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Vom Skandal des Erwachsenwerdens

Das Junge Theater Graubünden bringt ein Stück auf die Bühne, in dem es um die erwachende Sexualität junger Menschen geht. Vor 130 Jahren war das unerhört. So viel geändert hat sich nicht.

Ruth
Spitzenpfeil
Donnerstag, 14. März 2019, 04:30 Uhr Junges Theater Graubünden
Schamgefühle: Fiona Schmid (rechts) probt mit Marc Furrer (Mitte) und Yvo Furrer das heikle Gespräch über Schule und Sex, während der Rest des Ensembles auf den Einsatz wartet.
PHILIPP BAER

Als Frank Wedekind sein erstes grosses Drama 1890 entwirft, ist er selbst 26 Jahre alt. Der als Sohn eines deutschen Unternehmers durchaus privilegiert auf Schloss Lenzburg im Aargau aufgewachsene Jungschriftsteller löst damit ein Versprechen ein. Zwei seiner Mitschüler hatten Selbstmord begangen, wovon einer sich ihm vorher anvertraute. Er werde seine Nöte in einem Stück niederschreiben, sagte er jenem gemäss späteren Zeugnissen. «Eine Kindertragödie» nannte Wedekind das Werk im Untertitel, auch wenn die Pro-tagonisten mit 14 bis 15 Jahren eher Teenager sind. Jetzt hat das Junge Theater Graubünden (JTG) dieses «Frühlings Erwachen» ins Programm genommen. Es scheint, beim mühsamen Prozess des Erwachsenwerdens hat sich in 130 Jahren nicht so viel geändert.

Gar nicht so aufgeklärt

Bei einem Probenbesuch wird bald klar, dass sich die Jugendlichen in den Figuren Wedekinds leicht wiederfinden. «Das Thema hat nichts an Aktualität verloren», meint Roman Weishaupt, der Einstudierung und Regie diesmal Fiona Schmid überlassen hat. «Wir meinen, die neue Generation sei vollkommen aufgeklärt, dabei ist heute noch vieles so verklemmt wie damals», so der Theaterpädagoge. Dass ein solches Stück aber nicht eins zu eins auf die Bühne gebracht werden kann, versteht sich beim JTG von selbst. «Wir machen ja kein Casting für die Rollen, sondern arbeiten mit denen, die sich melden», erklärt Weishaupt.

Zur Arbeit mit den angehenden Schauspielern gehört deshalb am Anfang eines Projektes immer die intensive Beschäftigung mit dem vorliegenden Text. Wie verstehen ihn die Jugendlichen, und wie brechen sie ihn auf ihre eigene Situation herunter? Dies wurde auch im Fall von «Frühlings Erwachen» in viel freier Improvisation erprobt. Das ergab den Input für die Dramaturgin Martina Mutzner, welche eine stark angepasste Fassung schrieb. Schmid schätzt, dass nun rund 50 Prozent aus der Feder Wedekinds verblieben sind, der Rest hingegen O-Ton 2019 ist.

Irritierende Männlichkeit

Gleich in einer der ersten Szenen wird die fundamentale Kritik des Stückes am repressiven Schulsystem im Dialog der beiden männlichen Hauptfiguren angerissen. «Lieber wollt’ ich ein Droschkengaul sein um der Schule willen! – Wozu gehen wir in die Schule?», sagt der zutiefst verunsicherte Moritz. Jetzt wird daraus: «Warum gehen wir überhaupt in die Scheiss Schule. Nur um uns dann doch in den Arsch ficken zu lassen.» Später kommt Moritz gegenüber dem viel cooleren Freund Melchior auf sein drängendstes Problem zu sprechen, die irritierenden männlichen Körperregungen. Während die Jungs 1885 das Problem haben, überhaupt zu erfahren, wie eine Frau gebaut ist, wird heute anderes sanktioniert. Er sei beim Spannen in der Mädchenumkleide erwischt worden, gesteht Moritz. Er habe hundertmal «#MeToo» an die Tafel schreiben müssen.

Wedekinds Stück hat fast jedes Tabu seiner Zeit gebrochen. Unzensiert aufgeführt wurde es erst 34 Jahre nach dem Erscheinen. Das Junge Theater ist auf gutem Weg zu zeigen, dass es immer noch einen Skandal darstellt, erwachsen zu werden.

«Frühlings Erwachen». Premiere am Mittwoch, 10. April, 20 Uhr. Ausserdem am Donnerstag, 11. April, und Freitag, 12. April, jeweils 20 Uhr. Postremise, Chur.

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