichere Unterkunft und den Schutz der höheren Mächte. Hier betete man, bevor man sich in die schreckliche Schlucht wagte, oder dankte, wenn man es überlebt hatte. Die Kirche St. Johann & Viktor birgt in ihrer unmittelbaren Umgebung aber noch ganz andere Geheimnisse. Die dort gemachten Funde elektrisieren Jecklin bis heute.

Erdbeben und anderes Malheur

Zuerst wollen wir aber erfahren, wie denn die Familie unseres Gastgebers in den Besitz dieses Platzes gekommen ist. Die Jecklins können da locker mit den ältesten Adelsgeschlechtern Graubündens mithalten. Seit 1472 oder 1473 gehört ihnen Hohen Rätien ununterbrochen. Wie viele Generationen seiner Vorfahren das sind, hat Jecklin nie gezählt. «Aber ich bin vielleicht der Erste, der etwas davon hat», sagt er schmunzelnd. Es sei zwar vor allem viel Arbeit, aber das zentrale Gebäude vor dem wir sitzen, den sogenannten Pfaffenturm, hat er mit treuen Helfern und weitgehend von Hand wieder bewohnbar gemacht. Dort, wo im 13. Jahrhundert der Kirchenvogt residierte, der für den Churer Bischof die Zölle und den Obolus für heilige Messen kassierte, ist seit bald 40 Jahren Jecklins privates Reich. Er lebt hier natürlich nicht ständig, aber doch oft. «Selbst meine Tochter, die nach Australien ausgewandert ist, sagt immer, dass die Heimat für sie Hohen Rätien sei», erzählt er.

Als Jecklin selbst ein Kind war, kam er allerdings nur wie ein Tourist. In Chur nahm die Familie den Zug und von Thusis aus wanderte man mit dem Tagesrucksack hinauf zur Ruine. Sein Vater wurde erst in relativ hohem Alter Besitzer von Hohen Rätien, da es wegen des mittelalterlichen Erbrechts, welches in diesem Fall immer noch gilt, von einem Onkel, der nur Töchter hatte, an ihn überging. Es war damals tatsächlich nicht mehr als ein Hügel mit erstaunlich vielen Mauerresten, die ihre Bedeutung nur schwer erahnen liessen. Selbst die Kirche war ohne Dach, der Hoch Rialt erhob sich als Ruine noch in ganzer Grösse, aber andere Gebäude waren bis auf Brusthöhe eingestürzt. Der Südturm stand da wie ein abgebrochener Zahn. Wie konnte es so weit kommen? Der Niedergang hatte schon eingesetzt, als die Jecklins aus Rodels den Besitz dem Grafen von Werdenberg-Sargans abkauften, der finanziell ruiniert war. Die bischöfliche Macht hatte sich nach Fürstenau verlagert. Das Erdbeben von 1295 dürfte schwere Zerstörungen angerichtet haben. Den Rest besorgte die schon erwähnte Verlagerung des Verkehrsstroms auf die andere Talseite. Die «stolze Burg» war über Jahrhunderte nicht mehr als ein Maiensäss.

Für alle offen

Dann kam das Jahr 1968. Doch der neue Herr von Hohen Rätien ging erst einmal nach San Francisco. Tatsächlich, seine Erfahrungen als Austauschstudent im «Summer of Love» und der Flower-Power-Bewegung hätten viel damit zu tun, was nachher auf dem Bergplateau geschah. «Die hemdsärmelige Art der Amerikaner, dass man einfach mal etwas anpackt, das hat mich stark beeinflusst», erklärt Jecklin. Und so hat er bald darauf begonnen, mit seinen Pfadfinderfreunden anzupacken. Die Burgenbewegung im Domleschg kam gerade in Gang, wurde ihm aber bald zu dogmatisch. Er gründete 1973 seinen eigenen Verein, dessen Mitglieder fast alle noch heute mit von der Partie sind. Jecklin wurde Sekundarlehrer, nicht zuletzt deshalb, weil ihm das viel Freizeit für seine Lebensaufgabe liess.

Hohen Rätien stand in jahrzehntelanger Freiwilligenarbeit wieder aus den Ruinen auf. Es kehrte neues Leben ein. Der Erbe, welcher auch viel zusammen mit seinem Bruder, dem Schauspieler Peter Jecklin, bewerkstelligte, beanspruchte den Ort aber nie für sich allein. Von Anfang an hielt er ihn für Besucher offen. Heute gibt es ausführliche Informationstafeln – demnächst gar eine App – , man darf den Rast- und Grillplatz nutzen, und der wieder aufgerichtete Hoch Rialt sowie die Kirche können für Anlässe gemietet werden.

Dies, sowie ein kleines Eintrittsgeld, das in eine Kasse am Eingang geworfen wird, machen natürlich noch kein Geschäftsmodell. Das scheint beim 69-jährigen Jecklin die Freude an seinem aussergewöhnlichen Besitz bis heute nicht zu schmälern. Ob sein ältester Sohn, der heute als Forscher in der Basler Chemie arbeitet, einmal die gleiche Begeisterung aufbringt, steht noch in den Sternen. Nach dem Recht des Fideikommiss stünde allein ihm das Erbe zu.

Zum Schluss müssen wir noch das Allerheiligste der ganzen Anlage anschauen. Das vor über 20 Jahren ausgegrabene Baptisterium aus der Römerzeit, für dessen Erhalt Jecklin so manchen Kampf ausfechten musste, ist seit einem Jahr vollständig gesichert und würdig präsentiert. Vieles weist auf einen noch viel älteren Kultplatz hin. «Man spürt hier die unglaubliche Kraft, die der Ort schon seit vorchristlicher Zeit ausstrahlt», so Jecklin. Und genau deshalb will er sich nicht Burgherr nennen, sondern hat sich augenzwinkernd den Titel «Gralshüter» zugelegt.

Die weiteren Schlösser mit allen Bildern hier im Dossier.

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