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Marthaler ohne Sauerstoffgerät

Das Hotel «Waldhaus» in Sils i. E. feiert einen «kantigen» Geburtstag. Zum 111-Jahr-Jubiläum gibt es ein originell-geistreiches Kulturfestival.

Ruth
Spitzenpfeil
Donnerstag, 06. Juni 2019, 04:30 Uhr 111-Jahr-Jubiläum
Das «Waldhaus» oberhalb von Sils i. E. wenige Jahre nach dem Bau.
PRESSEBILD

Einladungen zum 111-Jahr-Jubiläum flattern in letzter Zeit immer einmal wieder auf den Redaktionstisch. Doch wenn sich das Hotel «Waldhaus» in Sils i. E. entschliesst, einen nicht runden Geburtstag zu feiern, dann schaut man schon etwas genauer hin.

Das gastliche Haus, welches wie eine etwas breit gedrückte Kopie von Schloss Neuschwanstein über Sils und seinem See thront, ist ja bekannt dafür, das «etwas andere» der Oberengadiner Fünfsternhotels zu sein. Da ist zum einen die ungebrochene Familientradition. Inzwischen ist die fünfte Generation am Ruder, und so wie Josef und Amalie Giger erstmals 1908 begrüssen heute die Brüder Patrick und Claudio Dietrich immer noch jeden Gast persönlich.

Rührend zugetan

Und genau diese Gäste sind die andere grosse Besonderheit. Vermutlich weil die Besitzer selbst immer sehr kultivierte, geistreiche – und auch ein bisschen verschrobene – Persönlichkeiten waren, lockte man über die Jahrzehnte ein Sammelsurium an Besuchern an, das sich wie ein «Who is Who» des Kulturlebens der jeweiligen Zeit liest. Die lange Liste reicht von Hermann Hesse bis Juliette Binoche, von Albert Einstein bis David Bowie, von Gerhard Richter bis Donna Leon. Die meisten von ihnen waren oder sind dem Haus auf nahezu rührende Weise zugetan.

Neben der heimeligen Atmosphäre liegt das nicht zuletzt daran, dass man immer auch ein Kulturprogramm auf Augenhöhe bot. Nicht selten wirkten die illustren Gäste daran mit oder schrieben – wie vor einigen Jahren – begeistert für ein eigenes «Waldhaus»-Lesebuch. Eine Buchpublikation wird es auch zum Jubiläum geben: die Neuauflage der Hotelgeschichte.

Überraschung mit Beethoven

Vor allem schenkt man sich zum Geburtstag ein veritables Festival. Fast einen Monat lang gibt es Veranstaltungen, die eine gute Mischung aus Graubünden und der grossen weiten Welt sind. Den Auftakt machen morgen Freitag, 7. Juni, gleich die einheimischen Meistersänger von Incantanti unter Christian Klucker.

Am Pfingstwochenende folgt ein Anlass, wie ihn wohl nur das «Waldhaus» zustande bringt. Theatermann Christoph Marthaler zieht nämlich mit seiner Truppe ein und gibt ein eigens erdachtes Stück zum Besten, zu dem es im Programmheft heisst, man wisse selbst nicht, was die Zuschauer erwarte. Inzwischen ist durchgesickert, dass es etwas mit Beethovens Opus 111 zu tun hat, die verwendeten Themen fast ausschliesslich oberengadinischen Charakters seien und «trotz hoher Lage gänzlich ohne Sauerstoffgerät bewältigt werden».

Das gilt vermutlich auch für die Engadiner Version der «Drei Schwestern» Tschechows, gespielt vom Jungen Theater Graubünden. Alle Stücke, Konzerte, Lesungen und Buchvernissagen finden in der zum Theater umgebauten Tennishalle des Hotels statt. Bis zum Schlussakkord mit dem aus der Besitzerfamilie stammenden Jürg Kienberger und der «Legende des Ozeanpianisten» machen die Ankündigungen so neugierig, dass man wie die Gäste vor 111 Jahren am liebsten gleich für einen Monat einchecken möchte.

«111 Jahre Waldhaus». Freitag, 7. Juni, bis Sonntag, 30. Juni. Theaterabend Christoph Marthaler am Samstag, 8. Juni, und Sonntag, 9. Juni, jeweils 21. 15 Uhr. Hotel «Waldhaus Sils». Details zum Jubiläumsprogramm unter waldhaus-sils.ch.

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