×

Was Fotografien über die Geschichte erzählen

Bildergeschichten zum Schweizer, Schwyzer und Glarner Militär- und Schützenwesen im 19. Jahrhundert stellt der Glarner Historiker Ralf Jacober vor.

Südostschweiz
Dienstag, 09. April 2019, 04:30 Uhr BILDERGESCHICHTEN
Erstmals dabei: Die Stadtschützen Glarus nehmen 1915 zum 600-Jahr-Jubiläum der Morgartenschlacht als Gastsektion am Rütlischiessen teil.
BILD AUS DEM BUCH «75/150 JAHRE RÜTLISCHIESSEN»

Von Veronika Feller

Die genaue Betrachtung einer Fotografie kann ihr militärisches, politisches, gesellschaftliches und mentales Umfeld erschliessen. Der Glarner Historiker Ralf Jacober, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Staatsarchivs Schwyz, stellte am 2. April historische Bildquellen zum Schwyzer und Glarner Militär- und Schützenwesen im 19. Jahrhundert vor.

Mit zwei Fotografien der Schwyzer Landsturmtruppe eröffnete Jacober das Referat vor dem Historischen Verein des Kantons Glarus. Für die Aufnahmen wurden repräsentative und geschichtsträchtige Orte gewählt, das Wirtshaus zum «Ochsen» am ehemaligen Sustplatz in Lachen und die Kirche St. Verena in Wollerau. Die Männer stehen in Reih und Glied, tragen einheitliche Uniformen, halten das Mehrladergewehr «Vetterli»; die Offiziere sind durch ihre Stellung im Bild und die Gradabzeichen hervorgehoben.

Militarisierung der Schweiz

Die Einheitlichkeit ist vor dem Hintergrund des eidgenössischen Militärgesetzes von 1874 zu sehen, das Uniformen, Bewaffnung und Ausbildungsinhalte vereinheitlichte. 1886 wurde die Heeresklasse Landsturm geschaffen, die «hinter den Linien» Hilfsdienste zugunsten der Kampftruppen zu leisten hatte. Die Fotos wurden zur Neuausrüstung und -bewaffnung der Landsturmtruppe im Februar 1893 gemacht. Die Szenerie vor der Kirche Wollerau erinnert an den Slogan «Für Gott und Vaterland». Das Aufgebot wurde im «March-Anzeiger», «March Boten» und «Volksblatt des Bezirks Höfe» veröffentlicht und kontrovers diskutiert.

Die Bilder stammen vom Schwyzer Fotopionier und Offizier Josef Bettschart. Die Aufnahmen zeigen eine bewusste Inszenierung von Ordnung, Traditionsbewusstsein, Wehrbereitschaft, Ernsthaftigkeit und Ästhetik. Sichtbar gemacht wird damit laut Jacober die Integration des Kantons Schwyz in den Bundesstaat.

Die Bilder sind beispielhaft für eine Militarisierung der Schweizer Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts. Militär- und bundeskritische Stimmen, die es auch gab, wurden ausgeblendet.

Schiessen als Patriotismus

Eine zweite Serie von Fotos ist dem Rütlischiessen gewidmet. Das Rütli wurde um 1860 neu gestaltet, womit bewusst ein nationaler Erinnerungsort wie «Sempach» und «Morgarten» geschaffen wurde.

Die Fotos zeigen Schützen in der Natur auf dem Rütligelände. Es handelt sich um arrangierte festliche und gesellige Szenen, nur Männer, keine Frauen. Sie vermitteln den gehobenen gesellschaftlichen Status der Abgebildeten. Die Glarner Stadtschützen nahmen 1915 anlässlich des Jubiläums 600 Jahre Schlacht am Morgarten erstmals am Rütlischiessen teil. Seit 1952 (600 Jahre Glarnerbund) sind sie ständige Gäste.

In der Aufnahme von 1915 posiert die stolze, festlich gekleidete Schützengruppe vor dem «Krauer-Greith»-Denkmal, dessen Besuch zum Rütli- Ritual gehörte. Das Rütlischiessen wurde um 1862 begründet; als patriotisches Fest, Schiessen und geselliger Anlass in Erinnerung an den «Rütlischwur» und als jährliche Bekräftigung des «Gründungaktes» am «historischen» Ort und Zeitpunkt.

Für die liberalen Gründer zeugte das Rütlischiessen von der inneren Einheit und der historischen Rechtfertigung des jungen, nicht gefestigten Bundesstaats. Es demonstrierte Wehrbereitschaft und baute eine Brücke zur «heldenhaften Gründerzeit der Eidgenossenschaft».

Die Rede vom totalen Krieg

Im dritten Teil des Vortrags zeigte Jacober anhand wichtiger Exponenten auf, wie sich die Kriegs- und Militärtheorien in der Zeit zwischen 1874 und 1914 entwickelten:

● Wilhelm Rüstow, Oberst im Generalstab und Militärwissenschaftler, erachtete im naturgesetzlichen darwinistischen Sinn den Krieg als Existenzkampf, in dem der Fitteste überlebte. Seine Sprache vom totalen Krieg verwendeten später auch die Nationalsozialisten.

● Emil Rothpletz, Professor und Leiter der Militärabteilung am Polytechnikum Zürich, sah Krieg und Militär als kollektives Erziehungsmittel für Männer, hielt den «Volkskrieg» der «guten» Republik gegen monarchische Übergriffe für gerechtfertigt und propagierte die Einheit von Männer-, Staatsbürger- und Soldatenstaat.

Nach den Vorstellungen von Rothpletz erarbeitete Bundesrat Welti das Militärgesetz von 1874, das die Kompetenzen des Bundes stark erweiterte. Die Zentralisierung blieb nicht unangefochten, Widerstand formierte sich vor allem in den katholischen und welschen Kantonen.

Wille und sein preussischer Drill

Ende 19. Jahrhundert geriet die Schweiz durch die vier benachbarten, geeinten, monarchischen und militaristischen Grossmächte unter Anpassungsdruck. Das Militär entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg von einer Staatsbürger- zu einer Soldatenarmee.

● Der spätere General Ulrich Wille war ein Repräsentant der ab 1900 überwiegenden «neuen preussischen Richtung». Er setzte auf eine kleinere, durchexerzierte und militärisch erzogene Armee. Leitbilder waren «Männlichkeit» und rein militärisches «Führertum». Werte wie Demokratie, Staatsbürgertum lehnte er als «Verweichlichung» ab.

Hier blendete Referent Ralf Jacober eine Fotografie der ab den 1890er-Jahren üblichen soldatischen Kasernenhof-Erziehung ein, mit Drill, strenger Führung sowie Disziplin und Gehorsam. Gegen die «Verpreussung» regte sich auch Widerstand, vor allem in konservativen, radikal-freisinnigen und sozialdemokratischen Kreisen. Im Kanton Schwyz wurden in mehreren Volksabstimmungen nach 1876 Militärvorlagen abgelehnt.

Die Fotografien gewähren auch einen Einblick in geschichtliche Entwicklungen im Militärwesen. Zunächst beherrschte der Konflikt zwischen den militärischen Leitbildern «Volkswehr» und «neue preussische Richtung» die Szene, dann nach 1900 über Jahrzehnte der Widerspruch zwischen autoritärem und «autonomem» Militär einerseits und liberal-demokratischer Gesellschaft andrerseits.

Kommentar schreiben

Kommentar senden